Wie wirkt sich ein Flug auf meinen Körper aus?

Redaktion PraxisVITA
Im Flugzeug ist der Körper ungewohnten Kräften ausgesetzt
Im Flugzeug ist der Körper ungewohnten Kräften ausgesetzt © asiseeit/iStock

Wenn das Flugzeug die Startbahn verlässt, heben wir ab in eine andere Welt – das merken wir auch körperlich. Vieles schmeckt plötzlich anders, wir sind schneller durstig und müde. Woran liegt das? Und schadet Fliegen eigentlich dem Körper? Die neuesten Forschungsergebnisse.

 

Der Luftdruck sinkt

Es ist eine Reise zu den Extremen dieses Planeten: Innerhalb von Minuten schießt der Körper in Umgebungsbedingungen, wie sie auf einer Höhe von zweieinhalb Kilometern herrschen – wir befinden sich plötzlich fast auf der Zugspitze, dem höchsten Berg Deutschlands: Der Luftdruck fällt auf etwa 750 Hektopascal, ein Viertel weniger als auf Meeresspiegelhöhe. Zum Vergleich: Der Bodenluftdruck sinkt selbst im Auge der stärksten Taifune und Hurrikane nicht unter 850 Hektopascal. Außerdem dauert dieser Prozess dort mindestens 24 Stunden. 

Unser Körper ähnelt einem Druckkörper. Am Boden presst die Luft von außen auf ihn etwa so stark wie er von innen dagegen. Am Himmel gerät dieses Gleichgewicht mit einem Schlag aus den Fugen, der Druck im Verdauungssystem übertrifft den gesunkenen Luftdruck. Die Gase im Bauch dehnen sich aus, es kommt zu Blähungen, die sich einen Weg nach draußen suchen. Auch Schmerzen im Ohr oder hinter der Stirn, die besonders Erkältete spüren, sind die Folge unterschiedlicher Drücke in Umgebung und Kopf bei Start und Landung.

 

Es wird kälter

Und damit nicht genug: Der Luftstrom um den Körper verlässt die Düsen der Klimaanlage manchmal mit eisigen fünf Grad Celsius – der Fast-Frost soll die Wärmestrahlung all unserer Sitznachbarn (pro Person so viel wie eine 100-Watt-Glühbirne) und die der Einrichtung von der kochend heißen Kaffeeküche bis hin zum Entertainment-System kontern.

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Die Luft wird trockener

Die Luft, die wir atmen, gelangt üblicherweise aus der Atmosphäre über eine Zapfstelle in den Triebwerken zu unserer Lunge. In dieser Zeit erhitzt sie sich innerhalb von Sekunden von minus 50 auf plus 200 Grad Celsius, um dann wieder Richtung Gefrierpunkt abzufallen. Dabei reduziert sich die Feuchte der Luft auf rund zehn Prozent oder weniger. Zum Vergleich: In einem deutschen Wohnzimmer liegt der Wert normalerweise bei etwa 60 Prozent – selbst in der Sahara sind es noch 20 Prozent.

Während eines Fluges dörrt unser Körper geradezu aus, pro drei Stunden Flug sind 1,5 Liter Flüssigkeitsverlust möglich: Die Haut verdunstet bis zu 37 Prozent ihres Wassergehalts, sichtbar zum Beispiel an der weißlichen Hornhaut an den Fingerkuppen. Kontaktlinsenträger müssen sich häufig mit besonders lästigen Augenreizungen herumschlagen.

 

Wir werden geröntgt

Je höher über der Erdoberfläche, desto schlechter schirmt die Atmosphäre vor kosmischer Strahlung ab, über dem Äquator ist der Schutz dabei höher als um die Pole herum. Ein einziger achtstündiger Flug von Frankfurt nach New York erhöht die natürlich aus der Umgebung aufgenommene Strahlendosis eines Menschen von 2.100 Mikrosievert um etwa fünf Prozent – 20 Stunden im Flugzeug entsprechen damit ungefähr der Strahlenbelastung einer Röntgen-Aufnahme des Schädels. 

Das gilt selbst für Schwangere und Kleinkinder als unbedenklich. Anders sieht das bei dem Flugpersonal aus: In einer aktuellen Studie konnten Harvard-Forscher zeigen, dass Bordpersonal in Flugzeugen deutlich häufiger an Krebs erkrankt als die Durchschnittsbevölkerung. Das Team um Irina Mordukhovich wertete Daten von 5.366 US-amerikanischen Flugbegleitern aus. Dabei zeigte sich, dass etwa das Brustkrebsrisiko bei Flugbegleiterinnen um die Hälfte steigt – das Risiko für Hautkrebs und Magen-Darm-Tumoren ist bei Kabinenpersonal fast verdoppelt. Die Forscher vermuten, dass das unter anderem mit der erhöhten Strahlenexposition zusammenhängt.

 

Dem Körper fehlt Sauerstoff

Ohnmachtsanfälle sind die häufigste Ursache von medizinischen Notfällen an Bord. Zudem drohen anfälligen Personen Bluthochdruck, Herz-Rhythmus-Störungen und Gefäßverstopfungen. Der Grund sind Sauerstoffmangel im Blut und die fehlende Bewegung während des Flugs: Ohne Muskelkraft können gerade Beinvenen das Blut nicht gut zurück zum Herzen befördern.

In der Luft ist das Risiko für die Entstehung von Blutgerinnseln erhöht © jamesbenet/iStock
 

Wir werden müde

Der um ein Viertel verringerte Kabinendruck verschlechtert die Fähigkeit unserer Lunge zum Gasaustausch. Dadurch sinkt der Sauerstoffgehalt in unserem Blut um sechs bis 25 Prozent. Genug, dass in einem Krankenhaus der diensthabende Arzt entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten würde. An Bord sorgt das oft für eine verbreitete Schläfrigkeit.

 

Wir weinen schneller

„Achtung, der folgende Film könnte Sie zum Heulen bringen“. Als erste Fluglinie hat Virgin Atlantic sogenannte Emotionswarnungen in das Bordunterhaltungsprogramm integriert. Studien zufolge weinen 15 Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen beim Fernsehkonsum in der Luft eher als am Boden. Den Forschern zufolge liegt das an der emotionalen Ausnahmesituation (Weg von zu Hause, Aufregung wegen der Reise etc.), aber möglicherweise auch am leichten Sauerstoffmangel im Körper.

 

Wir sehen schlechter

Die Fotorezeptoren in unseren Augen benötigen sehr viel Sauerstoff – schon ab einer Höhe von 1.500 Metern zeigen sie Anzeichen einer Mangelversorgung: So verringert sich die Fähigkeit zum scharfen Sehen bei gedimmtem Licht um zehn bis 15 Prozent.

Gibt es Wohlfühl-Flieger?

„Tatsächlich könnte man ein Flugzeug technisch so bauen, dass die Bedingungen für den Menschen wie am Boden wären“, erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin, Prof. Dr. Jochen Hinkelbein vom Universitätsklinikum Köln. Dafür müsste die Aluminiumhaut eines Flugzeugs aber viel dicker und damit um Tonnen schwerer werden, um dem höheren Luftdruck im Inneren standzuhalten. Zugleich bräuchten Airlines Hunderte Kilogramm Wasser extra pro Flug, um die Luft zu befeuchten. „Die Bedingungen an Bord sind ein Kompromiss zwischen Wohlbefinden auf der einen und Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz auf der anderen Seite. Für gesunde Menschen bringt ein Langstreckenflug kaum Probleme mit sich – deshalb wurde in diesem Bereich bislang relativ wenig geforscht“, so Hinkelbein. „Erst jetzt, seit Fliegen zu einem Massenphänomen mit immer mehr alten und gesundheitlich angeschlagenen Menschen wird, regt sich hier stärkeres Interesse. Wir entdecken nicht nur neue Phänomene, sondern verstehen auch ihre Ursachen besser.“

 

Tomatensaft schmeckt besser

Gemessen am Ausschankvolumen ist Tomatensaft mit Salz und Pfeffer an Bord beliebter als etwa Bier. Am Boden kommt dagegen kaum jemand auf die Idee, das erdig riechende Getränk zu sich zu nehmen. Der Grund: Die sogenannte Geschmacks- und Geruchsschwelle erhöht sich in der Luft auf das Niveau eines Schnupfens. Unser olfaktorischer Sinn braucht also eine größere Menge eines Stoffes, um ihn wahrzunehmen: Salz und Zucker schmecken bis zu 30 Prozent weniger salzig beziehungsweise süß. Bitteres wie Kaffee oder ein säuerlicher Wein intensivieren dagegen ihre Aromen. Tatsächlich würzen die Köche des Bordessens entsprechend nach. Grund ist die Austrocknung der Schleimhäute durch die geringe Luftfeuchtigkeit an Bord.

 

Erste Hinweise: Das Immunsystem arbeitet anders

Proteine haben Hunderte Funktionen im Körper. Erste Studien zum Einfluss von Sauerstoffmangel auf das Immunsystem konnten nachweisen, dass einige Proteine dabei ihre Arbeit verändern. Die berühmtberüchtigte Flug-Erkältung könnte also in Wahrheit nicht nur auf die Klimaanlage zurückzuführen sein, sondern auch auf eine veränderte Immunantwort des Körpers auf Keime.

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