"Wir stottern ... na und?”

Aus Angst vor Stottern aus dem Büro flüchten
Als es klingelte, flüchtete Maja Seegert aus ihrem Büro – aus Angst davor, am Telefon zu stottern © Fotolia

In Deutschland gibt es rund 800000 Menschen mit diesem Sprachfehler. Zwei von ihnen erzählen, wie sie damit umgehen.

 

In der Schule bemerkte man Majas Sprachfehler sehr schnell

Sie hasst es zu telefonieren oder im Restaurant zu bestellen. Dafür geht sie gern in eine Disco. Da ist es laut, und man muss nicht so viel reden. Denn Maja Seegert (29) aus Hannover stottert, seitdem sie sprechen kann.

Therapien, die sie als Kind gemacht hat, halfen nicht: "Dazu haben mich immer andere gedrängt – die Lehrer oder meine Eltern. Ich hatte bis zur Schulzeit kein Problem damit”, sagt Maja Seegert heute. Denn im privaten Umfeld machte es ihr damals gar nicht so viel aus zu stottern: "Ich kannte es doch gar nicht anders. Meine Freunde waren daran gewöhnt und haben mich nicht aufgezogen.”

In der Schule allerdings fiel sie mit ihrem Sprachfehler auf. Jeder merkte, dass sie Vokale kaum aussprechen konnte, dann jedes Mal das Wort von vorn begann. Folge: Sie beteiligte sich immer seltener am mündlichen Unterricht. "Zur Zensurvergabe hat mich mal eine Lehrerin vor die Tür geschickt und mit meinen Mitschülern beratschlagt, welche Note sie mir geben soll. Das war demütigend”, erinnert sich Maja Seegert. Sie bekam eine 4.

Nach der 11. Klasse ging sie von der Schule ab und wurde auf den Rat eines Arbeitsamt-Mitarbeiters hin Steuerfachgehilfin: "Da muss ich vor allem mit Zahlen umgehen. Die meisten Kollegen haben mein Stottern locker genommen. Aber mich selbst störte es mehr und mehr.” Besonders Telefongespräche wurden für Maja Seegert zur Qual. "Wenn wir nur noch zu zweit im Büro waren und das Telefon klingelte, bin ich schnell auf die Toilette verschwunden. Als ich einmal doch rangehen musste, habe ich so lange meinen Namen nicht herausgebracht, bis der Anrufer auflegte.” Eine Mandantin beschwerte sich sogar wegen höherer Telefonkosten.

 

Mit Hilfe von Videoaufnahmen analysierte Maja das eigene Stotterverhalten

Vor zwei Jahren stieß Maja Seegert im Internet auf die Stottererselbsthilfegruppe. "Zum ersten Mal traf ich andere mit demselben Problem. Das war, als ob ich in einen Spiegel sehe.” Dort erfuhr sie von einem Therapieangebot in Hamburg. Mit Hilfe von Videoaufnahmen analysierte sie ihr Stotterverhalten. Sie lernte Techniken, mit denen sie die Phasen, wenn sie zu stottern begann, verkürzen kann. Und sie stellte sich immer wieder bewusst unangenehmen Situationen.

Trotz aller Erfolge weiß sie, dass ihr Stottern sie ihr Leben lang begleiten wird. "Aber es liegt an mir, wie ich damit umgehe. Es gibt kein Patentrezept. Jeder muss sich eine Therapie suchen, die zu ihm passt.”

 

Einem Stotterer hört man oft nicht zu

"Manfred Ullrich” – eine angenehm freundliche Stimme meldet sich am Telefon. Dieser dynamische und lebensfrohe Mann soll stottern? Davon merkt man dem studierten Maschinenbauer aus Schwerte nichts an.

Das war nicht immer so. "Tagtäglich musste ich Tiefschläge einstecken. Wenn man stottert, hören einem die Leute oft nicht zu. Man wird unterbrochen, weil andere schneller sind. Und man kann seine Wünsche oder Vorschläge nicht äußern”, sagt der 38-Jährige.

Die Schule hat ihm nie Spaß gemacht. Am Ende reichte es nur zum Hauptschulabschluss. Eigentlich wollte er Rundfunk- und Fernsehmechaniker werden. Doch beim Arbeitsamt wurde ihm empfohlen, sich lieber zum Werkzeugmacher ausbilden zu lassen – da müsse man nicht so viel sprechen.

 

Seine Frau akzeptierte ihn auch mit Sprachfehler

"Ich fühlte mich unterfordert. Meine schriftlichen Leistungen waren immer gut. Nur weil ich stottere, bin ich nicht dumm.” Er machte auf der Abendschule das Abitur nach, begann mit 25 Jahren Maschinenbau zu studieren. Während des Studiums mogelte er sich um Referate herum, reichte alles schriftlich ein. Für sein Diplom musste er in die mündliche Prüfung. "Andere haben ihre Familie oder Freunde in die Prüfung mitgenommen. Das war mir zu peinlich. Ich wollte nicht, dass jemand das Elend hört”, sagt er.

Selbsthilfegruppe Stottern
In einer Selbsthilfegruppe fand Manfred Hilfe. Ein Therapeut beseitigt schließlich sein Stottern© shutterstock

Doch er bestand. Mittlerweile hat er sich mit einer Firma für Kunststoffbeschichtungen erfolgreich selbstständig gemacht. "Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Ich merkte, dass meine Kunden bei mir kaufen, weil ich gute Arbeit leiste”, sagt er.

Während des Studiums lernte er auch seine Frau Sabrina (30) kennen – in der Tanzschule, in der er als DJ arbeitete. "Sobald ich das Mikrofon in der Hand hatte, sprach ich mit anderer Betonung und Tonlage”, sagt er. Trotzdem merkte seine Frau schon ziemlich schnell, dass ihr Zukünftiger stottert. "Vor unserer Heirat habe ich das Thema angesprochen, weil ich es geklärt haben wollte. Für meine Frau war das kein Problem. Sie akzeptiert mich auch mit meinem Sprachfehler.”

 

Nach der Geburt der Tochter holte sich Manfred Hilfe

Erst als seine Tochter geboren wurde, wollte Manfred Ullrich etwas gegen sein Stottern tun: "Ich hatte Angst, dass mein Kind vielleicht auch damit anfängt.” In einer Selbsthilfegruppe in Münster, auf die er im Internet gestoßen war, fand er Hilfe. Er wollte alles übers Stottern wissen, besuchte Seminare, las viel darüber. Und machte bald die ersten Fortschritte. "Ich lernte wieder so sprechen, wie ein Kind es tut”, sagt er. "Eineinhalb Jahre habe ich mit aller Kraft immer wieder geübt, dabei sogar meine Familie vernachlässigt. Früher habe ich gedacht, der Therapeut beseitigt das Stottern. Jetzt habe ich gelernt, dass man es selbst wollen muss. Und jeder Stotterer etwas tun kann."

Auch heute arbeitet er noch an sich. "Mein Ziel ist es, flüssig zu sprechen, ohne das Sprechen ständig zu kontrollieren.”

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