Wie gefährlich ist eine Vollnarkose?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin

Eine Vollnarkose beim Zahnarzt hat für einen 18-jährigen in Hamburg tödlich geendet. Wie riskant sind Vollnarkosen eigentlich?

Ein 18-jähriger Hamburger ist am Dienstag an den Folgen einer Vollnarkose während einer Wurzelbehandlung verstorben. Die mehrstündige Behandlung war auf seinen ausdrücklichen Wunsch unter Narkose durchgeführt worden, da er unter Zahnarzt-Angst litt.

Tatsächlich ist eine Vollnarkose für viele Patienten, die Angst vor Operationen und ärztlichen Behandlungen haben, eine willkommene Alternative zu lokalen Betäubungen. Denn gerade die lokale Betäubungsspritze sorgt beim Zahnarzt oft für zusätzlichen Horror. Doch ist eine Vollnarkose wirklich die harmlosere Wahl?

Fakt ist: Nie war eine Vollnarkose so sicher wie heute. „Das Narkose-Risiko eines gesunden Patienten liegt fast bei null", sagt Prof. Dr. Alwin Goetz, Chefarzt für Anästhesiologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf: „Das Risiko ist im Wesentlichen durch die Vorerkrankungen des Patienten bestimmt. Aber selbst wenn diese erheblich sind, kommt es nur bei einem von 20 000 Fällen zu schweren Narkose-Komplikationen."

 

Vorerkrankungen genau prüfen

Wie jetzt bekannt wurde, litt der verstorbene Zahnarztpatient aus Hamburg tatsächlich an einer, ihm unbekannten Vorerkrankung des Herzens. Die Belastungen der mehrstündigen Operation haben vermutlich zu den Komplikationen während der Behandlung geführt. Im Krankenhaus, in das Notärzte ihn gebracht hatten, verstarb er schließlich an Herzversagen. Wie seine Mutter der „Hamburger Morgenpost“ erzählte, habe der 18-jährige bereits über einen längeren Zeitraum Paracetamol und Ibuprofen gegen seine Zahnschmerzen geschluckt. Da er unter schwerer Zahnarzt-Phobie litt, sei dies seine einzige Möglichkeit gewesen, die Schmerzen zu bekämpfen. Ibuprofen steht im Verdacht, bei langfristiger Einnahme Herzerkrankungen auszulösen.

Obwohl Fälle wie dieser sehr selten sind, wecken sie doch Besorgnis bei vielen Patienten, ähnliche Komplikationen bei einer Vollnarkose zu erleiden. Nicht wenige plagt außerdem die Angst, während einer Operation wieder aufzuwachen und sich nicht bemerkbar machen zu können.

 

Was passiert während einer Vollnarkose?

Chirurgen bei einer Operation
Die Überwachung der Vollnarkose ist ein wichtiger Bestandteil bei chirurgischen Eingriffen.© Alamy

Bei der Klärung dieser Fragen, hilft es, zu verstehen, was bei einer Narkose überhaupt im Körper passiert. Vor der Operation erhält der Patient eine Beruhigungstablette, die angstlösend und entspannend wirkt. Für die Vollnarkose spritzt der Anästhesist drei Wirkstoffgruppen in die Handvene. Durch Schlafmittel verliert der Patient das Bewusstsein verliert und kann im Gehirn keine aktuellen Informationen mehr verarbeiten. Im zweiten Schritt werden hochwirksame Schmerzmittel verabreicht, die zusätzlich bewusstseinsdämpfend wirken. Wenn der Patient bereits tief schläft, erhält er zuletzt Medikamente zur Muskelerschlaffung. Diese Relaxanzien erleichtern den Chirurgen die Arbeit während des Eingriffs. Werte wie Herzrhythmus, Blutdruck, Sauerstoffsättigung im Blut, Körpertemperatur und die Konzentration von Sauerstoff und Kohlendioxid beim Ein- und Ausatmen, werden während der gesamten OP vom Anästhesisten beobachtet.

 

Weniger als ein Todesfall bei 100.000 Vollnarkosen

Die Kombination der Wirkstoffe und der hohe medizinische Standard in Deutschland machen eine Vollnarkose zu einer ziemlich sicheren Angelegenheit.  Tatsächlich konnte durch die Einführung von Sicherheitsstandards und verbesserter Ausbildung die Sterblichkeit während einer Anästhesie von 64 Todesfällen auf 100.000 Operationen in den 1940er-Jahren auf 0,4 Todesfälle pro 100.000 OPs reduziert werden. Die häufigsten Gründe für Komplikationen und Todesfälle durch eine Vollnarkose sind Überdosierung und Nebenwirkungen der Anästhetika.

Allerdings muss in der Statistik auch berücksichtigt werden, dass heute viel häufiger ältere Menschen mit verschiedenen Vorerkrankungen unter Vollnarkose operiert werden, als noch vor einigen Jahrzehnten. Junge, gesunde Patienten dürften also ein noch geringeres Risiko für Komplikationen während einer Anästhesie haben.

Das gefürchtete Aufwachen während der Narkose ist ebenfalls ein sehr seltenes Phänomen. Nach einer Auswertung des Deutschen Ärzteblatts tritt es bei etwa 0,1 bis 0,15 Prozent aller Operationen unter Vollnarkose auf. Sogenanntes „Awareness“  beruht meistens auf einer falschen Dosierung der Narkotika.

 

Welche Form der Betäubung ist wann sinnvoll?

Die Risiken während einer Vollnarkose zu sterben sind, wie geschrieben, heute sehr gering. Komplikationen können allerdings eher tödlich enden, als bei lokalen Betäubungen. Deshalb sollte vor jedem Eingriff abgewogen werden, welche Art der Betäubung sinnvoll ist. Bei einer Zahnarztbehandlung ist zum Beispiel eine Kombination von Lachgas und lokaler Betäubungsspritze eine sinnvolle Alternative zur Vollnarkose.

Ist die Vollnarkose, etwa bei schweren Operationen unumgänglich, sollte vorab geklärt werden, ob Vorerkrankungen oder Medikamentenallergien vorliegen. Patienten beugen Komplikationen vor, indem sie sechs Stunden vor der Operation nichts mehr essen, nicht eigenmächtig Schmerzmittel einnehmen und vor der OP nicht mehr rauchen oder Alkohol trinken.

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Hamburg, 01. Juni 2016

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