Wenn der Hunger unsere Liebe frisst

Hunger lässt Paare streiten
Forscher fanden heraus, dass hungrige Paare heftiger streiten. Ist der Blutzuckerspiegel im Keller, steigt das Aggressionsverhalten an © Fotolia

Eine aktuelle Studie der Ohio State University hat gezeigt, dass zwischen Partnern das Aggressionspotential erheblich steigt, wenn sie vorher nicht ausreichend gegessen haben. Ein niedriger Blutzuckerwert könnte demnach ein entscheidender Grund sein, weshalb sich liebende Paare manchmal bis aufs Blut streiten. Praxisvita.de liefert Ihnen spannende Hintergründe auf die Frage, wieso uns Hunger aggressiv werden lässt.

Wenn sich Paare streiten, sollten sie dies lieber mit vollem Magen tun. Das raten Forscher der Ohio State University in einer aktuelle Studie. Hunger – sowie der damit verbundene niedrige Blutzuckerspiegel – steigere das Aggressionspotential und sei demnach ein häufig unterschätzter Faktor dafür, wenn Paare in Konfliktsituationen heftig aneinander geraten. Ist der Blutzuckerspiegel im Keller, wächst laut Studie die Bereitschaft zur aggressiven Auseinandersetzung mit dem Partner.

Die Forscher verweisen außerdem darauf, dass Streitereien mit leeren Magen nicht nur zu zahllosen Trennungen, sondern auch zu Fällen von häuslicher Gewalt geführt haben könnte. Die Studie wirft die Frage auf, wieso Hunger Menschen eigentlich zu einem aggressiveren Verhalten antreibt.

 

Fehlt dem Gehirn Energie, fordert es sie an – und zwar sofort!

Per Definition ist Hunger eine „unangenehme körperliche Empfindung, die Menschen und Tiere dazu veranlasst, Nahrung aufzunehmen." Diese Nahrungsaufnahme ist im Prinzip nichts anderes als ein ständiger Austausch von Signalen und Befehlen im Körper. Und, nein: Der Magen hat überhaupt nichts mit Hunger zu tun. Wenn er leer ist, kontrahieren zwar die Magenwände und verursachen ein kaum überhörbares Hungersignal (Knurren).

Auslöser von Hunger ist jedoch das komplexeste Organ, das sich die Natur hat einfallen lassen: unser Gehirn. Und dieses Denkorgan braucht Energie. Viel Energie. Obwohl es gerade einmal durchschnittlich zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es gut die Hälfte der täglich mit der Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate sowie bis zu zwei Drittel der Glukosemenge im Blut. Und das dümpelt nicht etwa, wie Mediziner jahrzehntelang vermutet haben, vor sich hin und wartet, bis die gewünschte Glukose im Blut vorbeischwimmt.

 

Wieso das Ganze evolutionär Sinn ergibt

„Die neuere Hirnforschung hat gezeigt, dass das Gehirn zur Deckung seines wechselnden Bedarfs die Energie aus dem Blut aktiv anfordert“, sagt der Lübecker Internist und Hirnforscher Achim Peters, „und zwar indem der Energiefluss vom Blut ins Gehirn durch Angebot und Nachfrage reguliert wird.“ Mit seinem Team hat Peters mehr als 10.000 Studien zum Energiehaushalt des Gehirns ausgewertet. Sein Ergebnis: „Das Gehirn versucht mit allen Mitteln, seinen Willen durchzusetzen, und versorgt sich notfalls auf Kosten aller anderen Organe mit Energie. Wir sprechen deshalb vom „Selfish Brain, vom egoistischen Gehirn“, sagt Peters.

Sicher, Glukose, die das Gehirn über die Blut-Hirn-Schranke anfordert, ist und bleibt die gefragte Mahlzeit, wenn es um die Grundversorgung der Nervenzellen im Ruhezustand geht. Doch sobald die Neuronen arbeiten, sieht die Sache ganz anders aus. Denn unter Arbeiten versteht das Gehirn elektrische Signale, die mit 360 km/h von einem Neuron abgefeuert werden, 300 Informationen, die pro Sekunde die Daten-Highways des Gehirns entlangrasen, und Neuronen, die ständig neue Verbindungen miteinander eingehen – eine Gehirnzelle kann mit 10 000 anderen verlinkt sein. In diesem Arbeitszustand also verlangt das Gehirn nicht irgendetwas, sondern exklusiv aus Glukose hergestelltes Laktat, das vorwiegend im Muskelgewebe gebildet wird. Wenn es also hungrig ist, setzt das Gehirn das Stresssystem zur Beschaffung der Nervennahrung ein. Die Hormone Adrenalin und Cortisol haben dabei die Funktion, das Benötigte aus den Körperspeichern zu beschaffen – ein Vorgang, den Experten als Brain-Pull bezeichnen.

Kein Wunder also, dass ein Mangel an Nahrung einer der größten Stressauslöser für den Menschen ist. Was evolutionär durchaus seinen Nutzen hat: Das Gehirn wird in Notzeiten deshalb so überreich versorgt, damit es das Hungerproblem löst. Man denkt quasi an nichts anderes als ans Essen – und wie man es beschaffen kann.

Hamburg, 14. April 2014

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.