Wesentlich bei Demenzerkrankung: Aufklärung, Fingerspitzengefühl und Zuwendung

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Dr. Hans-Georg Bredow ist Facharzt für neurologische Erkrankungen. Im Interview erklärt der Experte, was bei einer Demenzerkrankung im Gehirn passiert – und vermittelt uns neben den Ursachen und Verlaufsformen der Demenz ein besseres Verständnis für die seelische Situation von Betroffenen und Angehörigen.

Stimmt es, dass immer mehr Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen sind?

Dieser Eindruck entsteht deshalb, weil es immer mehr ältere Menschen gibt und Demenz überwiegend ein Problem des Alters ist. Es ist aber meines Wissens nicht so, dass immer mehr 40-Jährige eine Demenzerkrankung entwickeln.

Ist die Diagnose Demenz heutzutage ausgereifter?

Ja, im Vergleich zu früher gibt es viel mehr Möglichkeiten, eine gesicherte Diagnose zu stellen. Das betrifft sowohl die Laboruntersuchungen, als auch bildgebende Verfahren wie die Computertomografie.

Es gibt viel mehr spezialisierte Ärzte und Kliniken, die sich intensiv mit dem Thema Demenzerkrankung beschäftigen. Während früher oft das Pauschalurteil gefällt wurde, die Vergesslichkeit läge einfach am Alter, gibt es heute Möglichkeiten, zu untersuchen, welche Krankheit dahinter steckt und wie sie sich behandeln lässt.

Neurologe Dr. Hans-Georg Bredow im Interview zu Demenz und Alzheimer
„Mäßig Sport treiben, möglichst viele soziale Kontakte pflegen, dem Hirn immer wieder neue Anregungen geben, sich mediterran ernähren“ – dazu rät Neurologe Dr. Hans-Georg Bredow, um eine beginnende Demenzerkrankung im Verlauf zu verlangsamen© privat

Wie erkenne ich als älterer Mensch, ob ich altersbedingt vergesslicher werde oder eine Demenzerkrankung entwickele?

Sehr häufig bemerken das zunächst die Angehörigen, weil sie wiederholt nach Sachverhalten wie zum Beispiel einem Termin gefragt werden. Der Betroffene selbst merkt es, weil er immer häufiger Dinge verlegt. Er geht los, um etwas zu besorgen und weiß nach kurzer Zeit nicht mehr, um was es sich eigentlich handelte. Es fällt immer schwerer, Dinge zu verstehen und damit einher geht ein allgemeiner Interesseverlust.

Am Anfang ist dieser sehr unspezifisch, im weiteren Verlauf betrifft er auch Lieblingsbücher oder -sendungen. Der Betroffene hält sich zunehmend in der Kommunikation zurück, weil es ihm auffällt, dass er nicht mehr so redegewandt ist. Eine ganz wichtige Rolle spielt auch die Orientierung: Dem Betroffenen fällt es immer schwerer, sich außerhalb von gewohnten Wegen zurechtzufinden.

Was genau passiert im Gehirn bei einer Demenzerkrankung?

Wichtig ist festzuhalten, dass es sehr viele verschiedene Ursachen für eine Demenzerkrankung gibt, zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion, ein Vitamin B12-Mangel, ein Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung. Bei der am häufigsten vorkommenden Art der Demenz, der Alzheimer-Erkrankung, handelt es sich um eine sogenannte neurodegenerative Erkrankung. Das heißt, dass das Gehirn schrumpft.

Dies ist zunächst ein normaler Alterungsprozess. Bei einer Alzheimer-Erkrankung ist dieser Abbau aber unverhältnismäßig hoch und findet an Stellen statt, die insbesondere für die Gedächtnisleistung verantwortlich sind. Zudem lagern sich im Gehirn Eiweiße ab, die ebenfalls zu einer Verminderung der Informationsverarbeitung im Gehirn führen.

Vom Alkohol sagt man, dass er Gehirnzellen absterben lässt. Sind Alkoholiker mehr gefährdet, an Demenz zu erkranken?

Das ist definitiv der Fall. Alkohol führt zu schweren akuten Schädigungen des Hirns, die dann eine Demenzerkrankung auslösen können. Bei Alkoholikern kommt häufig eine Mangelernährung erschwerend hinzu, insbesondere ein Vitamin B1-Mangel, der schwere Gedächtnisstörungen auslöst.

Demenzerkrankung durch Alkohol
Alkohol führt zu schweren akuten Schädigungen des Hirns, die eine Demenzerkrankung auslösen können© istock

Was kann ich machen, um eine beginnende Demenzerkrankung im Verlauf zu verlangsamen?

Mäßig Sport treiben, möglichst viele soziale Kontakte pflegen, dem Hirn immer wieder neue Anregungen geben, sich mediterran ernähren – also mit wenig Fleisch, mehrmals die Woche Fisch, viel Gemüse und überwiegend pflanzlichen Fetten wie Olivenöl. Solche Verhaltensweisen verlangsamen den Verlauf, können die Krankheit aber nicht heilen. Trotz eines sehr großen Forschungsaufwandes gibt es bisher nur mäßig erfolgreiche Medikamente auf dem Markt.

Warum löst eine Demenzerkrankung häufig auch eine Depression aus?

Das liegt an der Diskrepanz zwischen dem Abbau der Gehirnleistung und dem Erhaltenbleiben des Gemüts. Gemütsregungen bleiben bis in das schwere Stadium der Demenzerkrankung bestehen. Das bedeutet, dass die Betroffenen ihre Unzulänglichkeit mitbekommen, sie nehmen es wahr, wenn sie von anderen schief angeschaut werden, es ist ihnen peinlich, wenn sie etwas Einfaches gefragt werden und keine Antwort geben können.

Daraus entsteht als Reaktion häufig eine Depression. Daneben spielen aber sicher auch die Veränderung des Gehirns und die damit verbundenen Veränderungen seiner Leistung eine Rolle.

Aber oft entsteht auch der Eindruck, dass die Menschen sich in ihrem Charakter verändern, zum Beispiel latent bösartig werden.

Es gibt eine seltene, spezielle Form der Demenz – die Pick-Demenz – deren Hauptsymptom eine Wesensänderung ist. Die Ursache liegt darin, dass bei dieser Demenz die Schrumpfung besonders im Stirnhirnbereich stattfindet, also dort, wo die gemütskontrollierenden Areale liegen.

Häufig ist es aber so, dass das Verhalten der von Demenz Betroffenen eine Reaktion auf ihre Krankheit ist. Sie fühlen sich bevormundet, können bestimmte Dinge nicht mehr selber machen, sind unglücklich über ihren eigenen Zustand. Manche reagieren dann nicht nur mit einer Depression, sondern entwickeln auch aggressive Züge.

Was raten Sie im Umgang mit einem Demenzkranken?

Da ist sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt. Man sollte niemals vergessen, dass hier eine unverschuldete Form der Hirnleistungsstörung vorliegt, an der am meisten der Betroffene leidet. Von Vorteil ist, wenn die Demenzerkrankung in einem frühen Stadium festgestellt wurde. Dann kann sich der Betroffene gezielt damit auseinandersetzen und darauf vorbereitet werden, was mit ihm passieren wird. Aufklärung und Beratung der Angehörigen ist deshalb ebenfalls sehr wichtig.

Sollte ich als Angehöriger den Betroffenen auf falsche Aussagen hinweisen beziehungsweise auf das wiederholte Nachfragen zu Sachverhalten eingehen?

Es macht wenig Sinn, einen Demenzkranken wie ein kleines Kind ständig zu korrigieren. Die Information wird meist rasch wieder vergessen, weil der Erkrankte nicht in der Lage ist, sie abzuspeichern. Natürlich ist es für Angehörige auch anstrengend, fünfzehnmal das gleiche gefragt zu werden.

Man sollte versuchen, die Information immer wieder auf eine andere Art zu vermitteln, zum Beispiel die Abfahrtszeit des Zuges nicht mit „heute Nachmittag“ angeben, sondern mit der konkreten Uhrzeit „15.30 Uhr“. Häufig hilft es, die Information mit einer Besonderheit auszuzeichnen – in diesem Falle, sie so konkret wie möglich zu formulieren –, damit sie vielleicht behalten wird.

Empfehlen Sie bei einer Demenzerkrankung die Pflege zuhause oder in einer Pflegeeinrichtung?

Für den Patienten mit einer Demenzerkrankung ist in den meisten Fällen die Pflege zuhause am besten. Allein schon deshalb, weil sich jemand mit zunehmend eingeschränkter Hirnleistung sehr schwer auf neue Umgebungen einstellen kann. Außerdem ist es natürlich ein großer Zugewinn an Lebensqualität, wenn der Mensch in vertrauter Umgebung bleibt, dort, wo er sich wohlfühlt – das beeinflusst den Krankheitsverlauf positiv.

Demenzkranke mit Pflegerin
Für den Patienten mit einer Demenzerkrankung ist in den meisten Fällen die Pflege zuhause am besten© istock

Trotzdem bleibt es für die Angehörigen häufig ein sehr schwieriges Geschäft. Zum einen nimmt die Pflegebedürftigkeit der Betroffenen immer weiter zu, zum anderen haben sie mit jemanden zu tun, der sich häufig immer mehr zurückzieht, sich immer weniger artikuliert, dessen Interessen verflachen und der häufig eben auch mit Gemütsschwankungen auf seine Situation reagiert.

Auch wenn ein Betroffener seine Angehörigen nicht mehr erkennt: Spürt er, dass vertraute Menschen vor ihm stehen?

Ja, häufig wird über die Stimme oder etwas anderes Vertrautes eine Nähe hergestellt, auch dann, wenn fast nichts mehr erinnert wird. Darüber hinaus ist jede Form der Zuwendung für einen Demenzkranken gut. Patienten, die nur noch versorgt werden, haben eine deutlich schlechtere Lebensqualität und entsprechend ist auch ihre Prognose schlechter als von denjenigen, die auch im Stadium, wenn sie sich gar nicht mehr artikulieren können, noch Zuwendung erfahren.

 

Im Interview: Dr. med. Hans-Georg Bredow

Experte für neurologische Erkrankungen und seelische Erkrankungen mit biologischem oder psychologischem Ursprung. Als niedergelassener Facharzt für Neurologie und Psychiatrie praktiziert Dr. Bredow am Neuen Wall in Hamburg.
Website: www.neurologie-neuer-wall.de

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