Wenn Jugendliche unter einer Depression leiden

Wenn Jugendliche depressiv sind
Melanie war 15 Jahre alt, als sie an einer Depression erkrankte. Kein Einzelfall: In Deutschland leiden rund vier Millionen Kinder und Jugendliche an psychischen Störungen © Corbis

Knapp 20 Prozent der unter 18-Jährigen haben nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts psychische Auffälligkeiten - das sind rund vier Millionen Kinder und Jugendliche.

Auch Melanie litt jahrelang unter Depressionen. Nach einem langen, nicht sichtbaren Kampf kann sie heute wieder lachen. Und ihre Geschichte erzählen – um anderen Jugendlichen, die unter Depressionen leiden, Mut zu machen.

 

Alles begann mit einer Essstörung

Es fing damit an, dass ich mich in meinem Körper unwohl fühlte. Ich machte exzessiv Sport, Aerobic und Fitnesstraining. Die Ernährung wurde mir sehr wichtig. Ich aß immer weniger und rutschte zunehmend in eine Essstörung hinein. Außerdem war ich permanent traurig, fühlte mich wertlos, nicht gesehen. Ich wusste überhaupt nicht, was mit mir los war, hatte niemanden zum Reden. Meine Schwester, die sechs Jahre älter ist, war bereits ausgezogen. Meine Eltern haben nichts mitbekommen – oder wollten es nicht in ihrer Hilflosigkeit. Mehr als ein "Kind, du musst mehr essen" habe ich nicht gehört. Überhaupt hat keiner in meinem Umfeld – Lehrer, Freunde, Familie – gesehen, wie schlecht es mir tief innen ging.

 

Ich wollte Anerkennung

Das lag sicherlich auch daran, dass ich eine sehr gute Schülerin war, fast eine Streberin. Ich habe ein tolles Abitur gemacht. Solange man mit guten Schulnoten nach Hause kommt, also Leistung bringt und funktioniert, hört niemand die Alarmglocken. Über die Schule wollte ich mir durch meine Noten Anerkennung von meinen Eltern holen. Komisch war, dass ich Lob überhaupt nicht annehmen konnte – von niemandem.

 

Ich habe mich immer schrecklich wertlos gefühlt

Heute weiß ich, dass psychische Erkrankungen wie die unterschiedlichen Formen der Depression immer mit dem Gefühl "Ich fühle mich wertlos" einhergehen. Es fühlt sich schrecklich an. Als Jugendliche mit Depressionen ist es auch verdammt schwer, sich zu öffnen. Auf der einen Seite habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass jemand kommt und erkennt, was mit mir los ist. Auf der anderen Seite war ich gar nicht in der Lage, mich zu öffnen. Die Familie, aus der ich komme, war okay – jedenfalls oberflächlich betrachtet. Ich hatte keine schlechte Kindheit. Doch offen gesprochen haben wir nie. Zum Beispiel habe ich erst vor drei Jahren von meiner älteren Schwester erfahren, dass sie ähnliche Probleme hatte wie ich. Schade, dass wir uns nicht gegenseitig helfen konnten. In meiner Welt galt eben immer das Motto: "Wenn keiner fragt, interessiert es auch nicht." Heute habe ich gelernt, dass ich selbst sprechen kann, den Mund aufmachen muss. Auch sagen muss, wenn es mir schlecht geht.

 
 

Reden ist die erste Therapie, die bei einer Depression hilft

Nach dem Abitur verließ ich das Dorf, aus dem ich komme, und begann, in Marburg Gesellschaftswissenschaften zu studieren. Ich traf neue Leute. Sie waren die Ersten, die mich fragten, was eigentlich mit mir los sei. Es dauerte ein wenig, bis ich mich ihnen anvertrauen konnte. Die neuen Freunde haben nicht lockergelassen, mir gesagt, dass es professionelle Hilfe gibt, die mir guttun würde. Vor einer Therapie bin ich zuerst zurückgeschreckt. Ich meine, so etwas wie einen sichtbaren Zusammenbruch habe ich ja nie gehabt, ich habe nach außen immer funktioniert, war nun eine sehr gute Studentin. Dennoch: Die Essstörung war noch da, mein Bewegungsdrang, aber auch die Traurigkeit, das Gefühl der Wertlosigkeit, dieses innere Vakuum.

 

Das Reden hat mir geholfen

Ein Sprichwort besagt, dass eine weite Reise immer mit dem ersten Schritt beginnt. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und ein niedrigschwelliges Angebot wahrgenommen: die Beratungsstelle der Stadtmission. Ich fing an, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, ging drei Jahre lang einmal die Woche in eine Therapie. Wenn man mir das vorher gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt. Dass man einfach "nur" durch Reden "so etwas" regulieren kann. Heute habe ich ein normales Verhältnis zum Essen und kann auch mal richtig reinhauen! Womit ich noch immer zu kämpfen habe, sind depressive Phasen, die immer wiederkommen. Die Essstörung war nur ein Symptom der Depression. Nach dem Studium fand ich sofort einen Job – und wurde erneut seelisch krank. In der Probezeit! Meine Chefin hat super reagiert, viel verständnisvoller als meine Eltern – und mich letztes Jahr, als ich acht Wochen lang eine Tagesklinik besuchte, freigestellt. Vor Kurzem habe ich von meiner Tante erfahren, dass mein Opa ebenso depressiv war, deswegen einen Krankenhausaufenthalt hatte. In meiner Familie wird das immer totgeschwiegen. Ich schweige nicht mehr, denn es gibt viele Jugendliche, die Depressionen haben. Ich weiß heute, dass Schweigen Silber ist und Reden Gold. Reden befreit.

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