Würden Sie das Herz eines Angehörigen spenden?

Bereitschaft zur Organspende gesunken
In Deutschland werden relativ wenig Organe gespendet. Ein Grund: der 2012 bekannt gewordene Organspende-Skandal © Fotolia

Die Zahl der in Deutschland gespendeten Organe ist im letzten Jahr stark zurück gegangen. Das zeigt der aktuelle Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Immer noch besitzen in Deutschland zu wenig Menschen einen Organspendeausweis und überlassen damit ihren Angehörigen die schwere Entscheidung. Als wichtigster Grund für den Einbruch der Spendenbereitschaft gilt aber das Bekanntwerden des Organspende-Skandals an deutschen Kliniken. Praxisvita.de hat dazu unter anderem den Experten Prof. Dr. Günter Kirste befragt.

In Deutschland ist die Spendenbereitschaft für Organe an einem neuen Tiefpunkt angelangt. Im Vergleich zu 2010 wurden im Jahr 2013 ein Drittel weniger Organspenden verzeichnet. Nur 876 Menschen waren im vergangenen Jahr bereit Organe zu spenden. Demgegenüber stehen aktuell in etwa 11.000 Menschen, die auf die Transplantation eines Organs warten. Das ermittelte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in ihrem Jahresbericht 2013.

 

Warum werden immer weniger Leben gerettet?

Ein Faktor für den Einbruch der Spendenbereitschaft ist die Tatsache, dass nach wie vor nur rund jeder zehnte Bundesbürger einen Organspendeausweis besitzt. Die Zahlen der DSO zeigen weiter, dass insgesamt nur 14 Prozent der Deutschen schriftlich ihren Wunsch bezüglich der Organspende nach ihrem Tod festhalten. Mehr als 40 Prozent äußern sich Zeit ihres Lebens überhaupt nicht dazu. Damit geben viele Menschen eine Entscheidung aus der Hand, die viele trauernde Angehörige überfordert zurücklässt. 2012 wurde das Transplantationsgesetz erweitert. Die Krankenkassen und Hausärzte müssen seitdem alle über 16jährigen regelmäßig dazu auffordern, über die Frage einer Organspende nachzudenken. Dennoch sterben in Deutschland nach wie vor jeden Tag drei Menschen, während sie auf ein neues Organ warten. Bislang greift die Maßnahme offensichtlich noch nicht. Obwohl eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK schon 2011 ermittelte, dass 71 Prozent der Deutschen bereit wären ein Organ zu spenden. Wieso sinken die Zahlen der Spenden trotzdem so weit in den Keller?

Ein weiterer Grund für die mangelnde Spendenbereitschaft in Deutschland gilt unter vielen Experten als ausgemacht: Im Jahr 2012 – ein Jahr nach der Forsa-Umfrage – wurde Deutschland von dem Organspende-Skandal erschüttert. Zuerst wurden in der Uni-Klinik Göttingen und schließlich in zahlreichen weiteren Kliniken deutschlandweit massive Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe gespendeter Organe festgestellt. Rainer Hess – ehemaliger Vorsitzender der DSO – sieht darin „eine große Verunsicherung“ begründet. Der Vorsitzende von Eurotransplant Bruno Meiser dagegen erklärte, dass nicht die gestiegene Skepsis in der Bevölkerung für den Rückgang der Organspenden verantwortlich sei, sondern vielmehr eine gesunkene Bereitschaft der Ärzte potentielle Spender der DSO zu melden.

 

Das sagt der Experte

In einem Experteninterview mit dem Transplantationschirurgen und Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Organtransplantation Prof. Günter Kirste klärt Praxisvita.de für Sie alle wichtigen Fragen zum Thema Organspende in Deutschland.

Wie kriege ich den Organspendeausweis?

Von Ihrer Krankenkasse. Sie können ihn aber auch online runterladen oder in Apotheken, Krankenhäusern und bei Hausärzten abholen.

Was passiert, wenn ich das Anschreiben ignoriere?

Gar nichts. Das Zusenden dient vor allem dazu, die Bürger über Organ- und Gewebespenden zu informieren.

Dürfen meine Kinder selbst entscheiden?

Ja, ab 16 Jahren. Im Ernstfall müssen die Eltern einer Organspende allerdings trotzdem zustimmen.

Welche Organe kann man spenden?

Niere, Herz, Leber, Lunge, Dünndarm, Bauchspeicheldrüse und Gewebe können nach dem Hirntod gespendet werden.

Wie genau ist der Hirntod definiert, wie wird er festgestellt?

Eine Organspende wird erst in Betracht gezogen, wenn zwei Ärzte den Hirntod unabhängig voneinander bestätigen. Jegliche Hirnaktivität muss ausgeschlossen sein. Der Hirnstamm sowie das Groß- und Kleinhirn sind irreparabel beschädigt. Die Herz- und Kreislauffunktionen werden nur noch von Maschinen künstlich aufrechterhalten.

Was genau macht die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)?

Wir sind die Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende. Die DSO begleitet in der Akutsituation alle Abläufe der Transplantation. Von der Mitteilung eines möglichen Spenders im Krankenhaus bis zur Übergabe der Organe an die Transplantationszentren.

 

Die wichtigsten Gesetzänderungen nach dem Organspende-Skandal

Als Reaktion auf das Bekanntwerden des Organspende-Skandals im Jahre 2012 wurde das Transplantations-Gesetz verschärft. Praxisvita.de hat für Sie die wichtigsten Neuerungen zusammengefasst.

Transplantations-Beauftragter:

In jedem Krankenhaus, in dem Organe entnommen werden, muss es einen Transplantations-Beauftragten geben. Seine Aufgabe ist es, den vollständigen Ablauf der Organspende zu koordinieren. Er soll gewährleisten, dass die geltenden Qualitäts- und Sicherheitsansprüche eingehalten werden.

Mehr Befugnisse für die Kontrollgremien:

Alle beteiligten Stellen – Krankenhäuser, die Deutsche Stiftung Organspende und Eurotransplant – sind verpflichtet, sämtliche Unterlagen der Überwachungs- und Prüfungskommission der Bundesärztekammer vorzulegen. Das soll für Transparenz sorgen und Unregelmäßigkeiten erschweren.

Unangemeldete Kontrollen:

Alle Transplantationszentren müssen damit rechnen, dass bei ihnen künftig jederzeit unangemeldete Kontrollen durchgeführt werden. Stichprobenartig wird so überprüft, ob alle Auflagen eingehalten werden.

Sechs-Augen-Prinzip:

Um Manipulationen unmöglich zu machen, entscheidet nicht nur das interdisziplinäre Transplantations-Team über die Aufnahme Betroffener in die Warteliste. Es muss auch ein unabhängiger Mediziner dabei sein, der nichts mit der Transplantation zu tun hat.

Fehlanreize vermeiden:

Bislang gab es Vereinbarungen in Krankenhäusern, dass Ärzte Bonus-Zahlungen erhalten, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Transplantationen durchgeführt haben. Diese finanziellen Anreize sollen die Träger der Kliniken nicht mehr anbieten.

Hamburg, 12. April 2014

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