Wie sinnvoll ist Frühförderung?

Dr. med. Nadine Hess

Eltern legen meist viel Wert darauf, ihr Kind so früh wie möglich zu fördern. Doch wo liegt die Grenze zwischen Förderung und Überforderung? Und wie sinnvoll ist Frühförderung überhaupt? Kinderärztin Dr. Nadine Hess hat die Antworten.

Expertin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Frühförderung ist in erster Linie bei Hochbegabten oder Kindern mit Entwicklungsstörungen sinnvoll.“ © Privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Grundsätzlich ist es völlig verständlich, dass Eltern ihr Kind so früh wie möglich dabei unterstützen wollen, erfolgreich zu werden. Manchmal ist es jedoch schwierig, dabei eine Grenze zu ziehen: Muss der Nachwuchs nach dem Kindergarten nun wirklich noch zum Vorschulenglischkurs, wenn es doch lieber im Freien spielen würde? Und könnte es wenn es draußen tobt die motorischen Fähigkeiten nicht genauso gut trainieren wie beim Turnen? Fakt ist: Grundsätzlich falsch ist Frühförderung nicht. Aber sie dient in erster Linie der Förderung einzelner Fähigkeiten. Steht diese Fähigkeit im Fokus, kann das dazu führen, dass andere wichtige Basiskompetenzen wie Bewegung, Wahrnehmung, Denken und Mitgefühl nicht genügend entwickelt werden. Wenn Ihr Kind also beispielsweise eine besondere Begabung hat, spricht zwar generell nichts dagegen, diese zu fördern – Sie sollten dem Nachwuchs aber genug Freiräume lassen, um die Basiskompetenzen auszubauen.

Entscheiden Sie den künftigen „Stundenplan“ außerdem nicht komplett über den Kopf des Kindes hinweg: Selbst wenn eine besondere Begabung für das Klavier oder die Malerei vorliegt, muss das noch lange nicht heißen, dass das Kind auch daran Spaß hat! Beobachten Sie den Nachwuchs genau und sprechen Sie mit ihm darüber, ob er gern zum Unterricht geht. Ihr Kind sollte zumindest ein Mitspracherecht darüber haben, ob es auf einem Gebiet gefördert werden will, das ihm eigentlich gar nicht zusagt.

Kinder beim Toben
Das Toben und Spielen mit anderen ist für die kindliche Entwicklung sehr wichtig© Fotolia
 

Frühförderung für Hochbegabte und bei Entwicklungsstörungen

Wirklich sinnvoll ist eine Frühforderung vor allem bei hochbegabten Kindern und solchen mit Entwicklungsstörungen. Die Hochbegabten sind meist in einer speziellen Sache gut, beispielsweise in Mathematik oder in Musik. Der normale Unterricht wird ein solches Kind langweilen und frustrieren. Hier braucht es gezielte Anreize zur Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten. Bei einer Entwicklungsstörung ist es ebenfalls sinnvoll, die jeweilige Schwäche anzugehen. Der Kinderarzt kann feststellen, ob und wenn ja welche Störung vorliegt und was in diesem Fall am besten zu tun ist. Bei Kindern unter sieben Jahren besteht bei Bedarf beispielsweise das Recht auf pädagogische und psychologische Frühförderung – bei Sozial- und Jugendämtern können Sie sich darüber genauer informieren.

 

Kinder lernen vor allem durch gemeinsames Spielen

Wichtig sollte in erster Linie immer sein, das Kind auch einfach Kind sein zu lassen und ihm Zeit zum Spielen einzuräumen. Durch gemeinsames Spielen und Toben werden motorische und soziale Kompetenzen entwickelt, durch die das Kind erst zu einem ausgeglichenen Menschen reifen kann. Sie müssen Ihren Nachwuchs auch nicht vor allem schützen: Kinder testen ständig ihre Grenzen aus und probieren beispielsweise, ob sie nun schon alleine auf den Stuhl klettern können. Haben Sie ein Auge darauf, lassen  Sie die Kleinen aber auch ihre Erfahrungen machen, damit sie ihr Urteilsvermögen schärfen können. Und wenn mal ein Versuch daneben geht: Ermuntern Sie das Kind zu einem zweiten Anlauf, damit es Beharrlichkeit lernt.

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