Wenn Kinder mit dem HI-Virus infiziert sind – ist ein normales Leben möglich?

Amanda (8) und Dennis (11) sind HIV-positiv! Das heißt, dass sie das Aidsvirus in sich tragen, die Krankheit aber nicht ausgebrochen ist. Ohne Medikamente könnten sie jedoch sehr schnell daran sterben.

Dass die zwei trotzdem ein fast normales Leben führen, haben sie dem Mut und der Liebe ihrer Pflegemutter Sabine (39) zu verdanken. Sie nahm Dennis vor 11 Jahren auf, weil niemand sonst ihn haben wollte. Damals arbeitete sie als Krankenschwester in der Frankfurter Uniklinik, wo Dennis von Geburt an lag. Der 10 Monate alte Junge hatte sich bei seiner Mutter mit dem HI-Virus infiziert – die Ärzte gaben ihm höchstens ein Jahr.

Kein Heim wollte das kranke Baby nehmen, der Vater war unbekannt und die Mutter zu schwach. Deshalb bot Sabine ihre Hilfe an: „Er tat mir so leid. Ich wollte ihm noch ein paar schöne Wochen schenken.“ Obwohl die junge Frau alleinstehend war, machte das Jugendamt keine Probleme. Schon nach sieben Tagen durfte sie das kleine Bündel mit nach Hause nehmen. Die Klinik gab ihr Sonderurlaub. Erst jetzt erzählte sie ihrer Mutter und Freunden von Dennis. Alle fanden es toll, was sie für ihn tun wollte.

Eine harte Zeit begann: Dennis wurde jede Nacht zwölfmal wach, schrie, hatte Durchfall, erbrach sich, brauchte Infusionen. „Mein Bad war voll mit Tupfern, Spritzen und Kompressen“, erinnert sich Sabine. „Anfangs zog ich vorm Wickeln noch Handschuhe an. Aber dann informierte ich mich und erfuhr, dass nur sein Blut ansteckend ist, und auch nur, wenn ich eine Wunde habe.“ Monatelang musste sie mit Dennis immer wieder in die Klinik. Und mehr als einmal war der Tod ganz nah. Doch die beiden kämpften – und gewannen: Nach zweieinhalb Jahren wurde Dennis' Durchfall seltener – er nahm zu. Sein Leben konnte beginnen.

Sabines Sonderurlaub war längst in Erziehungsurlaub umgewandelt worden. Und nach einer Prüfung hatte ihr das Jugendamt das Sorgerecht und die Vormundschaft zugesprochen. Dennis' leibliche Mutter war einverstanden, denn sie selbst konnte sich durch ihre Krankheit nicht mehr um ihren Jungen kümmern. Von da an bekam Sabine, die in den ersten Monaten vom Ersparten gelebt hatte, für Dennis Pflegegeld.

 

Aufnahme eines zusätzlichen Kindes mit HIV

Und dann kam auch noch Amanda in ihr Leben: Als Sabine wieder mit Dennis in der Klinik war, fragten die Ärzte, ob sie noch ein infiziertes Baby aufnehmen könnte. Die Mutter war gerade gestorben. Eine Freundin sagte: „Bist du verrückt? Tu dir das nicht an!“ Aber Sabine musste nicht lange überlegen. „Ich wollte helfen. Außer dem dachte ich, es ist gut für Dennis, wenn er mit der Krankheit nicht allein ist.“

Zum Glück hatte Amanda einen leichteren Start ins Leben als Dennis, weil sie kräftiger war. Mittlerweile haben beide die gefährliche Krankheit gut im Griff. „Vor vier Jahren sind wir auf modernere Medikamente umgestiegen. Seitdem leiden die Kinder nicht mehr unter Bauchschmerzen und Albträumen. Jetzt haben wir ein richtig schönes Leben“, freut sich Sabine. Und Amanda sagt: „Ich vergesse sogar oft, dass ich krank bin.“

Was den Alltag der beiden Kinder noch von dem anderer unterscheidet? Dass sie einmal im Monat zum Checkup in die Klinik fahren und morgens und abends vier große Tabletten schlucken. Anfangs gab's dabei oft Tränen, aber heute sagt Dennis stolz: „Das macht mir gar nichts!“ Außerdem tragen die Kinder stets ein Notfalltäschchen bei sich: mit Handschuhen, Pflastern und Verbänden. Sie wissen, dass ihr Blut ansteckend ist. Sabine hat ihnen von klein auf erklärt, was sie für eine Krankheit haben – und auch, dass man daran sterben kann. „Es gibt Eltern, die ihre Kinder anlügen. Das wollte ich nicht. Für Dennis und Amanda ist es normal, HIV-positiv zu sein.“

Trotzdem machen sich die beiden Gedanken und stellen Fragen: „Muss ich die Tabletten auch noch nehmen, wenn ich groß bin? Sind meine Kinder später krank?“ Und Sabine beantwortet alles, so gut sie kann.

Auch für die Fragen von Eltern und Mitschülern nimmt sie sich viel Zeit. Als sie vor ein paar Jahren nach Weilrod zog, wollte sie anfangs nur den Kindergärtnerinnen von der Krankheit erzählen. Doch heute ist sie froh, dass sie auch die Eltern informierte: „Es ist viel schlimmer, wenn es hintenherum rauskommt. Und so konnte ich schon vorab auf die Ängste reagieren und viel erklären. Viele dachten zum Beispiel noch, dass man sich durch das Trinken aus einem Glas ansteckt oder wenn man im Schwimmbad ist. Alles falsch!“

 

Verständnis und Toleranz für HIV-Kranke

Sabines Offenheit hat sich gelohnt: Die Familie ist im Dorf beliebt. Amanda und Dennis haben viele Freunde. Mit ihnen fahren sie Rad, bauen Baumhäuser – und oft bleiben Kinder auch über Nacht bei den Rockhoffs. Niemand hat mehr Angst. Wenn Sabines Kinder sich mal verletzen oder Nasen bluten haben, sagen sie sofort Bescheid. Nur dann zieht Sabine sich Handschuhe an.

Sogar die Gedanken an den Tod sind in den letzten Jahren seltener geworden. „Wenn ich die Ärzte nach der Lebenserwartung der Kinder fragte, wollte sich nie jemand festlegen – deshalb frage ich nicht mehr.“ Doch es tut ihr gut, wenn sie bei Vorträgen hört, dass HIV-Kinder heute gute Chancen haben, richtig alt zu werden. Sabine hofft fest da rauf, dass sie noch oft mit ihren Kindern über die Wiesen toben kann. Und dass sie erwachsen werden – und ein langes, schönes Leben haben ...

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