„Wie manipuliere ich meine Träume, Herr Erlacher?“

Daniel Erlacher forscht an der Universität Bern an neuen Trainingsmethoden. Der Sportwissenschaftler und Psychologe will Träume zu einer normalen Methode zum Üben von Bewegungsabläufen machen
Daniel Erlacher forscht an der Universität Bern an neuen Trainingsmethoden. Der Sportwissenschaftler und Psychologe will Träume zu einer normalen Methode zum Üben von Bewegungsabläufen machen © Stephan Floss für WDW

Neueste Forschungsergebnisse liefern verblüffende Fakten über die verborgene Macht unserer Psyche. Wer sie nutzen will, muss zum Klarträumer werden – und die Grenze zwischen Traum- und Wachwelt überschreiten. Schlafforscher Daniel Erlacher erklärt das Phänomen im Interview.

Was passiert bei einem Klartraum in unserem Körper?

Der für das logische Denken zuständige Teil unseres Gehirns, der Frontallappen, ist beim Träumen normalerweise ausgeschaltet. Im Gegensatz dazu ist das evolutionsgeschichtlich gesehen sehr alte Stammhirn, das die zentralen Körperfunktionen und auch die Schlafphasen steuert, höchst aktiv. Bei einem Klartraum schaltet sich der rationale Geist plötzlich hinzu: Der Träumende merkt, dass er träumt, wacht aber davon nicht auf. Stattdessen läuft der Traum weiter und lässt sich – mit etwas Übung – von nun an willentlich steuern.

Wie oft kommen Klarträume vor?

Das kommt ganz auf die Vorbereitung an: Im Schlaflabor erreichen wir eine Erfolgsquote von 50 Prozent. Dort können wir die Leute aber im richtigen Moment wecken und sie „zwingen", sich eine Stunde mit dem gerade Geträumten zu beschäftigen. Mit der richtigen Technik sind aber auch zu Hause mehr als 100 Klarträume im Jahr möglich. Selbst ich habe ohne große Vorbereitung vielleicht zwei bis vier Klarträume pro Jahr

Lässt sich die eigene Leistung im Schlaf wirklich steigern?

Wir haben den Erfolg bei einem Geschicklichkeitsspiel gemessen. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die den Wurf in einem Klartraum übten, sich tatsächlich verbesserten. Es gibt in unseren Studien aber auch zahlreiche Beispiele für Musiker oder Sportler, die im Traum zu beachtlichen Fortschritten gelangen.

Warum ist schlafen besser als Mentales Training im Wachzustand?

Die bewusste Vorstellung bleibt immer blass. Ein Traum ist dagegen wie das Erleben selbst, er beansprucht die gleichen neuronalen Verbindungen im Gehirn. Er wirkt viel tiefer, fühlt sich echt an. Und gleichzeitig ist das Erleben bewusst steuerbar: Ein Sprung lässt sich zum Beispiel in Zeitlupe durchführen – etwas, was in der Realität nicht funktioniert. Wir können uns im Traum sogar wie in einem Video aus verschiedenen Perspektiven quasi von außen sehen: Unser Gehirn kann diese Bilder aus den Erfahrungen erzeugen, die wir in der Vergangenheit beim Beobachten von anderen gesammelt haben. Das hat uns schon überrascht.

Wie dringt man in das Unterbewusstsein eines Träumers ein?

Während des Schlafs funktionieren praktisch alle Sinne unseres Körpers ganz normal. Externe Reize gelangen dadurch häufig in den eigenen Traum, zum Beispiel führte ein Wasserspray bei einem Experiment in etwa 40 Prozent der Fälle zu einer Veränderung. Häufig begann es, von der Decke zu tropfen oder zu regnen. Auch akustische Botschaften verstehen die Teilnehmer im Schlaflabor. Nur das Antworten ist schwierig: Im Schlaf ist der gesamte Körper fast vollständig paralysiert. Das heißt, die Hand, die im Traum fest zupackt, bleibt in Wirklichkeit bis auf ein minimales Muskelzucken völlig entspannt. Nur Atem- und Augenbewegungen werden auch „in echt" ausgeführt. Deshalb haben sich in der Schlafforschung bestimmte, vorher verabredete Augensignale zur Kommunikation eingebürgert, zum Beispiel mehrmals links, rechts, links zu schauen.

Ist Schlafwandel das Gleiche wie Klarträumen?

Das sind zwei völlig unterschiedliche Zustände: Klarträume finden während der REM-Phase statt, also im leichten Schlaf. Der Träumer reagiert mit seiner Traumwelt und kann sich daran meist auch erinnern. Schlafwandler führen dagegen während des Tiefschlafs bestimmte Routinehandlungen aus, sie reagieren auf ihre tatsächliche Umwelt. Werden sie dabei geweckt, sind sie verstört und können sich meist an nichts erinnern. Wie das genau möglich ist und warum Menschen in dieser Zeit sogar Morde begehen können, ist für die Wissenschaft aber noch immer ein Rätsel.

„Ein Traum ist wie das Erleben selbst"

Die Lektion im Schlaf ...

Ich stehe im Wohnhaus meiner Kindheit. Wie bin hierher gekommen? Ich weiß es nicht. Plötzlich taucht vor mir ein Nachbar auf. Ich gehe nicht, wie üblich, weiter, sondern muss wie unter Zwang mit ihm sprechen. Es ist, als klebte ich am Boden fest. Dann erklingt ein Tonsignal. Ich schaue nach unten auf meine Hand. Langsam zähle ich drei ... vier ... fünf ...sechs Finger. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, denn sechs Finger bedeuten Freiheit. Ich weiß nun, dass all das nicht real ist, sondern dass ich träume. Die Aufregung ist so groß, dass sich mein Herzschlag erhöht. Ich muss das Zeichen nach draußen geben und blicke ein paarmal nach links und rechts. Nun kann ich anfangen, die Situation bewusst zu steuern. Raus hier, geht es durch meinen Kopf. Ich werde der Regisseur meines eigenen Films. Der Nachbar wird unwichtig, ich gehe durch die Wand des Hauses und beginne, mit unglaublicher Geschwindigkeit über eine Wiese zu fliegen ..."

Kann ich Schlaf zu Höchst-Leistungen nutzen?

Diese Erzählung stammt von einer Person, die gerade, mit Sonden an Messinstrumente angeschlossen, in einem Schlaflabor liegt. Was sie beschreibt, ist ihr Traum. Und ist es auch wieder nicht. Denn bestimmte Elemente dieses Traumerlebens werden in der Wachrealität des Labors erzeugt, oder sie dienen der Kommunikation mit den Forschern. Das Tonsignal kommt aus Kopfhörern, ausgelöst wird es durch einen Computer, sobald die Hirnwellen der Probandin eine bestimmte Frequenz erreichen. Der Ton soll Auslöser für einen zuvor abgesprochenen Realitäts-Check sein. Sechs Finger pro Hand bedeuten: Traum, nicht Wirklichkeit. Das Augenrollen schließlich zeigt dem Forscher, dass die „Leitung" zum Unterbewusstsein der Probandin steht. Denn die Augen gehören zu den wenigen Körperteilen, die nicht erstarren, während wir träumen. Sie unterliegen nicht der sogenannten Schlafparalyse, die verhindert, dass wir sämtliche Regungen im Traum auch in der Realität vollführen. Diese Augenbewegungen im Labor sind das Zeichen dafür, dass eine Tür zwischen zwei Welten geöffnet ist, die lange als unvereinbar galten: die Traumwelt und die Wachwelt. Wir sind gerade Zeugen eines Klartraums. Eines Traums, in dem der Träumende nicht willenloses Objekt einer nicht zu kontrollierenden, ja, oft beängstigenden Szenerie ist. Er kann vielmehr die Handlung seiner Traumwelten bewusst steuern, ist sich also gewissermaßen im Traum seines Traums bewusst. Und damit auch seiner Fähigkeit, gefährlichen Situationen entkommen zu können. Denn er weiß in jeder Sekunde: „Es ist ja schließlich nur ein Traum."

Dem Schlüssel zur Manipulation des menschlichen Unterbewusstseins, des Reichs der Träume, waren Wissenschaftler noch nie so nah wie heute. Klarträume machen in den meisten Studien zwar nur rund ein Prozent der gesamten Traumzeit aus. Doch vier von fünf Menschen haben mindestens einmal einen Klartraum erlebt. Wie Entdeckungsreisende in einem fremden Land machen Forscher sich auf die Suche nach eben jenem Moment, in dem Traum- und Wachwelt sich berühren. Das auch als luzider Traum bezeichnete Phänomen findet hauptsächlich während des sogenannten REM-Schlafs (REM = Rapid Eye Movement) statt. Das sind die rund 90 bis 120 Minuten „leichten" Schlafs pro Nacht, in denen jeder Mensch in fünf bis sechs zeitlich getrennten Abschnitten träumt. Für uns stellt sich das in dem Moment als Film dar, den wir in 99 Prozent der Fälle mit der Realität verwechseln. „Während des REM-Schlafs sollte der für logisches Denken verantwortliche Teil im Gehirn ausgeschaltet sein. Doch es ist möglich, dass die Logik im Traum aktiv wird und der Träumer die Situation als Traum erkennt", erklärt Matthew Walker, Direktor des Schlaflabors der University of California in Berkeley, USA.

In einem Klartraum arbeitet die graue Materie in unserem Kopf anders als bei vollem Bewusstsein: „Einige Regionen unseres Gehirns wie das Seh- und Bewegungszentrum sind aktiver während des Schlafs, als sie es im wachen Zustand wären. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum unsere Träume im Vergleich zum Wachzustand so visuell und voller Action wirken", erklärt Deirdre Barrett, Psychologin an der Harvard Medical School. „Andere Bereiche wie der präfrontale Cortex – dort sitzen das logische Denken und die 'mentale Zensur', die über Sinn und Unsinn einer Verhaltensweise entscheidet – sind dagegen weniger aktiv. Darum wachen wir am Morgen manchmal mit kreativen Lösungen auf: Die Logik des Schlafs ist weniger linear als im Wachzustand."

Warum lernt das Gehirn nur im Schlaf?

Zahlreiche Experimente zeigen, dass sich die Lernkapazität verbessert, wenn zwischen Aufnahme und Abrufen von Informationen Schlaf liegt. Doch warum? Das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Computerfestplatte, die alle Daten nacheinander ablegt. Vielmehr müssen sie, um vom Kurzzeitfallen, also die charakteristischen niederfrequenten Wellen produzieren. Wer Vokabeln paukt, dessen Sprachzentrum fährt im Schlaf besonders tief herunter. Vor dem Schlafen aufgenommene, „frische" Informationen haben daher die größten Chancen, den Transfer in das Langzeitgedächtnis zu schaffen. "Im Schlaf werden Erinnerungsmuster reaktiviert", erklärt Jan Born von der Universität Tübingen. Umgekehrt macht Schlafmangel eine Informationsaufnahme unmöglich: Eine im Gehirn gespeicherte Information ist – einfach gesagt – eine Form von Spannung zwischen mehreren Gehirnzellen. Je länger man wach ist, desto stärker wächst sie, bis es quasi zu einem „Überdehnen" kommt und das Aufnahmemaximum erreicht ist. Nichts „geht" mehr in den Kopf. Das Gehirn braucht Ruhe, um zu „entspannen".

Steigert ein Klartraum meine Fitness?

Der Klartraum kombiniert die Fähigkeiten von Wach- und Schlafbewusstsein: Vermutlich spielt das Stirnhirn – das unter anderem für die willentliche Lenkung unserer Aufmerksamkeit sorgt – dabei eine wesentliche Rolle. Ursula Voss von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main untersuchte die Hirnwellen von Klarträumern und entdeckte gerade dort den Bereich hochfrequenter Wellen, der auftritt, wenn man sich sehr stark auf einen Gegenstand konzentriert. Auch stieg die Vernetzung der verschiedenen Hirnareale im Vergleich zum normalen REM-Schlaf an. Paul Tholey, ein deutscher Gestaltpsychologe, verbesserte mithilfe von Klarträumen die eigenen kognitiven Fähigkeiten: Er konnte komplexe logische Probleme entschlüsseln, die ihm im Wachzustand Probleme bereiteten. Der deutsche Chemiker August Kekulé „entdeckte" im Traum, dass Atome in einem Molekül auch ringförmig angeordnet sein können. Der sogenannte Benzolring war eine Revolution, denn die Fachwelt ging bis dahin üblicherweise von Atomketten aus. Auch den Naturwissenschaftler Dimitri Mendelejew inspirierte angeblich ein Traum zu seinem berühmten Periodensystem zur Ordnung der Elemente.

Die Nacht beherbergt jede Menge „schlummerndes" Potenzial, sogar die physische Leistungsfähigkeit lässt sich steigern: Michael Schredl, Psychologe und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, untersuchte Turmspringer, Skiläufer und Turner, die in Klarträumen bestimmte Bewegungsabläufe „trainierten". "Sie erlebten ihr Handeln als in sich stimmig, leicht und locker", so Schredl. Die Folge: Wer einen perfekten Salto in all seinen Details träumt, erreicht ihn auch in der Realität eher. Bei ihren mentalen Anstrengungen erhöhte sich sogar die Pulsfrequenz der Sportler beträchtlich. Das bedeutet, ein Sportler kann sein Herz-Kreislauf-System trainieren, ohne sich zu bewegen. Eine Studie mit 800 Athleten unterstreicht die positiven Effekte: "Rund ein Fünftel der Teilnehmer waren häufige Klarträumer. Diejenigen, die die Methode im Training nutzten, bestätigten, dass sich so ihre Leistung verbesserte", sagt der Traumforscher Daniel Erlacher.

Bummelt unsere Innere Uhr nachts?

Stunden oder gar Tage scheinen wir in Träumen zu verbringen. Doch in Echtzeit dauert kein Traum länger als 15 oder 20 Minuten, denn Zeit ist ein höchst subjektives Phänomen. Verantwortlich dafür ist das "Drehbuch" eines Traums, das viele Einzelszenen zusammenfügt, aber jeweils die Zeit dazwischen ausblendet und so unser Zeitgefühl betrügt. „Wir verbinden normalerweise nur Fragmente", sagt Patrick McNamara von der Boston University School of Medicine. Das funktioniert ähnlich wie ein Hollywood-Film, der 120 Minuten dauert, aber eine Zeitspanne von Tagen, Wochen oder Jahren abbildet. Tatsächlich entsprechen aber zehn Sekunden in einer Traumsequenz auch zehn Sekunden in der Realität, wie ein Experiment von Daniel Erlacher und Michael Schredl mit Klarträumern bestätigte.

Kann ein Klartraum meine verborgenen Ängste heilen?

„Jeder kann einen Albtraum zu einem Klartraum machen und ihn verändern", sagt Victor Spoormaker vom Max-Planck-Institut für Psychi atrie in München. Computerspieler oder Architekten etwa, also Menschen, die häufig in virtuellen Welten unterwegs sind, haben damit offenbar weniger Probleme. "Sie versuchen öfter, sich gegen Verfolger zu wehren, statt nur davonzulaufen", sagt Jayne Gackenbach von der Grant Macewan University Edmonton in Kanada. "Ihre Träume sind weniger Furcht einflößend. Sie sagen Sachen wie: 'Es war ein Albtraum, aber großartig!'" Wer sein Unterbewusstsein im Schlaf also selbst "aufräumt", kann Ängste heilen und dadurch sogar einen stimmungsaufhellenden Effekt für den Wachzustand erzielen. "Traumatische Ereignisse werden so weniger traumatisch", sagt Ernest Hartmann, Psychiater an der Tufts University in Medford, Massachusetts.

Doch auch der gegenteilige Effekt ist möglich, denn manchmal werden Klarträume geradezu hyperreal: Der Basketballer Daniel Bukac wollte seine Wurftechnik im Traumlabor von Daniel Erlacher verbessern – und ging einen Schritt zu weit: "Ich wollte etwas ausprobieren, was ich sonst nicht kann: einen Salto", erzählt er. „Ich bin auf den Rücken gefallen. Selbst im Schlaf habe ich gemerkt, dass das ziemlich wehtut."

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