Wie helfen Cannabinoide als Arzneimittel gegen Schmerzen & Co.?

Georg Partoloth Medizinredakteur

Jeder Arzt kann jetzt Cannabinoide verschreiben. Für die Arzneimittel gibt es ein breites Einsatzgebiet – sie bringen schwer kranken und chronischen Patienten wieder Hoffnung. Wann sie sinnvoll sind, erklärt Dr. Marc Seibolt.

Medizinisches THC gegen Schmerzen
Cannabinoid-Arzneimittel können Menschen mit starken Schmerzen und chronischen Erkrankungen helfen Foto:  iStock/seb_ra

Maria M. war rüstig und lebensfroh. Bis sie 2015 – damals war sie 92 – auf der rechten Bauchseite eine Gürtelrose bekam. Schnell entwickelte sich daraus eine Schädigung der Nerven, eine sogenannte Post-Zoster-Neuralgie. Die Rentnerin hatte extrem starke Schmerzen, die mit Opioiden behandelt werden mussten. Doch Marias Alltag war durch die massiven Nebenwirkungen der Medikamente beeinträchtigt. „Nach einer zweijährigen Leidensgeschichte wurde die Patientin im März 2017 bei mir vorstellig“, erklärt der Schmerzspezialist Dr. Marc Seibolt. Kurz davor war ein neues Gesetz in Kraft getreten, das allen Ärzten ermöglicht, Cannabinoide als Therapeutikum zu verschreiben.

„Nach einer ausführlichen Anamnese beschloss ich gemeinsam mit der Patientin, ihr Cannabinoide zu verordnen. Sie nimmt jetzt circa 7 mg des THC-Wirkstoffs Dronabinol täglich ein, als ölhaltige Lösung.“ Der Erfolg hat sich sehr schnell eingestellt. „Heute braucht sie nur noch die Dronabinol-Tropfen und keine anderen Medikamente mehr gegen die Schmerzen. Die Opioide konnte sie absetzen. Positiver Nebeneffekt: Vor unserer Therapie wog sie nur noch 43 kg, heute hat sie wieder über 50 kg“, freut sich der Schmerzspezialist.

Cannabinoid-Arzneimittel auf Rezept

Patienten, die unter einer schwerwiegenden Erkrankung leiden, haben Anspruch auf Cannabinoid-Arzneimittel, wenn Standardtherapien ausgeschöpft oder nicht anwendbar sind. Und wenn eine Aussicht der Therapie auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf vorliegt.

  • Jeder Arzt (z. B. Hausarzt) kann Cannabinoide verschreiben.
  • Der Arzt unterstützt Sie bei der Antragstellung bei der Kasse.
  • Die Krankenkasse hat 3-5 Wochen Zeit (im Ausnahmefall 3 Tage), um zu antworten.
  • Bei Genehmigung (ansonsten Widerspruch einlegen!) stellt der Arzt ein BtM-Rezept aus. Die Apotheke bereitet z. B. Dronabinol Kapseln oder Tropfen individuell zu.
 

Vielfältiger Einsatz von Cannabinoiden in der Medizin

Cannabinoide haben ein großes Potential – etwa bei chronischen Schmerzen. Dafür hat die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) bereits eine Praxisleitlinie erstellt. „Vor allem Nervenschmerzen können gelindert werden.

Große Erfolge erzielen wir etwa bei Polyneuropathie“, erklärt Dr. Seibolt. „Der Einsatz von Cannabinoid-Medikamenten hat sich auch bei Spastiken von MS-Patienten, bei Appetitmangel und bei Kindern mit Epilepsie bewährt – und zur Linderung der Nebenwirkungen einer Chemotherapie.“ Und wie wirkt das Medikament im Körper? Dr. Seibolt: „Wissenschaftler haben ein neues System entdeckt, das sogenannte Endocannabinoid-System. Die Wirkstoffe docken an spezielle Rezeptoren an. Durch diese Erkenntnis haben wir eine neue, vielversprechende Therapieoption bekommen.“

 

Präparate verursachen kaum Nebenwirkungen

Die Präparate sind sehr sicher und nebenwirkungsarm. Lediglich in den ersten Wochen kann es zu Schwindel und Müdigkeit kommen. „Wir empfehlen in der Regel Fertig- und Rezepturarzneimittel aus der Apotheke. Die DGS-Praxisleitlinie lehnt den Einsatz der Blüten zum Inhalieren oder Rauchen ab. Denn wir wissen nie genau, wie viel Wirkstoff in den Blüten ist. Die Gefahr einer Überdosierung ist beim Rauchen gegeben – hier kann es auch häufiger zu Nebenwirkung kommen. Das Abhängigkeitspotential ist bei den Arzneimitteln in der Regel nicht vorhanden, bei den Blüten aber sehrwohl“, so der Schmerzspezialist.

Bei Tropfen und Kapseln besteht ein weiterer Vorteil: Sie vertragen sich mit den allermeisten anderen Medikamenten, die Gefahr von Wechselwirkungen ist äußerst gering. Wer THC gegenüber skeptisch ist, greift zu Cannabidiol (CBD) – eine Natursubstanz, die im Gegensatz zu THC keinerlei Rauscheffekt hat. Die Produkte gibt es rezeptfrei zu kaufen.

 

Cannabinoide gegen Schmerzen verschreiben lassen 

Für die Verschreibung von Cannabinoiden bestehen strenge Richtlinien (s. Kasten). „Die Kassen wehren sich heute häufig gegen den Antrag auf Kostenübernahme. Wir haben meist einen hohen Aufwand, um die Kostenerstattung genehmigt zu bekommen. Doch dieser lohnt sich für die Patienten – denn sie erfahren eine Schmerzlinderung und bekommen eine höhere Lebensqualität zurück.“

 

Beratender Experte

Dr. Marc Seibolt Anästhesist, Schmerztherapeut am Algesiologikum MVZ München

 

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2019 praxisvita.de. All rights reserved.