Wie sicher sind Hausgeburten?

Verena Elson
Mutter mit Neugeborenem
Nach risikoarmen Schwangerschaften sind Hausgeburten nicht riskanter als Entbindungen in einer Klinik, zeigen Studien © iStock

Eine Hausgeburt: Kann das gutgehen, so ganz ohne Arzt? Diese Frage sorgt seit Jahren für Diskussionen zwischen Ärzten und Hebammen, Befürwortern und Gegnern der Geburt zu Hause. Gefährlich oder nicht? Praxisvita hat die Antwort.

In Großbritannien geht zurzeit eine Schockmeldung durch die Medien: Viermal pro Woche führen landesweit Geburtskomplikationen bei Neugeborenen zu bleibenden Hirnschäden. Dazu zeigen statistische Auswertungen, dass die Klagen gegen Entbindungsstationen in Großbritannien im vergangenen Jahr um ein Viertel gestiegen sind.

Der Grund ist laut Experten neben Personalmangel in den Krankenhäusern eine „kultartige Fixierung“ auf natürliche Geburten ohne das Eingreifen eines Arztes, die in vielen Fällen dazu führte, dass auch dann kein Arzt dazu gerufen wurde, wenn es notwendig gewesen wäre.

 

Kann das bei Hausgeburten auch passieren?

Jetzt könnte man denken, wer zu Hause gebärt, setzt sein Kind einer noch größeren Gefahr aus. Doch das ist nicht so, belegen mehrere Studien. So zeigte eine 2015 veröffentlichte kanadische Studie, dass das Risiko, dass das Kind bei der Geburt stirbt, bei geplanten Hausgeburten nicht höher ist als bei Geburten in einer Klinik. Eine niederländische Studie kam 2013 sogar zu dem Ergebnis, dass Hausgeburten sicherer sind. Das Ergebnis war allerdings nur in der Gruppe der Frauen, die nicht zum ersten Mal gebaren, statistisch signifikant. Demnach kam es unter diesen Frauen bei 3,1 von 1.000 geplanten Klinikentbindungen zu Komplikationen, aber nur bei 2,3 von 1.000 geplanten Hausgeburten.

Wie kommt es zu diesen Ergebnissen? Bei beiden Studien wurden ausschließlich Daten von Frauen berücksichtigt, die eine risikoarme Schwangerschaft hatten. Nach solchen Schwangerschaften sind ernste Komplikationen allgemein sehr selten. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass einige Risiken, wie beispielsweise der ungünstige Verlauf einer vorherigen Geburt, in den ausgewerteten Registern nicht erfasst wurden – diese Risiken könnten aber dennoch Schwangere dazu veranlasst haben, in einer Klinik zu entbinden. Das würde bedeuten, in der Gruppe der Klinikentbindungen gab es doch einen Anteil von Frauen mit erhöhtem Risiko, der aber nicht statistisch erfasst wurde.

Doch Geburtsexperten gehen tatsächlich davon aus, dass das vertraute Umfeld zu Hause einen unkomplizierten Geburtsverlauf fördert. Die heimischen vier Wände bieten eine intime und bekannte Umgebung, in der sich Gebärende gegebenenfalls besser entspannen können als im Kreißsaal. Zu Hause haben werdende Mütter außerdem eine Eins-zu-eins-Betreuung durch ihre Hebamme, die sie meist auch durch die Schwangerschaft begleitet hat. Auf den Entbindungsstationen in den Kliniken ist das nur bedingt möglich – wechselndes Personal zusammen mit der fremden Umgebung des Kreißsaals führt laut Hebammen häufig zu Stress bei der Gebärenden, der sich negativ auf den Geburtsverlauf auswirkt und sich beispielsweise in einem Wehenstopp äußern kann.

 

Wann ist eine Hausgeburt zu riskant?

Die Entscheidung für eine Hausgeburt trifft die Schwangere mit ihrer Hebamme gemeinsam. Diese entscheidet letztendlich, ob sie eine Hausgeburt verantworten kann. Entsteht im Verlauf der Geburt dennoch der Verdacht, dass Komplikationen auftreten werden, veranlasst sie die Verlegung der Frau in eine Klinik.

Für die Entscheidung für oder gegen eine Hausgeburt ist vor allem relevant, ob von Vornherein ein erhöhtes Risiko für Komplikationen besteht. Hat die Schwangere eine Vorerkrankung wie Diabetes oder ein Herzleiden, bekommt sie Mehrlinge, gab es bereits in der Schwangerschaft Komplikationen oder setzen die Wehen vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche ein, kommt eine Hausgeburt nicht in Frage. Das Risiko für Komplikationen ist außerdem bei der ersten Geburt rund doppelt so hoch wie bei jeder weiteren – für Erstgebärende ist deshalb eine Hausgeburt zwar nicht ausgeschlossen, sie sollte jedoch besonders gründlich überlegt sein.

 

Die werdende Mutter entscheidet

Die erhöhten Zahlen von folgenschweren Geburtskomplikationen in Großbritannien führen Experten auch auf eine Kampagne britischer Hebammen zurück, die 2005 startete und erst kürzlich gestoppt beziehungsweise relativiert wurde. In der „Campaign for Normal Birth“ sprachen sich die Hebammen gegen medizinische Interventionen wie Periduralanästhesie (PDA) oder Kaiserschnitt aus. Die Formulierung „normale Geburten“ führte laut einigen Experten dazu, dass Frauen sich als Versager fühlten, wenn sie ihr Kind per Kaiserschnitt oder in einer anderen Weise „nicht normal“ zur Welt brachten.

Eine natürliche Geburt zu Hause ist also möglich und – sofern die Bedingungen stimmen – auch sicher. Eine Entbindung im Krankenhaus oder per Kaiserschnitt ist aber nicht weniger „normal“ und deutet keinesfalls auf ein Versagen der Mutter hin. Bei der Entscheidung, wo und wie sie gebären möchten, sollten sich werdende Mütter darum gut beraten aber nicht unter Druck setzen lassen.

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