Wie eine Blutvergiftung mein Gehirn verändert

Verena Elson Medizinredakteurin
Sogenannte Streptokokken sind häufige Auslöser einer Blutvergiftung. Sie können beispielsweise über Wunden in der Haut in die Blutbahn gelangen
Sogenannte Streptokokken sind häufige Auslöser einer Blutvergiftung. Sie können beispielsweise über Wunden in der Haut in die Blutbahn gelangen © iStock/Bet_Noire

Eine Blutvergiftung (Sepsis) ist ein lebensbedrohliches Ereignis – wer es überlebt, hat häufig noch lange Zeit mit körperlichen Folgen zu kämpfen. Doch auch die geistige Leistung kann unter einer Sepsis leiden. In einer aktuellen Studie widmeten sich US-Forscher der Frage, warum das so ist.

Die Blutvergiftung ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Dabei verbreiten sich meist bakterielle Erreger über die Blutbahn im ganzen Körper und lösen Entzündungen aus. Wird sie zu spät oder gar nicht behandelt, endet sie tödlich.

Überlebende haben häufig mit körperlichen Langzeitfolgen der Sepsis zu kämpfen – dazu gehören etwa Muskel- und Nervenschädigungen oder chronisches Nierenversagen.

Doch auch das Gehirn kann Schaden nehmen, wie Studien zeigen. So fanden US-Forscher in einer 2010 durchgeführten Forschungsarbeit heraus, dass nach einer überstandenen Sepsis bei jedem zehnten Patienten geistige Beeinträchtigungen bestehen bleiben.

Bonner Wissenschaftler konnten in einer 2013 veröffentlichten Studie zeigen, dass bei einer schweren Sepsis häufig der sogenannte Hippocampus Schaden nimmt – dieser Teil des Gehirns ist für das Abspeichern neuer Informationen im Gedächtnis verantwortlich. Bei Probanden mit einer schweren Blutvergiftung beobachteten die Wissenschaftler entsprechend eine deutliche Beeinträchtigung des Lern- und Merkvermögens.

 

Forschung nach den Ursachen

„Viele erleben kognitive Verschlechterungen oder emotionale Probleme, die einer leichten traumatischen Hirnverletzung entsprechen und für Monate oder Jahre nach dem Klinikaufenthalt andauern können“, sagt Benjamin Singer, Assistenzprofessor für innere Medizin an der University of Michigan.

Wie genau es zu diesen Hirnschädigungen kommt, konnte bisher nicht vollständig geklärt werden. Singer und sein Team wollten das in ihrer aktuellen Studie herausfinden. „Wir wissen bereits von früheren Studien, dass Sepsis zu Langzeit-Hirnschäden führen kann und dass neuronale Entzündungen im Gehirn dabei eine Rolle spielen“, so Singer.

Auf der Suche nach der Ursache dieser Entzündungen im Gehirn analysierten die Forscher Hirngewebe an Blutvergiftung verstorbener Patienten und untersuchten Mäuse, die eine Blutvergiftung überlebt hatten.

 

Darmbakterien als Auslöser von Entzündungen im Gehirn

Ihre Entdeckung: Sowohl in den Gehirnen der Mäuse als auch in den menschlichen Gewebeproben stießen sie auf Darmbakterien, die mit den neuronalen Entzündungen in Verbindung gebracht werden konnten. Zwar ist es üblich, dass sich in den Gehirnen Verstorbener Bakterien tummeln, wie die Forscher betonen – sie gelangen „außer Kontrolle“, sobald das Immunsystem aufgehört hat, sie zu bekämpfen. Doch die Bakterien, die sich in den Gehirnen von an Sepsis Verstorbenen nachweisen ließen, unterschieden sich deutlich von denen solcher Patienten, deren Tod eine andere Ursache zugrunde lag.

In den Gehirnen der Mäuse waren diese Bakterie noch fünf Tage nach der Blutvergiftung nachweisbar, 14 Tage danach nicht mehr. Die Autoren schließen daraus: Eine Blutvergiftung führt dazu, dass sich Darmbakterien im Gehirn ansiedeln und nach einigen Tagen wieder verschwinden. Und: Diese Bakterien sind nicht zwangsläufig dieselben, die auch die Blutvergiftung ausgelöst haben (Darmbakterien sind nur ein möglicher Auslöser einer Sepsis, andere sind beispielsweise Streptokokken oder Staphylokokken, die beispielsweise über die Haut in den Körper gelangt sind.)

„(…) Die Bakterien, die sich während der Sepsis zu verschiedenen Organen ausbreiten, sind nicht immer die Bakterien, die das klinische Labor in den Blutproben identifiziert und auf die die Antibiotikatherapie abzielt“, so Singer.

Wie es zur Ausbreitung dieser Darmbakterien zum Gehirn kommt, wurde in der Studie nicht untersucht. Die Forscher sind sich jedoch sicher, dass ihre Erkenntnisse zur Vorbeugung von Hirnschäden nach einer Sepsis beitragen können – durch eine Therapie, die auf die Verbreitung der Darmbakterien im Organismus abzielt.

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