Woran erkenne ich einen Eisenmangel?

Dr. med. Nadine Hess

Ein fast einjähriges Kind wirkt in letzter Zeit immer müde und schlapp – obwohl es früher sehr aufgeweckt war. Dr. Nadine Hess erzählt von einem Fall aus der Praxis und erklärt, wie Eltern Eisenmangel bei Kindern erkennen können.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Eine helle und blasse Schleimhaut im Auge und trockene Haut sind oft ein Zeichen für einen Eisenmangel.“ © Privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Kürzlich wurde mir ein kleiner Junge vorgestellt, der noch nicht ganz ein Jahr alt war. Die Entwicklung des Kindes war bislang eigentlich unauffällig gewesen – bis auf die Tatsache, dass es vier Wochen zu früh und mit zu niedrigem Geburtsgewicht zur Welt gekommen war. Das leichte „Startgewicht“ hatte sich verbessert – der Junge war zwar immer noch ziemlich leicht und zart, aber nicht mehr untergewichtig. Jetzt war die Mutter besorgt: Das Kind wirke in der letzten Zeit irgendwie schlapper, schlafe mehr und sei auch viel weniger quirlig als sonst. Früher habe sie den Nachwuchs kaum aus den Augen lassen können, weil er so aufgeweckt war.

 

Die Schleimhaut im Auge war auffällig

Ich sah mir den Jungen genau an. Einen Hinweis auf einen Infekt konnte ich nicht finden, Fieber hatte er in der letzten Zeit auch nicht gehabt, berichtete die Mutter. Der Appetit sei wie immer, trinken würde er auch genug – wir konnten nicht wirklich etwas finden. Die Hautfarbe war blass, aber das war schon immer so gewesen. Vorsichtshalber  schaute ich mir dennoch die Schleimhaut im Auge, die sogenannte Konjunktiva, genauer an – sie war nicht rosarot, wie es normalerweise sein sollte, sondern sehr hell und blass. Auch die Haut kam mir trockener vor als sonst – beides sind typische Zeichen eines Eisenmangels. Möglich war aber auch eine Unterfunktion der Schilddrüse oder eine versteckte Infektion. Um eine Diagnose stellen zu können, war eine Blutentnahme notwendig.

Bei uns in der Praxis machen wir Blutentnahmen immer nach vorheriger Applikation eines Betäubungspflasters. Die einzige Ausnahme von dieser Regel betrifft absolute Notfälle – und die kommen selten vor. Das Pflaster kommt nämlich etwa eine Stunde lang auf die Stelle, an der man das Blut abnehmen möchte. Dann bemerkt das Kind zwar den Picks noch, aber er ist schmerzfrei. Wir klebten dem Jungen also ein „Zauberpflaster“ auf und baten die Mutter, eine Stunde mit ihm spazieren zu gehen und dann wiederzukommen.

um Eisenmangel festzustellen, wird Blut abgenommen
Sollte Ihr Kind plötzlich immer schlapp und müde wirken, sollten Sie eine Blutabnahme beim Kinderarzt vornehmen lassen – vielleicht leidet der Nachwuchs an Eisenmangel © Fotolia

Die Blutentnahme ergab normale Werte für die Schilddrüse, Entzündungszeichen  fanden sich ebenfalls keine, Leber, Niere und alle weiteren wichtigen Organe waren auch in Ordnung.  Auffällig waren aber die roten Blutkörperchen und die Eisenwerte – es lag ein schwerer Eisenmangel vor. Wahrscheinlich war unser kleiner Mann durch das sehr leichte Geburtsgewicht und die Frühgeburt schon mit wenigen Reserven im Eisenspeicher zu Welt gekommen und nun war alles aufgebraucht.

 

Die Behandlung mit Eisentropfen brachte Besserung

Wir begannen eine Behandlung mit Eisentropfen, die von der Mutter dreimal täglich verabreicht werden sollten. Die Menge war an das Gewicht des Kindes angepasst. Bei einem bestehenden Eisenmangel ist es wichtig, dass die Eisentropfen nicht zusammen mit einem Milchprodukt eingenommen werden: Der hohe Calciumgehalt der Milch hemmt die Aufnahme des Eisens. Vitamin-C-haltige Lebensmittel wie beispielsweise Orangensaft erhöhen hingegen die Eisenaufnahme. Es bietet sich daher an, die Eisentropfen mit einem Löffel Orangensaft zusammen zu verabreichen. Da die Tropfen nicht sonderlich gut schmecken, ist diese Methode für das Kind wahrscheinlich sogar am besten.

Nach drei Monaten kontrollierten wir die Blutwerte des Jungen wieder – der Kleine war wieder der alte Wildfang und es ging ihm bestens, das zeigten auch die Laborergebnisse. Dennoch behandelten wir  noch zwei Monate länger mit dem Eisenpräparat, damit die Eisenspeicher auch wieder komplett gefüllt waren und es nicht zu einem erneuten Mangel kommen konnte.

 

 

 

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