Zwischen Höhenkrankheit, Müll und Massentourismus – Aufstieg zum Mount Everest

Massentourismus am Mount Everest
Durch die wachsende Touristen-Zahl am Mount Everest, entstehen langen Warteschlagen an gefährlichen Übergängen. Dadurch verbrauchen die Alpinisten mehr Sauerstoff als geplant. Dies kann zu einem Sauerstoffmangel führen und dadurch die Höhenkrankheit auslö © shutterstock

Den Aufstieg zum höchsten Berg der Erde als "lang und steinig" zu beschreiben, wäre eine grobe Untertreibung. Fehlender Sauerstoff oder die Höhenkrankheit zwingen viele Bergsteiger in die Knie. Erfahren Sie hier alles, was Sie zu diesem Thema wissen müssen.

Schon mal auf einem Billardtisch gestanden? Zusammen mit Dutzenden bunt vermummter Menschen, die durch vereiste Atemmasken japsen? In 8850 Metern Höhe, der Troposphäre des Planeten? Wo man die Welt mangels Sauerstoff nur noch im Tunnelblick sieht und kaum mehr als wirres Zeug brabbeln kann? Dies ist der Gipfel – zwei Quadratmeter grenzenlose Euphorie. Nirgendwo sonst auf Erden ist man dem Boden so fern, dem Himmel so nah und dem Leben so entrückt wie hier. Jetzt nichts wie raus aus den dicken Handschuhen, zur Einmal-Kamera greifen und verwackelte Erinnerungsfotos schießen. Nicht drängeln, jeder kommt mal dran. Einer nach dem anderen winkt, reckt seinen Eispickel in die Höhe oder zeigt, ganz benommen vom Höhenrausch, das Victory-Zeichen. "Will noch jemand daheim anrufen?", fragt ein Kletterer aus Kanada und fuchtelt mit einem Mobiltelefon herum. Ein anderer findet tatsächlich ein Fleckchen auf dem überfüllten Dach der Welt, wo er eine von einem tibetischen Mönch gesegnete Kappe seines Baseballvereins im Schnee verbuddeln kann. Wer es bis hierhin geschafft hat, ist gut. Wer es wieder nach unten schafft, ist besser.

David Sharp ist vermutlich bis ganz nach oben gekommen. Doch so genau weiß man das nicht. Es gibt keine Zeugen, die ihn an jenem 15. Mai 2006 bewusst auf dem Gipfel wahrgenommen hatten. Sharp war allein unterwegs, erklomm den Mount Everest auf der Nordroute von Tibet aus. Der 34-jährige Brite hatte sich für die günstige Variante entschieden: Für 6200 Dollar, rund ein Zehntel der Kosten der teuren Südroute aus Nepal, hatte er sich lose einer international zusammengewürfelten Expedition zum Gipfel angeschlossen. "Freeloaders" nennen Profikletterer Leute wie Sharp. Trittbrettfahrer mit mangelnder Ausrüstung, die erfahrenen Führern einfach hinterhergehen. Für gewöhnlich benötigt jeder Kletterer mindestens fünf Sauerstoffflaschen. Sharp sparte, nahm nur zwei und verzichtete auf Sherpas, Satellitentelefon, Funkkontakt. Es war sein drittes Mal auf dem Berg, bis auf den Gipfel hatte er es jedoch noch nie geschafft. "Das ist meine letzte Chance", hatte er zu anderen Bergsteigern gesagt. Und das Risiko, den höchsten Berg der Welt ganz allein zu bezwingen? "Auf dem Mount Everest bist du nie auf dich allein gestellt. Überall sind andere Bergsteiger, die notfalls helfen können." David Sharp sollte recht behalten. Und auch wieder nicht.

 

Der Letzte räumt den Müll vom Berg – Die Toten bleiben

Es gibt zwei Hauptrouten auf den Mount Everest: die Nordroute über Tibet und die Südroute über Nepal. Eine professionell organisierte Crew über die Südroute für etwa 65 000 Dollar besteht aus einem leitenden Bergführer, zwei Assistenten, drei bis vier Köchen und einem Arzt. Dazu kommt ein lokaler Verbindungsoffizier, der überwacht, ob die Expedition alle Regeln befolgt, sowie sieben Sherpas, die für ihre zweimonatigen Trägerdienste bis zum Gipfel jeweils bis zu 5000 Dollar verdienen. Es ist ein sehr riskantes Spiel für jeden Sherpa, Kunden auf den Everest zu bringen. Jahr für Jahr sinkt das Fitness- und Erfahrungsniveau der Menschen, die auf den Berg wollen. Manche Unternehmen stellen strenge Anforderungen an die Fitness ihrer Kunden. Andere tun alles, um zahlende Touristen auf den Gipfel zu bringen – ganz egal, wie fatal die Konsequenzen sind.

 

Wer nach Tibet absteigt, muss der chinesischen Regierung eine saftige Strafe zahlen

Weitere wichtige Träger: Yaks. Eine Expedition bringt es auf 150 der robusten Hochlandrinder, jedes trägt etwa 60 Kilo Ausrüstung über steiniges Gelände vom Flughafen in Lukla zum Basiscamp auf 5330 Metern Höhe. Die Kosten für die Herde: 7500 Dollar. Bevor es auf den Berg hinaufgeht, erhebt die nepalesische Regierung eine Gipfelgebühr. Pro Person liegt die zwischen 10 000 und 25 000 Dollar – ein Drittel der Wirtschaft des Kleinstaates wird allein vom Klettertourismus getragen. Dazu kommen unter anderem Gebühren für die Überquerung des Khumbu-Eisfalls, für Satellitentelefone (Telefongebühren: 2,50 Dollar pro Minute) sowie ein Pfand über 5000 Dollar, das man zurückerhält, wenn man seinen Müll vom Berg wieder mitnimmt. Dieser Betrag bleibt häufig auch nach einer Expedition in Nepal: Bergsteiger sind in der Extremhöhe in der Regel viel zu erschöpft, um verbrauchte Sauerstoffflaschen aus der Todeszone wieder hinunterzuschleppen. Besonders makaber: Ein Kletterer verlor seinen Freund auf dem Weg und erhielt sein Müllpfand nicht zurück. Offizielle Begründung: Er habe ja nicht alles – eben auch seinen toten Kameraden – wieder mitgenommen. Das chinesisch regierte Tibet verlangt zehnmal weniger Gebühren für den Aufstieg über die Nordroute. Teuer wird's nur, wenn man beim Klettern ohne Erlaubnis oder Visum die Landesgrenzen überschreitet: Gelangt man so nach Tibet, kassiert China eine 50 000-Dollar-Strafe.

 

Mit dem Monsun beginnt das gefährlichste Gedränge der Welt

Sind die Preise und Gebühren abgesteckt, warten Tausende Kletterer auf das magische Zeitfenster: die ersten beiden Maiwochen. Wie ein gigantischer Rammbock aus Luft bewegt sich dann der Monsun aus Richtung Indien gen Norden. Was aussieht, als hätte sich trotz blauem Himmel eine Wolke am Gipfel des Everest verfangen, ist in Wirklichkeit eine kilometerlange Fahne aus Eispartikeln. Vom Monsun kurzzeitig verdrängt, herrscht Anfang Mai dort oben "nur" Orkanstärke. Eine Klettertour unter solchen Bedingungen kann ein Mensch zumindest überleben. Doch auch wenn der Mount Everest über etliche Kilometer an Seilen und Leitern für Kletterer leicht zugänglich ist, erfordert die Höhe unerbittlich ihren Tribut. Mehr als 210 Menschen sind seit der Erstbesteigung umgekommen. Trotzdem ist der Everest mit insgesamt 4109 Besteigungen der begehrteste Achttausendergipfel unter Bergsteigern. Die Saison 2009 war mit fünf Toten verhältnismäßig ruhig – kein Vergleich zum Katastrophenjahr 1996, in dem 15 Bergsteiger auf dem Everest ihr Leben ließen. Heute liegen noch etwa 120 Leichen, weitgehend konserviert durch die Kälte, entlang der verschiedenen Routen. Es ist ungeschriebenes Everest-Gesetz, dass Tote dort liegen bleiben, wo sie gestorben sind. Eine Bergungsexpedition wäre zu gefährlich. Helikopter schaffen es wegen des niedrigen Luftdrucks nur bis zum Basislager. Die Todesursachen: Stürze, Lawinen, plötzlich hereinbrechende Orkane, in denen Kletterer festsitzen und erfrieren.

 

Die Gefahren der Höhe: Durch Sauerstoffmangel werden gestandene Männer zu sabbernden Kleinkindern

Doch das wahre Problem ist der niedrige Druck in der Höhe, der die Sauerstoffverteilung in der Luft minimiert. Folge: Der Körper leidet unter Sauerstoffmangel – egal, wie viel der Mensch atmet. Das Herz verlangt nach Sauerstoff und pumpt immer mehr Blut in die Arterien, bis die Kapillarwände reißen. Bergsteiger haben oft blutigen Schaum vor dem Mund, bevor sie ins Koma fallen. Diagnose: Lungenödem. Jede Minute sterben Millionen Hirnzellen an Unterversorgung. Kopfschmerzen, Schwindel, Halluzinationen – man entmenschlicht, verliert den Bezug zur Realität und wird körperlich ins Stadium eines hilflosen Kleinkindes zurückversetzt. Ein Bergsteiger mit Höhenkrankheit müsste ins Tal, um zu überleben. Doch auf dem höchsten Berg der Welt ist kaum jemand in der Lage, zu helfen. Das wurde auch David Sharp zum Verhängnis.

 

40 Kletterer stapften an dem sterbenden David Sharp vorbei – ihm helfen wollte oder konnte niemand

An jenem Maitag 2006 stapften 40 andere Kletterer an dem Erschöpften vorbei. "Mein Name ist David Sharp, und ich gehöre zu Asian Trekking", sagte er einem Sherpa. Die meisten Bergsteiger ignorierten ihn, andere boten ihm Tee und etwas Sauerstoff an. Ein Neuseeländer hielt Sharp für tot. Der Brite lag zu jenem Zeitpunkt bewusstlos in einer kleinen Höhle auf 8400 Metern Höhe, neben der Leiche eines Inders, der zehn Jahre zuvor ebenfalls dort sein Ende fand. Am 15. Mai erfror auch David Sharp.

 

Moral? In der Todeszone Fehlanzeige ...

Oberhalb von 8000 Metern, so ein zynischer Kletterspruch, könne man sich keine Moral erlauben. Auch das Stehlen lebenswichtiger Gegenstände, wie Sauerstoffflaschen oder Medikamente, scheint in den Hochlagern gang und gäbe zu sein. "Alles, was irgendwie von Wert war, war weg", schrieb der polnische Bergsteiger Marcin Miotk in einem offenen Brief im Internet. Sein Zelt wurde komplett ausgeraubt. Auf 8300 Metern, wenn alle auf den Gipfel wollten, gebe es keine Scham und keine Ethik, klagt Miotk.

Der Mount Everest hat sich in mehr als 50 Jahren zu einem Tummelplatz für rekordwütige Selbstverwirklicher entwickelt. Dazu gehören unter anderen das erste polnische Playmate, der erste Mann mit nur einer Niere, der jüngste (15 Jahre) und der älteste Everest-Besteiger (76 Jahre). "Schaut euch doch mal um hier", klagt Sherpa Kami Tenzing gegenüber US-Journalisten, "die Leute kommen hier hoch und glauben, sie können machen, was sie wollen. Jeder hier ist komplett verrückt."

Der texanische Multimillionär Chris Balsiger kaufte sich für 400 000 Dollar seine eigene Expedition, bestehend aus einem Dutzend Sherpas und einem Sternekoch, der tonnenweise Steaks und Salat in 38 Kühlcontainern zum Basiscamp schleppen ließ. "Der Everest ist ein bizarrer Ort", bestätigt ein Expeditionsleiter, "viele Leute gehören hier einfach nicht hin, aber mittlerweile kann man sich seinen persönlichen Zugang erkaufen."

Auf die Frage, ob ihn diese Entwicklung bestürze, zuckt der Bergsteiger-Pionier Tom Hornbein resigniert mit den Schultern: "Nein, ich habe mich damit abgefunden. Und dem Berg ist es sowieso egal."

 

Wenn der Höhenrausch zur Todesgefahr wird

Der Sauerstoffmangel in der Höhe verwandelt Menschen in Zombies. Wer den Gipfelgrat erreicht, tut dies im Schneckentempo, muss für jeden Schritt vier- bis fünfmal Luft holen. Und das, während hinten fünf andere Klettergruppen am Fixseil drängeln.

 

Wer hoch hinaus will, muss warten können

Häufig stauen sich an den klettertechnisch schwierigeren, mit Fixseilen gesicherten Stellen die Aufstiegswilligen mehrere Stunden lang. Die Zeit verrinnt, man kühlt beim Warten aus, und die Gefahr wächst, nicht mehr bei Tageslicht absteigen zu können.

 

Am Mount Everest steigt jeder über Leichen

Etwa 120 Leichen liegen entlang der Steigrouten, eine tote Bergsteigerin hing jahrelang in ihrem Seil an der Nordseite. Verwesung findet bei konstanten Minusgraden fast nicht statt. Eine Bergung der Toten wäre zu gefährlich für die Lebenden.

 

Der Müll, der Berg und der Tod

Schätzungen zufolge liegen 50 Tonnen Müll an den Flanken des Mount Everest: leere Sauerstoffflaschen, Reste von Zelten, Hunderte Konservendosen und Seile aus Kunststoff. Die meisten Bergsteiger sind zu erschöpft, um ihre Hinterlassenschaften wieder mitzunehmen.

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