Wie werden Cannabinoide als Therapeutikum eingesetzt, Herr Professor?

Georg Partoloth Medizinredakteur

Die Lebensqualität von schwerkranken Menschen kann durch Medizinalcannabis deutlich verbessert werden. Wir sprachen mit Prof. Dr. Sven Gottschling, der seit vielen Jahren Cannabinoide als Therapeutikum einsetzt. 

Experteninterview mit Arzt zum Thema medizinisches THC
Cannabinoide als Therapeutikum – das sagt der Experte Foto:  iStock/SARINYAPINNGAM
 

Wie entscheiden Sie in der Praxis, ob ein Patient Cannabinoide verschrieben bekommt?

Prof. Dr. Sven Gottschling: Lassen Sie es mich anhand eines Beispiels erzählen. Vor rund drei Monaten stellte sich ein 16-jähriges Mädchen bei mir in der Sprechstunde vor. 
Sie litt unter der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn. Sie hatte ständig schlimmste Krämpfe, musste mindestens zehnmal pro Tag auf die Toilette und hatte mehr als 100 Fehltage in der Schule. Standardtherapien – etwa mit Cortison – brachten überhaupt keine Besserung. Im Gegenteil, durch die Nebenwirkungen ging es ihr noch schlechter. Da es eine kleine randomisierte, klinisch kontrollierte Studie zum Einsatz von Cannabinoiden bei dieser Erkrankung gibt, haben wir entschieden, einen Therapieversuch zu starten.

Mit Erfolg?

Ja. Nach einer Woche kam die Patientin wieder in die Sprechstunde. Sie saß strahlend vor mir und sagte: Ich gehe nur noch einmal täglich auf die Toilette, habe keine Krämpfe mehr. Ich kann wieder alles essen und meine Stimmung ist bestens. Das ist jetzt drei Monate her – die schlimmen Symptome sind nicht wieder zurückgekehrt. Ich freue mich riesig für die Patientin. 

Auch chronische Schmerzen können mit Cannabinoiden gelindert werden.

Ja, vielen chronischen Schmerzpatienten – vor allem bei neuropathischen Schmerzen – kann mit solchen Präparaten geholfen werden. Aber nicht nur das. Der Einsatz von Cannabinoiden ist auch bei Spastiken, Appetitmangel, bei Kindern mit Epilepsie oder in komplexen palliativen Situationen äußerst sinnvoll. Zudem können wir die Nebenwirkungen bei Chemotherapien erfolgreich lindern. 

Bei den Produkten gibt es große Unterschiede. Was verschreiben sie?

Sinnvoll ist der Einsatz von Tropfen, Kapseln oder Sprays. Im Fall des 16-jährigen Mädchens habe ich THC-haltige Tropfen verschrieben. Der Wirkstoff nennt sich Dronabinol und wird in der Apotheke zusammengemischt – in der gewünschten Konzentration.

Medizinisches THC gegen Schmerzen
Naturmedizin Cannabis: Wie helfen Cannabinoide als Arzneimittel gegen Schmerzen & Co.?

Aber man bekommt doch auch die Blüten, um diese dann zu inhalieren bzw. zu rauchen.

Wir können laut Gesetz auch ein Rezept für die Blüten ausstellen. Doch das ist aus medizinischer Sicht überhaupt nicht sinnvoll, sogar bedenklich. Denn es gibt so viele verschiedene Sorten. Wir können bei der Inhalation auch gar nicht genau sagen, wie viel des Wirkstoffs aufgenommen wird. Außerdem kommt es zu einer sehr schnellen Anflutung im Blutplasma. Das bedeutet, dass eine Wirkung zwar schnell eintritt, sie aber nur kurz anhält. Zudem ist das Risiko für Nebenwirkung und eine Abhängigkeit beim Rauchen der Blüten sehr hoch.

Welche Nebenwirkungen sind bei den Tropfen zu befürchten?

Die Arzneimittel mit Cannabinoiden sind sehr sicher. Es ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Patient an der Arznei gestorben wäre. Bei Dronabinol kann es etwa in der Anfangsphase zu leichtem Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit kommen. Doch in der Regel klingen diese nach sieben bis zehn Tagen wieder ab. Nach der Eindosierung – der Wirkstoff wird eingeschlichen – können die Patienten normalerweise nach 14 Tagen auch wieder Autofahren. Cannabinoide verursachen – wenn man sie vernünftig steuert und nicht raucht – auch in der Daueranwendung keine Organschäden.

Das ist der Unterschied zu vielen anderen Schmerzmedikamenten, die etwa die Leber oder Niere schädigen oder Magenblutugen hervorrufen können. Zudem dosieren wir den Wirkstoff für die Therapie so niedrig, dass es zu keiner psychotropen Wirkung kommt und das Abhängigkeitspotential sehr gering ist. 

Vertragen sie sich mit anderen Medikamenten?

Es gibt lediglich Wechselwirkungen mit ein paar Reserve-Antibiotika, die wirkverstärkt werden. Ansonsten sind keine bekannt. Selbst bei schwerstkranken Patienten, die Dutzende verschiedene Medikamente nehmen, kommt es zu keinen Wechselwirkungen. Zum Beispiel bei Schmerzpatienten, die Opioide nehmen, kann ich zusätzlich ein Cannabinoid verabreichen. Wenn es dem Patienten besser geht, probieren wir, die Dosis des nebenwirkungsträchtigeren Opiods zu reduzieren. Häufig mit Erfolg! 

Wie wirken Cannabinoide denn überhaupt im Körper?

Unser Körper verfügt über das sogenannte endogene Cannabinoid-System. Vor allem im Gehirn, aber auch im Rückenmark befinden sich die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Die Cannabinoide docken an diesen Rezeptoren an und hemmen so etwa die Schmerzweiterleitung.

Es gibt immer wieder berichte, dass die Präparate auch Krebs heilen können.

Wir wissen, dass Tumor-Zellen manchmal eine Escape-Strategie entwickeln. Das bedeutet, dass sie ein Chemo-Therapeutikum einfach weiterschleusen und die Krebszelle

nicht zerstört wird. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Wirkstoffe THC und CBD die Wirkung einer Chemotherapie verstärken können. Dann können sich die Tumorzellen nicht mehr dem Chemotherapeutikum entziehen. In einer Studie mit 21 Patienten mit einem Glioblastom überlebten jene Patienten deutlich länger, die Cannabinoide zusätzlich zur Chemotherapie verabreicht bekommen haben. Die Daten sind also vielversprechend – es sind aber weitere Studien notwendig. 

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Jeder Arzt darf Cannabinoide verschreiben. Doch mit den Kassen gibt es noch Probleme...

Es muss bei jedem Patienten ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden. Im Gesetz steht zwar, dass dieser nur in begründeten Ausnahmefällen abgelehnt werden darf. Doch die Realität sieht anders aus. Selbst bei der Morbus Crohn-Patientin wurde – trotz Erfolgs – die Kostenübernahme abgelehnt. Jetzt müssen wir dagegen klagen. Generell beobachten wir, dass viele Kassen auf Zeit spielen, immer mehr Dokumente nachfordern. Wir Ärzte haben einen enormen Aufwand, der nur sehr schlecht vergütet wird.

Ich wünsche mir, dass die Politik das Gesetz noch nachschärft und dass die Bürokratie reduziert wird. Dann könnten noch deutlich mehr schwerstkranke Patienten von Cannabinoiden profitieren.

 

Wie bekomme ich Cannabinoid-Arzneimittel auf Rezept?

• Patienten, die unter einer schwerwiegenden Erkrankung leiden, haben Anspruch auf Cannabinoid-Arzneimittel, wenn Standardtherapien ausgeschöpft oder nicht anwendbar sind. Und wenn eine Aussicht der Therapie auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf vorliegt.
• Jeder Arzt (z. B. Hausarzt) kann Cannabinoide verschreiben.
• Der Arzt unterstützt Sie bei der Antragstellung bei der Kasse.
• Die Krankenkasse hat 3-5 Wochen Zeit (im Ausnahmefall 3 Tage), um zu antworten.
• Bei Genehmigung (ansonsten Widerspruch einlegen!) stellt der Arzt ein BtM-Rezept aus. Die Apotheke bereitet z. B. Dronabinol Kapseln oder Tropfen individuell zu.

Dr. Gottschling
 Foto: Privat
Unser Experte

Prof. Dr. Sven Gottschling, Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie, Universitätsklinikum des Saarlandes

 

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