Worum handelt es sich bei dem Reye-Syndrom?

Expertin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Die Ursachen des Reye-Syndroms sind noch nicht vollständig geklärt. Acetylsalicylsäurehaltigen Schmerzmittel scheinen die Krankheit aber zu begünstigen.“ © Privat

Was hat das sogenannte Reye-Syndrom damit zu tun, dass man Kindern keine acetylsalicylsäurehaltigen Schmerzmittel wie Aspirin geben soll? Kinderärztin Dr. Nadine Hess erklärt die seltene Krankheit.

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Immer wieder hört man, dass man Kindern keine acetylsalicylsäurehaltigen Schmerz- und Fiebermittel wie beispielsweise Aspirin geben soll. Aber warum nicht? Was kann passieren und ist der Zusammenhang zwischen einer Krankheit und dieser Schmerzmittelgruppe bewiesen?

 

Worum handelt es sich beim Reye-Syndrom?

Die Annahme geht zurück auf das sogenannte Reye-Syndrom. Es handelt sich hierbei um eine nichtentzündliche Erkrankung des Gehirns und der Leber. Die genaue Ursache des Reye-Syndroms ist unbekannt, oft entsteht sie aber infolge eines viralen Leidens, wie beispielsweise nach einer Infektion mit Windpocken oder der Grippe. Dabei kommt es bei Kindern zwischen sechs Monaten und 15 Jahren zu einem ausgeprägten Hirnödem, also einer Schwellung im Gehirn, sowie einer Leberverfettung. Beim Alter der Betroffenen gibt es auch Ausnahmen: Es sind Erkrankungen bis zum 18. Lebensjahr belegt.

Kind mit Windpocken
Häufig geht dem Reye-Syndrom eine virale Erkrankung wie beispielsweise Windpocken voraus© Fotolia

Generell handelt es sich bei dem Reye-Syndrom um eine seltene Erkrankung – etwa zwei von 100.000 Kindern sind pro Jahr davon betroffen. Nicht nur ein vorhergehender Virusinfekt scheint die Krankheit zu begünstigen, sondern auch die gleichzeitige Einnahme des Schmerz- und Fiebermittels Acetylsalicylsäure (ASS), das beispielsweise in Aspirin vorkommt. Ebenso stehen Toxine wie die sogenannten Aflatoxinen, also Giftstoffe, die von Schimmelpilzen produziert werden oder aus Insekten- oder Pflanzenschutzmitteln entstehen, in Verdacht. Hinzukommen können noch genetische Komponenten oder auch sogenannte mitochondriale Auffälligkeiten. Mitochondrien sind sozusagen die Kraftwerke der Zellen, die für die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP) zuständig sind. ATP versorgt die Zellen mit Energie.

 

Warum ist ein Hirnödem so gefährlich?

Kurz nach einem Infekt, wenn sich das Kind eigentlich schon wieder auf dem Weg der Besserung befindet, kommt es plötzlich zu einem „Rückschlag“. Dieser beginnt mit anhaltendem Erbrechen und führt schließlich zu zunehmendem Bewusstseinsverlust, der durch das Hirnödem ausgelöst wird. Die größte Gefahr dabei ist, dass der Hirnstamm einklemmt, der unter anderem die Atmung reguliert. Man teilt das Reye-Syndrom in fünf Schweregrade ein. Kinder, die nur mit dem Schweregrad eins erkrankt sind, erholen sich oft wieder, alle weiteren Schweregrade gehen häufig mit bleibenden Schäden oder sogar dem Tod einher. In den Stadien vier und fünf überleben nur 30% der Kinder. Eine Behandlung muss immer intensivmedizinisch erfolgen, es sind aber nur unterstützende Behandlungen möglich – Eindämmung des Hirnödems und, wenn notwendig, maschinelle Beatmung.

Wie gesagt sind die genauen Mechanismen, die zu einem Reye-Syndrom führen, immer noch nicht vollständig geklärt. Wichtig ist aber in jedem Fall, Kindern kein Schmerzmittel mit Acetylsalicylsäure zu verabreichen – auch wenn den allermeisten Kindern dadurch kein Schaden entsteht.

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