Wirkungslose Antibiotika: Ist Durchfall bald unheilbar?

Rasmus Cloes
Wie lange helfen Antibiotika noch bei schweren Infektionen mit Bakterien?
Wie lange helfen Antibiotika noch bei schweren bakteriellen Infektionen? © shutterstock

Die Zahl der Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, wächst. Davor warnt die Europäische Union. Sorgen bereitet ihr besonders eine bestimmte Art.

Ärzte und Gesundheitsexperten warnen seit Jahren vor Bakterien, die Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln. Politiker verabschieden Notfallpläne, zuletzt dominierte das Thema sogar das wichtige G-7-Treffen. Ein aktueller Bericht der europäischen Seuchenschutzbehörde (ECDC) und der europäischen Behörde für Ernährungssicherheit (EFSA) zeigt jetzt: Trotz aller Bemühungen verschlechtert sich die aktuelle Situation noch immer.

„Jedes Jahr sterben in der EU über 25 000 Menschen an den Folgen von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien“, sagt Vytenis Andriukaitis, EU-Beauftragter für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, während der Vorstellung des Berichts.

SALMONELLEN

Die stäbchenförmigen Bakterien kommen unter anderem in tierischen Lebensmitteln vor, die nicht genügend erhitzt wurden.

CAMPYLOBACTER JEJUNI

Die korkenzieherförmigen Bakterien sind die in Deutschland am häufigsten auftretenden Durchfallerreger.

Besonders zwei Antibiotika-Resistenzen bereiten den Experten Sorge: Die von Campylobacter, dem Auslöser der sogenannten Campylobacter-Enteritis, und die von Salmonella – verantwortlich für Salmonellen. Beide sind hochansteckend und zählen zu den häufigsten Auslösern von Durchfallerkrankungen in Europa.  

Bislang gab es mit Colistin noch ein wirksames Antibiotikum gegen Salmonellen  – doch auch das scheint sich zu ändern: Die Wissenschaftler fanden in Geflügelmastbetrieben erste Bakterien, die auch dagegen resistent sind. „Das ist besorgniserregend, weil es bedeutet, dass auch das letzte Mittel bei schweren Salmonellosen seine Wirkung zu verlieren scheint“, sagt Mike Catchpole, leitender Wissenschaftler der ECDC. Und dabei handelt es sich bei Colistin schon um eine Art letzten Strohhalm. Es ist ein altes Medikament mit starken Nebenwirkungen und wurde lange Zeit nicht verschrieben. Bis es vor einigen Jahren als letzte Rettung entdeckt wurde.

 

Wie fördern Antibiotika Resistenzen?

Wie lange helfen Antibiotika noch bei schweren Infektionen mit Bakterien?
Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht gilt als einer der wichtigsten Auslöser für die Resistenzen© Fotolia

Es klingt wie ein Widerspruch: Je mehr Antibiotika verabreicht werden, desto besser können sich die Bakterien gegen sie wappnen – Experten sprechen vom sogenannten antibiotischen Druck. Über Medikamente, Fleisch und Gemüse nimmt jeder Mensch jährlich rund 500 Gramm Antibiotika zu sich. Die Folgen sind verheerend: Ohne Antibiotika-Kontakt mutiert eines von zehn Millionen Bakterien. Kommen die Bakterien allerdings in Kontakt mit Antibiotika, aktivieren sie ihr Abwehrprogramm – die Anzahl der Mutationen vervielfacht sich: Jetzt mutiert schon etwa jedes tausendste Bakterium.

 

Gibt es bald keine Antibiotika mehr?

Der EU-Bericht weckt Sorgen, dass wir auf ein sogenanntes Post-Antibiotisches-Zeitalter zusteuern und in der Tat rechnen einige Experten mit einer solchen Entwicklung. Andere arbeiten jedoch aktiv daran, genau das zu verhindern: Weltweit forschen Wissenschaftler fieberhaft nach neuen Antibiotika, die Resistenzen begegnen können.

Die Wissenschaftler Eduard Babiychuk und Annette Draeger von der Universität Bern etwa setzen auf Liposomen. Diese Nanopartikel werden aus der Fettschicht von Körperzellen gebildet und unter anderem dafür verwendet, Medikamente in den Körper zu transportieren. Die Wissenschaftler haben die Liposomen nun so zusammengesetzt, dass sie im Körper die bakteriellen Giftstoffe anziehen und neutralisieren. So werden die Bakterien für den Menschen ungefährlich und können vom Immunsystem bekämpft werden.

Im Tierversuch hat das Medikament schon positive Ergebnisse erzielt: Mit tödlicher Blutvergiftung angesteckte Mäuse wurden so geheilt.

Wenn sich das inzwischen patentierte Medikament namens CAL02 bewährt, wäre das ein Meilenstein im Krieg gegen multiresistente Bakterien. "Da die Wirkung der Liposomen sich nicht gegen die Bakterien selbst richtet, kann sich auch keine Resistenz entwickeln", sagt Draeger.

Auch der US-Mikrobiologe Stuart B. Levy will die Menschen vor Bakterien schützen, ohne die Mikroben dabei zu zerstören. Zum Beispiel durch die bloße Deaktivierung desjenigen Proteins, das die Infektion im Körper auslöst. So kann sich das Bakterium normal entwickeln, dem Menschen aber keinen Schaden mehr zufügen. "Wir sollten nicht versuchen, alle Bakterien auszurotten. Denn wir brauchen die Bakterien für unsere Entwicklung - umgekehrt aber brauchen die Bakterien uns nicht."

Hamburg, 15. Februar 2016

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