“Wir stellen nur Autisten ein“

Das Softwaretester-Team von Auticon besteht nur aus Autisten
Das Team der Berliner Firma „Auticon“: Hier arbeiten nur Autisten als Softwaretester © privat

„Unsere Consultants mögen zwar keinen Smalltalk, dafür lieben sie Programmiersprachen“ – das steht auf der Website der Berliner Firma „Auticon". Das Unternehmen beschäftigt ausschließlich Autisten als Softwaretester.

Wenn Dirk Müller-Remus die Bewerbungsmappe eines potenziellen Mitarbeiters aufschlägt, steht da immer auch dieses Wort: Autismus. Denn das ist in seiner Firma Einstellungskriterium. Hier möchte man die Stärken von Autisten nutzen und ihnen ganz nebenbei ein Leben ohne Ausgrenzung ermöglichen. „Autisten haben hohes intellektuelles Potenzial", weiß Dirk Müller-Remus. „Man muss nur das entsprechende Umfeld schaffen, in dem sie ihre speziellen Fähigkeiten nutzen können."

 

„Zum Vorstellungsgespräch wurde ich nie eingeladen"

Dirk Müller-Remus
Dirk-Müller-Remus ist Geschäftsführer von Auticon und Vater eines autistischen Sohnes© privat

Auticon ist Deutschlands erstes Unternehmen, das ausschließlich Menschen mit Autismus als Softwaretester einsetzt. Dirk Müller-Remus ist selbst Vater eines autistischen Sohns. Er ist ein ruhiger, besonnener Mann, der klare Sätze formuliert, die keinen Spielraum für Interpretationen lassen. „Das ist wichtig – gerade für das Gespräch mit Autisten. Sie brauchen klare Ansagen, am besten schriftlich. Mündliches geht schnell unter." Philipp von der Linden arbeitet bei Auticon, er ist Asperger-Autist. „Für mich ist die Arbeit hier die Chance, mein eigenes Geld zu verdienen und dadurch unabhängig zu sein." Vor zwei Jahren hat er in Göttingen sein Germanistik-Examen abgeschlossen, hat danach in einer Bücherei ein Praktikum gemacht. Es folgten diverse Bewerbungen. „Zum Vorstellungsgespräch habe ich es nie geschafft", sagt er. Und obwohl er kein richtiger Computerfreak ist, bezeichnet er sich selbst als Power-User, jemand, der viel Zeit am PC verbringt und sich für das System dahinter interessiert. Deshalb hat er sich bei Auticon beworben und den fachlichen Eignungstest gemeistert. „Mir macht die Arbeit Spaß", sagt er und lächelt.

 

Autisten fehlen die „Soft Skills“

Philipp von der Linden ist statistisch eine Ausnahme: Etwa sechs von 1.000 Menschen sind von einer autistischen Störung betroffen. Doch nur fünf Prozent haben einen richtigen Job, andere befinden sich in Weiterbildungsmaßnahmen. Die Übrigen scheitern in der Arbeitswelt, wo vor allem die sogenannten „Soft Skills" gefragt sind. Genau da liegt oftmals das Problem. Autisten sind Einzelgänger. Philipp von der Linden hat Übung im Gespräch, er wählt seine Worte sorgsam aus. „Ich kann mit Ihnen reden, solange wir ein festes Thema haben", erklärt er. „Alles, was davon abweicht, bereitet mir Schwierigkeiten." Er benutzt den Begriff „Small Talk" nicht, umschreibt es schöner: „Eine Leere zwischen uns zu füllen wäre eine Qual für mich."

 

Autisten sind gnadenlos ehrlich

Um Philipp und seinen Kollegen das zu erleichtern, gibt es Kristin Grützmacher. Sie ist Job-Coach bei Auticon. „Wir verstehen uns als Mittler zwischen Autist und Firma", erklärt sie. „Die soziale Interaktion ist für Autisten oftmals schwierig. Außerdem haben sie eine hohe Sensitivität. Sie schmecken, riechen, hören sehr viel ausgeprägter als wir. Kleinigkeiten bringen sie nervlich an den Rand." Das Arbeitsumfeld muss dementsprechend angepasst werden. Philipp von der Linden beispielsweise ist sehr geräuschempfindlich und mag keine Neonröhren. „Da hilft oftmals schon eine Stehlampe. Manche unserer Mitarbeiter benutzen auch Ohropax, weil sie die Lüftung des PCs so sehr stört. Andere können nur in abgedunkelten Räumen arbeiten. Wenn man das weiß, ist es meist kein Problem, darauf einzugehen." Das bestätigt auch Job-Coach Elke Seng. „Ich habe von Autisten gelernt, mich klar und deutlich auszudrücken. Einmal bat ich jemanden, meinen PC in Gang zu bringen. Zehn Minuten später fand ich meinen Computer auf dem Flur wieder. So etwas muss man wissen, wenn man mit Autisten arbeitet. Sie nehmen alles wörtlich. Wir müssen unseren Kunden auch sagen, dass unsere Mitarbeiter nicht arrogant sind, nur weil sie nicht mit ihnen in die Pause gehen. Die mögen das einfach nicht. Trotzdem üben wir mit ihnen Small Talk in Rollenspielen, damit sie sich so gut wie möglich integrieren können."

Dirk Müller-Remus weiß, was er an seinen Mitarbeitern hat: „Sie können sehr fokussiert und konzentriert arbeiten", sagt er. „Außerdem sind sie gnadenlos ehrlich. Das ist für einen Arbeitgeber gut. Nur im Umgang mit gesunden Kollegen ist es manchmal schwierig. Wenn zum Beispiel einer unserer Mitarbeiter einer Kollegin sagt: 'Du stinkst', weil sie Parfüm aufgelegt hat, führt das zu unschönen Situationen."

Autismus als Geschäftsmodell?

Die Spezialisierung auf autistische Mitarbeiter gibt es bereits in anderen Ländern. Das dänische Unternehmen Specialisterne will eine Million Jobs für Autisten schaffen. Es gibt Niederlassungen unter anderem in der Schweiz, Österreich, Schottland und den USA. In Belgien beschäftigt die Firma Passwerk bereits 35 Autisten und macht 2 Millionen Euro Umsatz. Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 500.000 Autisten, etwa die Hälfte leidet am Asperger-Syndrom. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, deren mildeste Form der Asperger-Autismus ist. Als Ursachen gelten erbliche Faktoren und biologische Einflüsse. Autisten setzen sich stark dafür ein, nicht als krank eingestuft zu werden. Sie nehmen die Welt nur auf veränderte Weise wahr.

 

90 Prozent aller Autisten sind ohne Job

90 Prozent aller Autisten sind ohne Job. Das will Dirk Müller-Remus ändern. Für ihn ist das zur Lebensaufgabe geworden. „Ich hatte schon immer ein Faible für schräge Leute", sagt er, und nichts daran ist böse. „Ich kenne das ja selbst aus meiner Familie." Seine Stimme wird jetzt leiser, er erinnert sich an die Diagnose seines Sohns. „Für meine Frau und mich war das ein Schock: Wir haben ein behindertes Kind, das verkraftet man nicht so leicht." Inzwischen ist sein autistischer Sohn 20 Jahre alt und macht eine Ausbildung.

Philipp von der Linden: „Seit ich denken kann, fühle ich, dass irgendwas nicht stimmt", sagt er und lächelt. „Ich hatte das Gefühl, auf dem falschen Planeten zu leben." Aber durch die Arbeit geht es ihm besser. „Ich habe einfach ein anderes Begabungsprofil. Ein Handwerker kann auch nicht Literatur studieren. Für mich ist es gut, dass jetzt auf meine Stärken geguckt wird und nicht mehr auf meine Schwächen."

 

Links: Jobs für Autisten

Auticon: www.auticon.de

Specialisterne: www.specialisterne.com

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