Wissenschaftler entschlüsseln die Geheimnisse des Tagträumens

Verena Elson
Tagträumen
Als Tagtraum bezeichnen Psychologen „aufgabenunabhängiges Denken“ – man denkt, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen © istock

Tagträumer sind häufig intelligenter und kreativer, zeigt eine aktuelle Studie. Aber was genau bedeutet eigentlich Tagträumen? Wann nützt es uns, wann schadet es? Und wie viel Tagträumen ist zu viel? Praxisvita hat die wichtigsten Forschungsergebnisse zum Thema Tagträumen zusammengetragen.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Es kann schon irritierend sein, wenn der Partner während des Gesprächs mit leerem Blick vor sich hin starrt. Irritiert oder verärgert reagiert auch so mancher Lehrer, wenn ein Kind ständig aus dem Fenster schaut, anstatt sich seinen Aufgaben zu widmen.

Doch in vielen Fällen sind die gescholtenen Tagträumer gar nicht unaufmerksam. Sie träumen und kriegen gleichzeitig alles Wesentliche um sie herum mit. Wird der Schüler etwa nach dem besprochenen Lehrstoff gefragt, kennt er die richtige Antwort – und auch der „abwesende“ Gesprächspartner kann trotz des leeren Blicks sinnvoll antworten.

Das Gehirn solcher Tagträumer arbeitet so effizient, dass sie noch genügend Kapazitäten zum Träumen frei haben. Das haben Wissenschaftler des Georgia Institute of Technology in einer aktuellen Studie herausgefunden.

 

Tagträumer träumen, weil sie es sich leisten können

„Menschen mit effizienten Gehirnen könnten zu viel Gehirnkapazität haben, um ihre Gedanken am Wandern zu hindern“, sagt Co-Autor Eric Schumacher in einer Pressemitteilung. Das Team zeichnete die Gehirnaktivität von mehr als 100 Probanden per MRT auf, während sie fünf Minuten lang einen Punkt fixierten.

Das Ziel dabei war es, herauszufinden, welche Gehirnareale bei den Studienteilnehmern in einem wachen, entspannten Zustand zusammenarbeiten. Denn, so Studienautorin Christine Godwin: „Interessanterweise hat die Forschung gezeigt, dass die Verhaltensmuster des Gehirns in einem solchen Zustand mit verschiedenen kognitiven Fähigkeiten in Zusammenhang stehen.“

Bestimmte Aktivitätsmuster des Gehirns bezeichnen die Forscher als besonders effizient. Ein Gehirn, das effizient arbeitet, bedeutet demnach, dass diese Menschen mehr Kapazität zum Denken haben – während sie leichte Denkaufgaben erfüllen, können sie gleichzeitig ihre Gedanken wandern lassen.

Gehirn
Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass das Gehirn während des Tagträumens besonders aktiv ist© istock

Zusätzlich beantworteten die Probanden Fragen dazu, wie häufig sie im Alltag tagträumten und absolvierten Intelligenz- und Kreativitätstests. Das Ergebnis: Probanden, die häufiger tagträumten, schnitten in den Tests besser ab und die MRT-Untersuchungen zeigten „effizientere“ Aktivitätsmuster ihrer Gehirne.

 

Habe ich ein effizientes Gehirn?

„Menschen tendieren dazu, Tagträumen als etwas Schlechtes anzusehen. Man versucht, aufmerksam zu sein, aber man kann nicht“, sagt Schumacher. „Unsere Daten zeigen, dass das nicht immer wahr ist. Manche Menschen haben einfach effizientere Gehirne.“

Woher weiß ich, ob mein Gehirn effizient arbeitet? Ein Anzeichen ist laut der Autoren die Fähigkeit, während eines Gesprächs oder einer Aufgabe mit den Gedanken abzuschweifen und wieder zum Geschehen zurückzukehren, ohne wichtige Schritte oder Fakten zu verpassen.

Als Beispiel nennt Schumacher Schulkinder, die ihrer Klasse intellektuell voraus sind. „Während ihre Klassenkameraden fünf Minuten brauchen, um etwas Neues zu lernen, haben sie es in einer Minute verstanden, schweifen ab und fangen an zu träumen.“

 

Was weiß die Forschung über Tagträumen?

Ein Tagtraum wird von Psychologen als „aufgabenunabhängiges Denken“ definiert, man denkt, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Wie die Träume, die uns im Schlaf heimsuchen, sind auch Tagträume bildhafte Produkte der eigenen Fantasie. Sie können absichtlich herbeigeführt werden oder sich ohne die Kontrolle des Tagträumers in dessen Kopf „schleichen“.

Während Tagträumen von der Wissenschaft lange Zeit als untätiger, passiver Zustand angesehen wurde, deuteten in den letzten Jahren immer mehr Studien darauf hin, dass das Gehirn während des Tagträumens sogar besonders aktiv ist. Eine 2009 veröffentlichte Studie der University of British Columbia im kanadischen Vancouver zeigte etwa, dass im Tagtraum-Modus weit mehr Gehirnareale aktiviert sind als beim Erfüllen von Routineaufgaben.

 

Tagträumen kann helfen, Probleme zu lösen

In derselben Studie fanden die Forscher um Prof. Kalina Christoff heraus, dass beim Tagträumen jene Gehirnareale aktiv sind, die auch für die Lösung komplexer Probleme zuständig sind. Wer bei der Lösung eines Problems nicht weiter kommt, sollte darum eine Pause machen, sich leichteren Aufgaben widmen und seinen Gedanken die Gelegenheit geben, auf Wanderschaft zu gehen, so die Studienautoren. So könnte schneller eine Lösung des Problems herbeigeführt werden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Wissenschaftler der University of California um US-amerikanischen Santa Barbara in einer 2012 veröffentlichten Studie. Sie fanden heraus, dass Tagträumen die Fähigkeit, kreative Lösungen für ein Problem zu finden, fördert.

Wurden die Probanden dazu ermuntert, zwischenzeitlich in Tagträume abzuschweifen, schnitten sie bei den Tests besser ab. Eine im selben Jahr veröffentlichte Studie konnte zeigen, dass Tagträumer besser darin sind, zu priorisieren und sich trotz verschiedener Ablenkungen wichtige Fakten zu merken.

 

Tagträumen ist nicht immer angenehm

Tagträumen kann also nützlich sein. Viele empfinden es außerdem als entspannend und unterhaltsam, etwa während einer Zugfahrt. Doch es kann auch unangenehm sein – wenn man dazu gezwungen wird. Das zeigte ein Experiment von Wissenschaftlern der University of Virginia, bei dem Probanden 15 Minuten lang in einem Raum saßen und entweder ihren Gedanken nachhängen oder sich selbst mit einem Gerät einen leichten Stromschlag verpassen konnten.

Ein Viertel der Frauen und zwei Drittel der Männer, die zuvor angegeben hatten, bereit zu sein, Geld dafür zu bezahlen, dass sie keinen Stromschlag bekommen müssten, versetzten sich in den 15 Minuten mindestens einen Schlag – sie zogen den Schmerz der Situation vor, mit ihren Gedanken allein gelassen zu werden.

Tagträumen in der Bahn
Viele Menschen empfinden Tagträumen als entspannend und unterhaltsam, etwa während einer Zugfahrt© istock
 

Ab wann wird Tagträumen krankhaft?

Wie bei vielem, das uns gut tut, kommt es auch beim Tagträumen auf die Dosis an: Wenn die Tagträume so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, weil sie „den Tag verträumen“, sprechen Mediziner von maladaptivem Tagträumen. Betroffene leben mehr in ihren Träumen als in der Realität.

Ob es sich dabei wirklich um ein Krankheitsbild handelt, ist noch umstritten. Doch zu viel Tagträumen ist schädlich, da sind sich Psychologen einig. Wenn die Träume wichtiger werden als das persönliche Umfeld und der Arbeitsplatz und wenn Betroffene nachts stundenlang wachliegen, um Zeit in ihren Tagträumen zu verbringen, sollten sie medizinische Hilfe suchen – denn dann kann das Tagträumen auch ein Symptom einer anderen psychischen Störung sein.

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