Wenn mein Gehirn mich verlässt...

Bei Hirnstörungen helfen spezielle Therapien
Egal welche Hirnstörungen die Patienten auch hatten – am Ende halfen ihnen Therapien, ihr Gehirn zurückzuerobern © Fotolia

Was passiert, wenn plötzlich Türen im Gehirn zufallen und sich andere dafür öffnen? Wie lebt es sich mit einer Hirnstörung, die den Betroffenen in eine andere Welt entführt?

Es ist dunkel im Zimmer, als Brian Thomas aus dem Schlaf hochfährt. In Todesangst packt er den Mann mit der Gesichtsmaske, der sich über ihn beugt, der sein Leben und das seiner Frau bedroht. Erst als der Eindringling keinen Widerstand mehr leistet, lässt Brian von ihm ab. Es wird still. Wieder schreckt er aus dem Schlaf hoch. War alles nur ein Albtraum? Thomas tastet nach seiner Frau. Sie rührt sich nicht. Sie ist tot. Später wird der Brite vom Gericht freigesprochen, für nicht schuldfähig erklärt, obwohl er seine Frau erwürgt hatte. Denn: Er ist Opfer seines eigenen Gehirns geworden. Es war der Mord eines Schlafwandelnden.

Tatsächlich können Träume zur Realität werden. Der Neurologe Claudio Bassetti hat nachgewiesen, dass Gehirne von Schlafwandlern keine Aktivität in Hirnregionen zeigen, die absichtsvolles Handeln steuern, dafür in solchen, die für Gefühle und Bewegung zuständig sind. "Unsere Urteilsfähigkeit ist ausgeschaltet, die Möglichkeit, im Affekt zu handeln, ist aber vorhanden." Doch wie kommt es zu Bildern und Gedanken, die plötzlich Besitz von uns ergreifen? Zu Vorstellungen, die sich verselbstständigen und dem Gehirn die Macht verleihen, uns fernzusteuern, uns zu einer wehrlosen Marionette der eigenen Albträume zu machen? Fast immer sind neurologische Störungen die Ursache, ererbte wie zufällig erworbene.

 

Wenn das Gehirn einen Menschen einsperrt

So wie bei Rom Houben, der nach einem Unfall 1983 reanimiert wurde. Die Diagnose: Wachkoma ohne Aussicht auf Besserung. Erst im vergangenen Jahr erkannte der Komaforscher Steven Laurey: Houben ist ein Gefangener seines Körpers – ohne Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen. Mit Hilfe von Tests konnte er beweisen, dass Houben seine Umgebung wahrnimmt. Heute kann er sich mit Hilfe eines Computers mitteilen.

Auch Pelle Sandstrak kämpft jeden Tag gegen die dunkle Seite seines Gehirns. Er leidet am Tourette-Syndrom. Sein Leben verbringt er in einem Gefängnis aus Tics, Zwängen und ritualisierten Bewegungsabläufen. Sein Gehirn ist außer Kontrolle, weil Stoffwechselvorgänge es aus dem Gleichgewicht bringen. Die Folge: Der Schwede berührt manisch Menschen und Gegenstände, macht Geräusche und flucht. Erst Dank intensiver kognitiver Verhaltenstherapie kann der 45-Jährige ein normales Leben führen. Warum das Gehirn immer wieder Türen schließt und andere öffnet, gibt Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Besonders interessiert sie aber die erstaunlichen Selbstheilungskräfte des Gehirns, die ein Leben lang wirken. Studien der University of California belegen, dass sich Nervenbahnen immer wieder neu verknüpfen können, um Ausfälle zu überbrücken. Ein Teil des Gehirns übernimmt dann die Aufgaben eines anderen (Neuroplastizität) – und gewinnt so die Kontrolle über das eigene Ich zurück. Neurologen liefern diese Ergebnisse wichtige Erkenntnisse für die Behandlung von Hirnverletzungen. Was Brian Thomas, Rom Houben und Pelle Sandstrak verbindet: Welche Hirnregion auch immer Herrschaft über sie erlangte – am Ende halfen ihnen Therapien, ihr Gehirn zurückzuerobern.

 

Burnout: Der Fall ins dunkle Loch

Der leere Koffer erscheint ihr tonnenschwer. Eigentlich will Miriam Meckel für den Rückflug aus Berlin packen. Doch sie schafft es einfach nicht. Plötzlich zittern erst die Knie, dann bebt ihr ganzer Körper. Die Augen füllen sich mit Tränen, sie bricht zusammen. "Ich war noch nie so verzweifelt wie in diesem Moment", erinnert sich die Publizistin später. Sie, die starke Frau, die immer alles im Leben erreichte. Sie war Deutschlands jüngste Professorin, dann Fernsehmoderatorin, Staatssekretärin und jetzt Hochschuldirektorin in der Schweiz. Nichts konnte sie stoppen – außer ihrem eigenem Gehirn. Heute weiß Meckel, dass das Stress-System in ihrem Kopf Amok gelaufen ist. Nach Jahren der geistigen und körperlichen Überlastung kam die totale Erschöpfung – der Burnout. Sie hatte sich völlig verändert, ohne irgendetwas davon zu bemerken. "Manchmal waren ganze Stunden meines Lebens aus meiner Erinnerung verschwunden", sagt Meckel. Telefonate, Besuche, Gespräche – alles weg. Tagelang war sie wie gelähmt, lethargisch, sie weinte und ging nicht mehr aus dem Haus. Studien belegen: Der Burnout ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Er ist gefährlich für den Betroffenen. Der Dauerstress legt die gesamte Kommunikation im Gehirn lahm. Das irritiert die Gefühle, die Orientierung, alles. Die Folge: Angstzustände, Depressionen, Aggressivität. Nur mit professioneller Hilfe schafft Meckel den Weg aus ihrem dunklen Loch. "Es war wirklich hart und mit viel Schmerz verbunden." Doch sie hat gelernt, auf ihre innere Stimme zu hören und weiß jetzt, dass auch ihre Bedürfnisse wertvoll sind. Heute gestaltet sie ihr Leben weniger stressig, sagt Termine ab, überträgt Verantwortung, gönnt sich Pausen. "Wenn es mir gelingt, nicht wieder zurückzurutschen ins Loch, dann habe ich wirklich etwas gewonnen."

 

Blackout: Alles auf Anfang

Guy Few lebt für die Bühne und liebt den Applaus. Mit jeder Faser seines Körpers atmet er Musik. Wie kaum ein anderer schafft es der Kanadier, seiner Trompete Töne zu entlocken, die die Seele berühren. Mit der Sprache der Musik verbindet er Menschen weltweit. Doch was, wenn du eines morgens aufwachst und jeder Ton deinen Körper verlassen hat? Wenn jedes zweite Wort deiner Sprache verloren ist und du deine Bewegungen nicht mehr kontrollieren kannst? Guy Few hat genau das erlebt. Er ließ eine wuchernde Gefäßmissbildung (Kavernom) in seinem Gehirn operieren. Bei der Operation wurden Teile seines Hirns beeinträchtigt, die die linke Körperhälfte kontrollieren und für das Sprechen zuständig sind. Danach war er nicht mehr derselbe. "Ich war ein Zombie und musste mir alles neu beibringen", erzählt Few. Neurologen sagen: "Das kann jedem passieren. Auch wenn wir heute schon vieles wissen, sind die größten Geheimnisse des Gehirns doch noch unerforscht." Guy Few kämpft nach der Operation um jeden kleinen Fortschritt, monatelang. Sprechen, Körperbeherrschung und schließlich wieder Trompete spielen: Mühsam erobert er sich sein Leben zurück – bis zu seinem Comeback-Konzert. Das Wunder seiner Wiedergeburt zeigt einmal mehr die enormen Fähigkeiten des Gehirns. Neurologen sagen: Es besitzt unser Leben lang die Flexibilität, sich immer wieder neu zu vernetzen und so auch nach schweren Störungen wieder voll leistungsfähig zu werden.

 

Umgeben von Fremden

Gesichter sind die Spiegel unserer Seele. Sie zeigen Gefühle, schenken Sympathie und Vertrautheit. Doch was, wenn uns Gesichter gar nichts mehr sagen? Tina Peters erfährt das jeden Tag. Wenn sie Menschen ansieht, wird ihr flau im Magen. Sie tritt nervös von einem Fuß auf den anderen und will am liebsten nur eins: wegschauen. Sie hat sich angewöhnt, durch Menschen hindurchzusehen, denn die Studentin leidet unter Prosopagnosie (Gesichtsblindheit). Sie erkennt zwar, ob es ihrem Gegenüber gut oder schlecht geht, sie weiß aber nicht, ob er ein Freund oder Fremder ist. Zwar kann sie Mund, Nase, Augen oder ein Muttermal wahrnehmen, aber in der Erinnerung nie zu einem Ganzen zusammensetzen. Ihr Gehirn lässt es nicht zu, weil dieser Bereich der visuellen Wahrnehmung gestört ist. In etwa der Hälfte der Fälle ist nicht ein neuronaler, sondern ein genetischer Defekt die Ursache für Gesichtsblindheit. Bislang gibt es keine Heilung. Tina hat gelernt, mit ihrem Schicksal zu leben. Um Bekannte nicht zu verlieren, hat sie ihr Gehör trainiert. Ihren Freund erkennt sie am Schritt, wenn er die Treppe heraufkommt.

 

Déjà-vu: Alles schon gesehen

Hans Lange greift zur Milch und stellt sie dann zurück. Er ist überzeugt, sie bereits gekauft zu haben. Jedes Buch, das er in die Hand nimmt, glaubt er schon zu kennen. Lange kommt fast alles vor, als hätte er es schon einmal erlebt. Wenn seine Frau ihn fragt, worum es in dem Buch gehe, sagt er nur: "Woher soll ich das wissen, ich habe ein Gedächtnisproblem." Doch wirklich wahrhaben will Lange das nicht. In seiner Welt scheint alles in Ordnung zu sein. Ursache seines Verhaltens ist eine seltene und kaum erforschte Gedächtnisstörung. Das Erschreckende: Sie kann jeden treffen. Und noch gibt es keine Heilung. Durch Zufall erfuhr der Psychologe Chris Moulin von Lange. Als er dessen Hirn durchleuchtete, zeigte sich ein übermäßiger Zellverfall in den Schläfenlappen, wie er auch bei Epileptikern zu beobachten ist. Tatsächlich gehen epileptischen Anfällen, die in dieser Region entstehen, oft minutenlange Schübe von Déjà-vu voraus. Forscher versuchen seit langem, diese Krankheit zu entschlüsseln. Wie kann das Gehirn überhaupt zwischen Erinnerung und Einbildung unterscheiden? Ihre Antwort wird ein weiteres Puzzleteil zum Verständnis des Gehirns sein.

 

Leben ohne Vergangenheit

Mozart hat er geliebt, Bach vergöttert. Lag der Taktstock in seiner Hand, tauchte Clive Wearing ein in eine Welt, die nur aus Musik bestand. Doch heute weiß der Musiker nichts mehr davon: Vor 25 Jahren zerstörte eine Gehirninfektion große Teile seines Gedächtnisses und seines Stirnhirns. Seitdem ist er in einer Endlosschleife des Jetzt gefangen. Seine Erinnerungen sind wie ausgelöscht. Schlimmer noch: Sein Kurzzeitgedächtnis hält nur für wenige Sekunden. Dann erlebt er die Welt und alles darin wieder ganz neu. Vor allem sich selbst. Für einen Wimpernschlag fühlt es sich an, als wäre er zum ersten Mal aufgewacht. Für einen einzigen Moment. Bis der wieder vergeht. Und dann wieder. Allein wenn Wearing sich ans Klavier setzt und spielt, kann er sich in der Zeit bewegen, von der ersten Note bis zum Schluss. Er weiß dann, wer und wo er ist. Doch der bewusste Zugriff auf seine Erinnerungen bleibt ihm verwehrt. Wearing weiß, dass er mit Deborah verheiratet ist, aber nie, wann er sie zuletzt gesehen hat. Jedes Wiedersehen ist für ihn das erste seit einer Ewigkeit.

Quelle: TV Hören und Sehen, 15/2010

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