Wie wir unseren Körper von schädlichen Stresshormonen entgiften

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Positive Seite von Stress
  3. 3. Stress ist nicht gleich Stress
  4. 4. Widerstandskraft lässt sich trainieren
  5. 5. Wie der Körper bei Stress reagiert
  6. 6. Stress - ein Nervenkiller
  7. 7. Tipps aus der Stressforschung

Wenn wir dauergestresst sind, wird es auch für unsere Gesundheit gefährlich. Die Wissenschaft spricht deshalb auch von toxischem Stress, weil ein Übermaß an Stresshormonen wie Giftstoffe wirken. Doch neue Erkenntnisse zeigen, wie wir der Stressfalle wirklich entkommen können – nämlich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine gezielte Stress-Entgiftung. Wie das funktioniert, erfahren Sie hier.

Eine Mutter fühlt sich gestresst. Sie ist mit ihren täglichen Aufgaben überfordert
Stress auf der Arbeit, Stress im Haushalt, Stress mit den Kindern: Viele Menschen fühlen sich überfordert. Ihre täglichen Aufgaben steigen ihnen zu Kopf© iStock

Jahrelang habe ich erzählt, dass Stress krank macht. Stress erhöht das Krankheitsrisiko von einer einfachen Erkältung bis hin zu Herz-Kreilauferkrankungen. Ich habe Stress zu einem Feind erklärt, den es zu vermeiden oder kategorisch zu bekämpfen gilt. Aber ich habe meine Meinung aufgrund einer neuen Studie geändert und heute möchte ich Ihre ändern“˛ beginnt Amerikas renommierteste Gesundheitspsychologin von der Stanford University Kelly McGonigal ihre bahnrechende Rede. „Diese Studie ließ mich fragen: Kann eine veränderte Einstellung zu Stress uns gesünder machen? Und die Antwort lautet:  ,Ja.“    

 

Studie gilt als Durchbruch bei der Stressforschung

Es geht bei dieser Studie nicht um irgendein Projekt zur Stressforschung, sondern um eine Erkenntnis, die unter Wissenschaftlern als der entscheidende Durchbruch gilt. Eine Erkenntnis, die so ziemlich alles in Frage stellt, was wir bislang über Stress zu wissen glaubten.  Dahinter steckt eine Botschaft, die neue Hoffnungen weckt. Und der Leidensdruck wächst: Denn zum sechsten Mal in Folge steht bei den Deutschen „Weniger Stress“ auf Platz eins der guten Neujahrs-Vorsätze. Nur wie dieses Ziel zu erreichen ist, war bislang völlig unklar…    

Eine Rede vor Publikum zu halten, ist für viele Menschen eine Stresssituation
Purer Stress oder interessante Herausforderung? Wie wir Situationen beurteilen, entscheidet darüber, ob wir in eine Stresssituation geraten© iStock
 

Das Feindbild Stress entmachten

Die Studie, die Mediziner weltweit in Staunen versetzte, wurde mit Studenten an der Harvard University durchgeführt. Es handelt sich vordergründig um einen  sogenannten Sozialstress-Test. Die Teilnehmer befinden sich in einem Beobachtungsraum, wo ihnen mitgeteilt wird, dass sie einen fünfminütigen Vortrag über ihre persönlichen Schwächen vor einem Expertengremium halten sollen. Und um den Druck zu erhöhen, sind grelle Scheinwerfer und eine Kamera auf ihr Gesicht gerichtet. „Fast jeder würde in so einer Situation Stress verspüren. Das Herz würde stärker pochen. Wir würden schneller atmen, vielleicht in Schweiß ausbrechen. Und normalerweise interpretieren wir solche Symptome als Angst oder Zeichen, dass wir nicht besonders gut mit dem Druck zurechtkommen“, führt McGonigal weiter aus. „Aber was wäre, wenn wir sie stattdessen als positive Botschaften deuten würden – nämlich, dass unser Körper voller Energie ist und uns gerade für diese Herausforderung fit macht?“

 

Probanden bewerteten in der Studie stressige Situationen positiv

Genau darauf wurde eine Gruppe der Studenten  vorbereitet, bevor sie durch den Sozialstress-Test musste. Den Probanden wurde verdeutlicht, dass ihre Stressreaktion hilfreich sei. Denn schneller zu atmen, ist zunächst kein Problem: Dadurch wird das Gehirn nur mit mehr Sauerstoff versorgt, was wiederum Denkvorgänge beschleunigt. Deshalb sollten sie sich bei den ersten Stresssymptomen mit folgenden Worten selber beruhigen: „Alles ist gut.“ „Mein Gehirn reagiert völlig normal.“ Mehr noch: „Es verhilft mir gerade zu erfolgreichen Handlungen.“ Und tatsächlich: Die Teilnehmer, die lernten, ihre Reaktion auf Stress positiv zu bewerten, als inneren Motor für eine hohe Leistungsbereitschaft, sie waren weniger gestresst, weniger ängstlich, zuversichtlicher und im Test deutlich belastbarer.    

 

Die Entdeckung der Stressentgiftung

Die Studienleiter waren erstaunt, wie stark sich diese Neubewertung des Stresserlebnisses auf die Probanden auswirkte. Es war ganz so, als würde das Feindbild des angstmachenden Stresses im Handumdrehen entmachtet. Die meisten Testteilnehmer berichteten, dass sie nach wie vor ihr Stresssystem spürten, aber statt dabei eine zunehmende Versagensangst zu empfinden, waren sie eher euphorisch. Was dazu führte, dass nicht nur die Stresssituiation selbst als deutlich angenehmer wahrgenommen wurde, sondern auch die Stressreaktion sehr viel schneller wieder abebbte als in der Vergleichsgruppe.

 

Toxischer Stress wirkt ähnlich schädlich wie Umweltgifte oder Drogen

Ganz so wie es eigentlich sein soll. Und genau hier liegt das Problem, von dem immer mehr Menschen betroffen sind. Ihr Stresssystem ist unter dem Ansturm von stressauslösenden Alltagssituationen im Job oder in der Familie dauerhaft in einem Modus der Alarmbereitschaft. In der Folge  sind die  Werte der Stresshormone Adrenalin und Cortisol im Blut  permanent erhöht.  Mediziner sprechen bei so einer Diagnose von chronischem oder auch „toxischem“ Stress.  Toxisch, weil vor allem das Stressregulierungshormon Cortisol in Überdosierungen ähnlich schädliche  Nebenwirkungen entfaltet, wie ein Umweltgift oder eine starke Droge. Der amerikanische Neurowissenschaftler und Stressforscher Bruce McEwen fand heraus, dass andauernd hochdosiertes körpereigenes Cortisol sämtliche Alterungsprozesse des Körpergewebes dramatisch beschleunigt. „Es kommt zum erhöhten Verschleiß der inneren Organe, Haut, Knochen und Blutgefäße, der schleichend stattfindet, wie bei einer Vergiftung“, sagt McEwen (s. auch Kasten l.). Wer also unter dem andauernden Einfluss von Cortisol lebt, wird von seinen eigenen Stresshormonen vergiftet.    

Die innere Einstellung ist oftmals dafür ausschlaggebend, wie wir mit Dingen umgehen
Ob traurig oder fröhlich: Es liegt oftmals an unserer inneren Einstellung, wie wir Dinge interpretieren und mit fertig werden© iStock

Deshalb verfolgen Stressforscher jetzt verstärkt Strategien zur Stress-Entgiftung, deshalb wird die Harvard-Studie als ein Meilenstein in der Stressforschung gefeiert. Denn bislang lag der Fokus eher auf Strategien zur Stressvermeidung. Doch die Idee, stressigen Situationen konsequent aus dem Weg zu gehen, ist in der Praxis kaum durchführbar. Schließlich wird Stress als die Summe aller körperlichen und psychischen Reaktionen definiert, mit denen wir auf unsere Umwelt und die von innen und außen kommenden Anforderungen antworten. Was nichts anderes bedeutet als: Kein Leben ohne Stress und ohne Stress kein Leben.

 

Stress umdeuten, damit unser Körper profitiert

Wenn wir jedoch wie die Studienteilnehmer lernen, mit Stress anders umzugehen und ihm als Freund statt als Feind zu begegnen, können wir den Vergiftungsprozess stoppen und gesunden. Ein neuer, unerwarteter Königsweg. So konnten die Harvard-Forscher nachweisen, dass sich bei einer ängstlichen Stressreaktion die Herzfrequenz durch die Ausschüttung der Stresshormone erhöht und die Adern krankhaft zusammenziehen. Wenn wir aber die körperlichen Symptome als hilfreich einstufen, bleiben die Adern entspannt. „Ändern wir unsere Gedanken, kann sich dies darauf auswirken, wie unser Gehirn mit dem übrigen Körper kommuniziert“, sagt der Zellbiologe Dr. Bruce Lipton. „Wenn wir die gedankliche Interpretation einer Stressreaktion so verändern, dass eine positive Erwartungshaltung an die Stelle von Angst tritt, löst dies eine biochemische Reaktion im Gehirn aus, die sich auf unsere gesamte Körpergesundheit auswirkt.“    

Eine Frau reitet auf einem Pferd
Die Zügel fest in der Hand: Stress darf nicht mit uns durchgehen, wir behalten die Kontrolle über unser Leben© iStock
 

Angst und Stress –  die Geschichte einer tückischen Verwechslung    

Bruce Lipton vergleicht unser Stresssystem gerne mit einem Pferd, das es zu reiten gilt. So lange der Reiter die Zügel in der Hand hält, kann das Pferd noch so schnell galloppieren – es bleibt unter Kontrolle. Alles darf passieren – nur nicht, dass das Pferd durchgeht.  Das wäre dann vergleichbar mit der Situation bei chronischem Stress. Unser Stresssystem rast, und wir haben jede  Kontrolle eingebüßt. Und genau hier kommt das Gefühl der Angst ins Spiel. „So wie ein guter Reiter selbst im höchsten Tempo die Zügel fest in der Hand behält, können auch wir die Kontrolle über das Stressgeschehen in unserem Kopf und Körper behalten. Allerdings nur dann, wenn wir ohne Angst bleiben,“ erklärt Lipton. Das aber führt uns zu einem Dilemma – denn die Symptome von Angst und Stress sind zum Verwechseln ähnlich, und oft gibt es ja auch tatsächlich Überschneidungen. Sowohl bei Angst, als auch bei Stress schlägt das Herz  schneller, der Blutdruck steigt, die Muskulatur wird stärker durchblutet und Hormone werden ausgeschüttet. 

 

Widerstand macht uns schwach

Was also passiert, wenn wir glerent haben, Stressempfindungen mit dem Gefühl der Angst zu verknüpfen? Dann werden wir jede Stresssituation zwangsläufig als Angst oder gar Panik empfinden. Eine fatale Verwechslung, die dazu führen kann, dass Menschen stressige Sitautionen meiden, in der Hoffnung, so ihrer Angst zu entgehen.  Stressforscher bezeichnen dieses Vermeidungsverhalten auch als „Widerstand“. „Wer im Widerstand ist, verliert sukzessive an Kraft. Denn Widerstand bedeutet, sich dagegen zu wehren, was ist und das ist der größte Energieverlust, den wir überhaupt erleben können“, sagt die Ärztin und Stressmanagerin Mirriam Prieß. „Und je länger wir in diesem Widerstand verharren, desto mehr schwinden unsere Kräfte und Möglichkeiten, die Herausforderung zu bestehen, desto schlechter sind wir auf schwierige Situationen vorbereitet.“ (siehe dazu auch „Angewandte Stressforschung“ auf Seite 29).    

Eine Frau hält vor einem Publikum eine Rede
Wenn wir eine stressige Situation positiv bewerten, können wir besser mit ihr umgehen© iStock
 

Mit Stress gut leben heißt ihm begegnen    

Nur wenn wir Stress nicht als Angstzustand erleben, können wir die Zügel in der Hand und die Kontrolle über die Situation behalten. Wenn wir uns nicht gegen das Stresserlebnis wehren, sondern anerkennen was ist, daran glauben, dass wir die Situation meistern können und zwischen Möglichem und Unmöglichem unterscheiden. Und diesen Umgang mit Stress nennt die Wissenschaft Resilienz. Es ist eine innere Widerstandskraft die uns darauf vertrauen lässt, dass wir das Bestmögliche aus dem machen, was ist und dass am Ende des Tunnels immer ein Licht ist, auch wenn es zeitweise von Dunkelheit verschluckt wird. Resilienz ist die Fähigkeit, Stress positiv zu erleben, indem wir ihn einfach nicht mehr negativ bewerten. Denn erst wenn uns Stresssymptome keine Angst mehr einjagen, können wir der Situation auf Augenhöhe begegnen und unkontrollierte Stressreaktionen vermeiden.

 

Schlüssel zur Resilienz

Die Harvard-Studie liefert deshalb nicht weniger, als den Schlüssel zur Resilienz. „Erst wenn wir erkennen, dass die eigentliche Kraft zur Stressbewältigung in uns selbst und in der Fähigkeit zur Begegnung liegt, werden wir aufhören uns zu erschöpfen und zu unserer wahren Stärke finden“, sagt die Resilienz-Trainerin Nicole Willnow. „Dabei ist jeder Mensch fähig, Resilienz zu entwickeln, wenn er nicht im Kampf oder Widerstand verharrt, sondern lernt, schwierige Situation mit einem anderen Blick zu betrachten.“ (s. dazu „Das Resilienz-Training“, S. 24).   

 

Resilienz gibt uns das Gefühl, einer Situation gewachsen zu sein

Natürlich ist auch bei resilienten Menschen Stress mit Anstrengungen und Erschöfpung verbunden aber eben nicht mit dieser schleichenden Angst. Denn resiliente Menschen haben gelernt, sich ihrer Stärken bewusst zu werden, weshalb sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dem Stress nicht standhalten zu können. „In einem Leben geprägt von Stress, kann ein einziger Gedanke den Unterschied ausmachen zwischen einem stressinduzierten Herzinfarkt mit 50 oder einem guten Leben bis zum Alter von 90 Jahren“, betont die Psychologin Kelly McGonigal, „und genau das ist es, was die moderne Wissenschaft über Stress enthüllt: es ist entscheidend, wie wir über Stress denken.“

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