Wie erziehe ich ein autistisches Kind richtig?

Expertin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Ein autistisches Kind lebt oft in seiner eigenen Welt. Mit ein bisschen Hilfe kann es unsere aber verstehen lernen.“ © Privat

Eltern von autistischen Kindern stehen vielen Herausforderungen gegenüber. Der Umgang mit der angeborenen Störung ist schwierig – doch es gibt Möglichkeiten, um ein autistisches Kind im Alltag bestmöglich zu unterstützen. Kinderärztin Dr. Nadine Hess erklärt, wie es geht.

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Häufig sind es scheinbare Kleinigkeiten, die Eltern erst nach und nach auffallen und die dann zur Besorgnis führen: Das Kind sucht beispielsweise keinen Blickkontakt, es reagiert kaum, wenn man es hochnimmt, oder es ignoriert andere Kinder und spielt lieber alleine. All das sind typische Symptome von Autismus. Unter dieser Krankheit versteht man eine angeborene Störung, durch die sich Kinder nur verzögert entwickeln. So fällt Betroffenen häufig die soziale Interaktion mit anderen schwer. Sowohl verbale als auch nonverbale Kommunikation stellt für ein autistisches Kind eine Herausforderung dar. So kann es beispielsweise die Gefühle seiner Mitmenschen nur schwer verstehen.

 

Ein autistisches Kind lebt in seiner eigenen Welt

Von Autismus betroffene Kinder teilen sich ihrer Umwelt kaum bis gar nicht mit. Während gesunde Säuglinge ständig vor sich hin brabbeln oder die Arme nach den Eltern ausstrecken, sind solche Gesten bei autistischen Babys eher selten.

Werden sie älter, fällt es diesen Kindern schwer, Dingen eine Bedeutung zuzuordnen: Sie wissen nicht, was von ihnen erwartet wird, was sie unter großen Stress setzt. Schon eine alltägliche Kleinigkeit wie Zähneputzen kann ein autistisches Kind überfordern und im schlimmsten Fall zu einem emotionalen Ausbruch führen. Die Betroffenen sind also kaum in der Lage, unsere Welt zu begreifen und ziehen sich deshalb häufig in ihre eigene zurück.

 

Für Eltern ist die Erziehung oft eine Geduldsprobe

Je früher die Krankheit festgestellt wird, desto leichter ist es für Eltern, das Kind richtig an Regeln und Strukturen zu gewöhnen. Ein autistisches Kind muss gefördert und gefordert werden. Wichtige Themen sind beispielsweise Mimik und Gestik, der richtige Umgang mit anderen Menschen und Manieren. Dabei gilt: Auch mit viel Einfühlsamkeit und Geduld müssen Eltern damit rechnen, dass Fortschritte auf sich warten lassen. Es kann Tage geben, an denen das Kind etwas schnell begreift und auch selbstständig umsetzt. Und es kann Tage geben, an denen selbst die häufige Wiederholung erfolglos bleibt.

Kind bindet Schuhe zu
Schon alltägliche Dinge wie die Schuhe zu binden fallen einem autistischen Kind schwer. Deshalb sind Geduld und Einfühlungsvermögen der Eltern wichtig© Fotolia

Vermeiden Sie es, mehrere Themen gleichzeitig anzugehen, um den Nachwuchs nicht zu überfordern. Erst wenn ein Autist etwas wirklich gelernt hat und sich auch von alleine korrekt verhält, ergibt es Sinn, das nächste Problem anzugehen. Und auch wenn es manchmal schwer ist: Bleiben Sie konsequent. Das Kind muss lernen, dass sein Handeln und Verhalten Folgen hat. Weigert es sich beispielsweise, die Schuhe anzuziehen, so kann das dazu führen, dass es irgendwann zu spät für einen Besuch auf dem Spielplatz wird.

 

Arbeiten Sie mit Bildern

Ein autistisches Kind lernt meist durch Sehen besser als durch Hören. Aus diesem Grund kann es helfen, wenn Sie Dinge mithilfe von einfachen Fotos und Bildern erklären. So lässt sich der gesamte Tagesablauf strukturieren: Morgens zeigen Sie dem Kind beispielsweise ein Foto von einer Zahnbürste, damit es versteht, dass es Zeit ist, ins Bad zu gehen. Ein Bild von einem Apfel steht dafür, dass es Mittagessen gibt. Und mit einem Foto von einem Bett signalisieren Sie, dass es gleich ins Bett geht.

Solche Fotos können dem Kind auch dabei helfen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ist der Nachwuchs unsicher oder kann einfach nicht sagen, was er tun möchte, stellen Sie ihm anhand von Bildern mehrere Aktivitäten zur Auswahl. Dabei kann eine Schaukel für den Spielplatz stehen und ein Ball für das Fußballspiel. Es mag mühselig erscheinen, dem Kind jeden einzelnen Schritt vorzumachen. Aber nur so wird es begreifen, was von ihm erwartet wird und kann sich dementsprechend verhalten.

 

Eltern dürfen sich selbst nicht vergessen

Es ist völlig natürlich, dass man bei der Erziehung eines Autisten mal an die eigenen Grenzen stößt. Das ist kein Grund, sich zu schämen – vertrauen Sie sich Ihrer Familie und Ihren Freunden an. Sollten Sie merken, dass Sie dauerhaft überfordert sind, zögern Sie nicht, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.