Wenn die eigene Erinnerung uns betrügt

Redaktion PraxisVITA
Eine Frau denkt nach
Das menschliche Erinnerungsvermögen ist beeindruckend – dennoch sind unsere Erinnerungen nicht immer verlässlich © Fotolia

Auf unsere Erinnerung können wir uns nicht immer verlassen. Mal erinnern wir etwas falsch, dann wieder gar nicht. Häufig können wir uns an 20 Jahre zurückliegende Ereignisse besser erinnern als an Dinge, die gestern passiert sind. Wie kommt es dazu?

Die Erinnerung ist ein faszinierendes Phänomen: Wir können uns an winzige Details erinnern, die Jahre zurückliegen, wir merken uns Hunderte von Gesichtern und Tausende von Wörtern.

Dennoch funktioniert auch unsere Erinnerung nicht fehlerlos. Manchmal erinnern wir Ereignisse gar nicht oder falsch, in anderen Fällen halten wir etwas für ein Produkt unserer Fantasie, was tatsächlich so passiert ist.

 

Google-Effekt

Als „Google-Effekt“ bezeichnen Experten die Tendenz, Informationen, die online nachgeschlagen werden können, schnell wieder zu vergessen. In einer 2011 veröffentlichten Studie untersuchte ein Team aus Wissenschaftlern mehrerer US-Universitäten den Google-Effekt in verschiedenen Experimenten.

Das Ergebnis: Wenn Probanden glaubten, jederzeit per Computer auf bestimmte Informationen zugreifen zu können, dann merkten sie sich diese Informationen schlechter.

Google-Effekt
„Google-Effekt“ nennen Experten die Tendenz, Informationen, die online nachgeschlagen werden können, schnell wieder zu vergessen© istock
 

Wenn Jahrzehnte in Vergessenheit geraten

Alte Menschen erinnern sich häufig besser an Details ihrer Jugend und ihrer Zeit als junge Erwachsene als an die Zeit, in der sie 40 oder 50 waren. Studien zeigen, dass sich das junge Erwachsenenalter in unser Gedächtnis einbrennt wie keine andere Phase in unserem Leben. Bei Menschen ab 60 werden die meisten Netzwerke im Gehirn aktiviert, wenn sie an diesen Lebensabschnitt erinnert werden.

Wissenschaftler vermuten, dass dies mit den Ereignissen in dieser Zeit zu tun hat: Einen Beruf ergreifen, heiraten, eine Familie gründen. Diese einschneidenden Erlebnisse sind eng mit starken Emotionen verknüpft, die dazu führen, dass wir sie im Detail erinnern. Im mittleren Lebensalter kommen solche ausschlaggebenden Ereignisse dagegen seltener vor – darum wird diese Zeit später auch weniger erinnert.

 

Versehentliches Plagiat

Bei der sogenannten Kryptomnesie hält das Gehirn eine Erinnerung für etwas, das wir uns ausgedacht haben. So kann es zu einem „versehentlichen Plagiat“ kommen: Unser Gehirn präsentiert uns etwas als einen originellen Einfall, was wir in Wirklichkeit schon einmal gesehen oder gelesen haben.

Der US-Wissenschaftler Dr. Richard Marsh forscht zu dem Thema Kryptomnesie. „Wenn wir verstehen wollen, wie Menschen Hochhäuser entwerfen, oder Musik komponieren, oder einen New York Times Bestseller schreiben“, wird er in einem Artikel der „American Psychological Association“ zitiert, „müssen wir glaube ich anerkennen, dass nichts, das wir entwickeln, jemals wirklich neu ist – jede kreative Leistung enthält Spuren von etwas, das wir in der Vergangenheit erlebt haben.“

Rosa-Brillen-Effekt
Der Rosa-Brille-Effekt: Das Geheimnis optimistischer Menschen liegt in ihrem Gehirn – es ignoriert negative Informationen ganz einfach© istock
 

Rosa-Brille-Effekt

Das Geheimnis optimistischer Menschen liegt in ihrem Gehirn – es ignoriert negative Informationen ganz einfach. Zu diesem Ergebnis kamen deutsche und britische Wissenschaftler in einer kleinen 2011 veröffentlichten Studie. Darin beschrieben sie Probanden 80 negative Lebensereignisse wie eine schwere Krankheit oder einen Überfall und ließen sie einschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit dieses Schicksal sie selbst treffen würde. Anschließend wurde ihnen ihr tatsächliches Risiko für die jeweiligen Ereignisse genannt.

Dann folgte ein zweiter Durchgang, in dem die Studienteilnehmer erneut die Wahrscheinlichkeit einschätzen sollten, mit dem sie von einem Ereignis getroffen würden. Dabei beobachteten die Forscher einen erstaunlichen Effekt: Die Probanden korrigierten ihre bisherige Einschätzung – aber nur dann, wenn ihr reelles Risiko niedriger war als sie selbst geschätzt hatten. Fiel die Statistik negativer aus als sie angenommen hatten, blieben sie bei ihrer bisherigen Einschätzung. Dieser Effekt fiel stärker aus, wenn Probanden sich zuvor in Fragebögen als Optimist bezeichnet hatten.

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