Wie Einsamkeit krank macht

Carolin Banser

Menschen, die nur wenig Anbindung an Familie und Freunde haben, werden nicht nur deutlich häufiger krank – sie sterben auch früher. US-amerikanische Forscher haben jetzt erstmals nachgewiesen, wie sich unser Immunsystem verändert.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und benötigt Geborgenheit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Studien belegen, dass Einsamkeit für den Körper genauso schädlich ist wie das Rauchen. Forscher haben jetzt erstmals einen möglichen Grund dafür gefunden: Ein geschwächtes Immunsystem.

Der Wissenschaftler Steven Cole von der University of California in Los Angeles und sein Team wollten herausfinden, was Einsamkeit in unserem Zellstoffwechsel und unseren Genen bewirkt. Für Ihre Untersuchung verglichen die Forscher die Genaktivität in den Abwehrzellen von 141 Teilnehmern, die unterschiedlich stark unter dem Gefühl der Einsamkeit litten. Ähnlich gingen sie bei den Genanalysen von 27 Rhesusaffen vor, von denen einige isoliert lebten.

 

Soziale Isolation verändert weiße Blutkörperchen

Das Ergebnis: Bei einsamen Menschen (und Affen) verändert sich die Genaktivität in bestimmten Abwehrzellen deutlich. Verantwortlich dafür macht das Team um Cole bestimmte Gene in den weißen Blutkörperchen, die bei Einsamkeit Entzündungen fördern und das Immunsystem schwächen. Die Wissenschaftler berichten im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences", dass sich bei einsamen Menschen mehr Leukozyten mit entzündungsfördernden Eigenschaften herausbilden. Das Besondere: Die Häufung dieser sogenannten Monozyten lässt sich auch noch ein Jahr nach der Phase der Einsamkeit nachweisen.

Wie wirken sich diese langanhaltenden Veränderungen auf den Körper aus? Der Eingriff in den Zellstoffwechsel und das Immunsystem steigert die Anfälligkeit für Gefäßerkrankungen, die wiederum Bluthochdruck und ähnliche Herz-Kreislauf-Beschwerden hervorrufen können. Bei den Rhesusaffen wurde zudem nachgewiesen, dass sich das HIV-ähnliche Virus in isoliert lebenden Tieren schneller ausbreitete als bei den anderen Affen.

Besonders problematisch: Auch Medikamente gegen Entzündungen wirken nicht mehr so gut, da die veränderte Genaktivität bei einsamen Menschen dazu führt, dass bestimmte Zellen unempfindlicher auf die verabreichten Glucocorticoide reagieren.

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Forscher haben herausgefunden, dass Einsamkeit die Genaktivität in den Abwehrzellen verändert und Entzündungen fördert
 

Einsamkeit ist schlecht für Herz und Hirn

Wie gefährlich Einsamkeit für unser Herz und unser Gehirn wirklich ist, zeigt eine aktuelle Metaanalyse: Demnach erhöht soziale Isolierung sogar das Risiko für einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall. Die Wissenschaftler vermuten, dass sowohl Einsamkeit als auch soziale Isolierung körperliche Inaktivität und übermäßigen Konsum von Genussmitteln fördern. Inwieweit beide Faktoren die Entwicklung der koronaren Herzkrankheit (KHK) und eines Schlaganfalls begünstigen, haben die Forscher jetzt überprüft. Für die Analyse wurden elf Studien zu KHK und acht Studien zu Schlanganfallen herangezogen. Alle Untersuchungen waren sogenannte Längsschnittstudien, die in den Jahren 1965 bis 1996 mit insgesamt mehr als 180.000 Teilnehmern durchgeführt wurden.

Nach Angaben der britischen Gesundheitsforscher um Nicole K. Valtorta von der Universität von York kam es in den elf Studien zu knapp 3800 KHK-Ereignissen. Im Fokus der Untersuchung stand dabei der Herzinfarkt. Die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt war demnach um 29 Prozent erhöht, im Vergleich zu Studienteilnehmern, die sich nicht einsam und nicht sozial isoliert fühlten. Noch höher war das Risiko, erstmals einen Schlaganfall zu erleiden. Die Forscher ermittelten – aufgrund der Ergebnisse von acht Studien – eine Wahrscheinlichkeit von 32 Prozent.

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Hamburg, 30. Juli 2016

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