Wie gefährlich ist Babypuder?

Verena Elson Medizinredakteurin
Babypuder
Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät von der Nutzung von Babypuder zur Pflege von Babys ab – das Puder kann zur Gefahr für Kinder werden, wenn sie es einatmen © istock

Ein US-Unternehmen muss einer Frau mehr als 400 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen, weil sein Babypuder die Ursache für ihre Krebserkrankung gewesen sein soll. Wie gefährlich ist Babypuder wirklich? Und gilt das auch für Deutschland?

Eine Jury in Los Angeles verurteilte den Konzern Johnson & Johnson dazu, der Klägerin 417 Millionen US-Dollar Schadensersatz zu zahlen, wie die New York Times berichtet. Die 63-Jährige hatte das Babypuder des Pharmaunternehmens jahrzehntelang zur Intimpflege verwendet.

Bei ihrer Klage beruft sie sich auf mehrere Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem Babypuder-Bestandteil Talkum und der Entstehung von Eierstockkrebs herstellen. Und sie ist nicht die erste, die aus diesem Grund klagt: Bereits mehrere Tausend an Krebs erkrankte Frauen machten das Unternehmen für ihr Leiden verantwortlich. Im vergangenen Jahr musste Johnson & Johnson einer Klägerin 72 Millionen US-Dollar Schadensersatz zahlen – auch sie hatte das Babypuder über mehrere Jahrzehnte zur Intimpflege verwendet.

 

Was ist Talkum?

Babypuder besteht in der Regel zu über 90 Prozent aus Talkum. Talkum ist die pulverisierte Form des Minerals Talk (nicht zu verwechseln mit Talg) und Bestandteil vieler Pflege- und Kosmetikprodukte. Es nimmt Feuchtigkeit auf, hält die Haut trocken und beugt wunden Stellen vor. Viele Eltern pflegen darum den Windelbereich ihres Kindes mit Babypuder – aber auch Frauen verwenden es zur Intimpflege.

Eierstockkrebs
Wie Talkum die Entstehung von Eierstockkrebs fördern könnte, wurde noch nicht in Studien untersucht. Mediziner vermuten aber, dass der Puderstaub über die Gebärmutter bis in die Eierstöcke aufsteigt und dort Entzündungen auslöst, die wiederum die Entstehung von Tumoren begünstigen© iStock

2006 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung Talkum als mögliches Karzinogen (krebserregenden Stoff) ein und warnt seitdem vor der Verwendung von Babypuder zur Intimpflege.

 

Wie ist das Risiko einzuschätzen?

Dennoch ist der Inhaltsstoff in Pflegeprodukten erlaubt und die Verpackungen müssen keinen Warnhinweis tragen. Das liegt daran, dass die Studienlage unklar ist. Bei den Studien, die zu dem Schluss kamen, Talkum erhöhe das Krebsrisiko, handelte es sich vorwiegend um sogenannte Fall-Kontroll-Studien. Bei solchen Untersuchungen werden Personen, die von einer bestimmten Krankheit betroffen sind (in diesem Fall Frauen mit Eierstockkrebs) einer Gruppe von nicht betroffenen Personen gegenübergestellt. Die Wissenschaftler vergleichen einzelne Aspekte in Lebensstil und Krankheitsgeschichte der beiden Gruppen – beispielsweise Ernährung, Bewegung oder eben die Verwendung bestimmter Produkte wie talkumhaltiger Puder. Bei dieser Methode ist es enorm schwierig, sicherzustellen, dass die beiden Gruppen wirklich vergleichbar sind und dass keine Faktoren übersehen werden, die das Ergebnis außerdem beeinflussen. Fall-Kontroll-Studien gelten darum als weniger aussagekräftig als sogenannte Kohortenstudien.

Unter Kohortenstudien versteht man die Begleitung einer großen Gruppe von Menschen über einen längeren Zeitraum, häufig viele Jahre. In dieser Zeit werden in regelmäßigen Abständen Daten zu Lebensstil und Gesundheitszustand der Probanden erhoben, um am Ende Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Erkrankungen herauszustellen. Zum Thema Talkum und Eierstockkrebs wurden zwei Kohortenstudien durchgeführt (die letzte 2014), die beide keinen Zusammenhang nachweisen konnten.

 

Ist Talkum in anderen Produkten gefährlich?

Bisher gibt es also keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Talkum die Entstehung von Eierstockkrebs fördert. Doch was heißt das jetzt für Verbraucher? Können Sie weiterhin Talkumprodukte verwenden oder sollten sie lieber zu Alternativen greifen? Schließlich ist der Stoff in vielen weiteren Kosmetik- und Pflegeprodukten enthalten, darunter Gesichtspuder, Rouge, Lipliner und Kajalstifte.

Diese Produkte können weiterhin ohne Bedenken verwendet werden. Ausschließlich von der Intimpflege mit Babypuder raten Mediziner ab – denn nur bei dieser Verwendung gibt es Hinweise auf ein möglicherweise erhöhtes Krebsrisiko. Auch, wer bereits einige Male Babypuder zur Intimpflege verwendet hat, braucht sich keine Sorgen zu machen. Die betroffenen Frauen, bei denen die Krebserkrankung eventuell auf die Verwendung des Puders zurückzuführen ist, haben es über Jahre hinweg täglich aufgetragen – bei gelegentlicher Anwendung ist nicht mit Folgen für die Gesundheit zu rechnen.

 

Ist Babypuder auch für Babys gefährlich?

Für die Pflege von Babys sollte Babypuder tatsächlich nicht verwendet werden. Der Grund ist nicht ein erhöhtes Krebsrisiko, sondern die Gefahr von Atemnot, wenn das Kind das Puder einatmet. Denn es kann in die Lunge gelangen und dort zu schweren Schäden führen. Viele Babys und Kleinkinder mussten bereits auf Intensivstationen behandelt werden, weil es zu Unfällen auf dem Wickeltisch kam, bei denen das Kind eine Puderdose öffnete und das Babypuder über Brust und Gesicht des Kindes rieselte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt darum vor der Nutzung von Babypuder zur Pflege von Babys und Kleinkindern.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.