Wenn der Arzt nichts findet

Sollten Sie Zweifel an der Diagnose haben, holen Sie eine zweite Meinung ein
Lassen Sie Ihre Symptome und Beschwerden, zum Beispiel Taubheitsgefühle, gründlich von einem Arzt untersuchen. Sollten Sie Zweifel an der Diagnose haben, holen Sie eine zweite Meinung ein © Fotolia

Taubheitsgefühl, Muskelschmerzen, Augenflimmern – scheinbar harmlose Symptome, deren Ursachen aber auch gefährliche Erkrankungen sein können. Doch vor einer richtigen Behandlung steht in vielen Fällen erst eine Fehldiagnose. Entdecken Sie hier die häufigsten Fehldiagnosen.

 

„Ein eigentlich harmloser Sturz vom Fahrrad hätte mich fast das Leben gekostet.“

Symptome: Hüftschmerzen, einige Tage später ein taubes Gefühl im linken Arm und im Gesicht

Fehldiagnose: Leichte Sturzverletzungen

Johannes Kramer klagt nach einem Sturz vom Fahrrad über Hüftschmerzen. Ein paar Tage später verspürt er plötzlich ein taubes Gefühl in der linken Gesichtshälfte und im linken Arm. Deshalb fährt er zur Abklärung ins Krankenhaus. Da er einen fitten Eindruck macht und die Ärzte nur leichte Prellungen hinter seinen Beschwerden vermuten, schicken sie ihn wieder nach Hause. Am nächsten Tag fährt er zurück in die Klinik, da die Beschwerden sich noch weiter verstärkt haben. Die Mediziner in der Notaufnahme sind erneut ratlos, überweisen ihn aber zur Sicherheit an eine Klinik, die auf Durchblutungsstörungen des Gehirns – die Vorboten des Schlaganfalls – spezialisiert sind.

Tatsächliche Ursache:

In der neuen Klinik lassen die Ärzte sich den möglichen Ursprung der Beschwerden, den Fahrradsturz, sowie die Art und Dauer der Taubheitsgefühle von Johannes Kramer genau schildern. Daraufhin untersuchen sie sein Gehirn und den Blutfluss und stellen fest, dass nicht nur ein Stück der Halsschlagader verletzt ist, sondern dass Kramer vor Kurzem zwei leichte Schlaganfälle gehabt haben muss. Verletzungen der Halsschlagader, sogenannte arterielle Dissektionen, sind die zweithäufigste Ursache für Schlaganfälle bei Patienten zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr.

Richtige Therapie:

Werden Schlaganfälle früh entdeckt und mit Medikamenten behandelt, die der Blutgerinnung entgegenwirken, hat die Mehrzahl der Patienten keine bleibenden Schäden zu befürchten. Auch Johannes Kramer geht es mittlerweile wieder gut.

 

"Ich fühlte mich wie ein alter Mann – meine Gelenke waren steif und schmerzten."

Symptome: Rheumatische Anfälle, Durchfall

Fehldiagnose: Rheuma

Jens Wießmann ist sportlich und 100-prozentig fit – bis er eines Morgens plötzlich mit schmerzenden Gelenken und Magen-Darm-Beschwerden aufwacht. Zunächst denkt der 28-Jährige noch an einen Muskelkater, nach ein paar Tagen vermutet er eine verschleppte Erkältung, die die Gelenkschmerzen verursacht. Den leichten Durchfall ignoriert er. Sein Hausarzt diagnostiziert Rheuma und verordnet entzündungshemmende Medikamente und eine Physiotherapie.

Tatsächliche Ursache:

In Wirklichkeit hat sich Jens Wießmann mit Yersinien infiziert (Yersinien-induzierte Arthritis). Dabei handelt es sich um Bakterien, die durch unzureichend geräuchertes Schweinefleisch übertragen werden. Auch andere Lebensmittel können potenzielle Gefahrenquellen sein: rohes Hackfleisch, nicht pasteurisierte Milch, Salat, Speiseeis sowie verunreinigtes Trinkwasser. Eine Blutuntersuchung bringt schließlich Klarheit.

Richtige Therapie:

Cortisonfreie Entzündungshemmer und spezielle Antibiotika bringen schnellen Erfolg. Jens achtet jetzt immer darauf, sein Fleisch gut durchzugaren. Wenn er die Herkunft nicht kennt, meidet er unverpacktes Eis und Salat und kocht sein Trinkwasser ab.

 

"Ich solle mehr essen, sagte mein Arzt – dabei waren es gerade Lebensmittel, die mich krank machten."

Symptome: Kopfschmerzen, verstopfte Nase, brennende Augen, Niesattacken

Fehldiagnose: Niedriger Blutdruck

Jana Geis geht es plötzlich ohne erkennbaren Anlass immer schlechter. Sie ist ständig schlapp und erkältet, der Kopf dröhnt. Die Schwäche schiebt ihr Hausarzt auf ihren zu niedrigen Blutdruck und empfiehlt ihr, mehr zu essen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Kopfschmerzen und die Atembeschwerden könnten vom Wetter oder von einer Veränderung in der Nasenscheidewand stammen. Die Blähungen deutet er als Folge eines Reizdarmsyndroms. Jana Geis isst nun sehr bewusst und lässt sich vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt und vom Gastroenterologen durch checken. Ihr Zustand verschlechtert sich jedoch weiter. Den Auslöser der Beschwerden finden die Mediziner also nicht.

Tatsächliche Ursache:

Erst ein Allergologe ermittelt den eigentlichen Grund für ihre Beschwerden: eine Histaminintoleranz (Histaminose). Jana Geis leidet unter einer Unverträglichkeit stark histaminhaltiger Lebensmittel wie Käse, Rotwein, Wurst oder Fisch. Der Leidensweg der Betroffenen dauert vom Beginn der Beschwerden bis zur richtigen Diagnose im Schnitt 39 Monate. Mithilfe entsprechender Tests werden zunächst ähnliche Nahrungsmittelallergien ausgeschlossen; im Blut kann die Aktivität des histaminabbauenden Enzyms Diaminoxidase geprüft werden. Der sicherste Nachweis ist eine rasche Besserung der Symptome nach einer über mehrere Wochen praktizierten histaminfreien Diät.

Richtige Therapie:

Menschen mit Histaminose sollten histaminhaltige Lebensmittel nach Möglichkeit meiden. Die Therapie ist jedoch auch ein individuelles Herantasten – nicht jeder reagiert auf jedes histaminhaltige Nahrungsmittel, und manche Patienten vertragen durchaus kleinere Mengen bestimmter Lebensmittel mit Histamin. Jana geht es seit einer Ernährungsumstellung besser. Zur Unterstützung nimmt sie bei Bedarf das Enzym Diaminoxidase in Kapselform ein (rezeptfrei in der Apotheke).

 

"Meine Augen brannten wie Feuer – doch das war keine typische Bindehautentzündung."

Symptome: Rote Augen, brennen und jucken, geschwollene Lider

Fehldiagnose: Bindehautentzündung

Viola Rahmann wacht morgens mit roten, geschwollenen Augen auf. Die Schmerzen sind so stark, dass sie sofort zu ihrem Augenarzt geht. Dieser diagnostiziert eine Bindehautentzündung und verschreibt entsprechende Salben und Augentropfen. Doch die Therapie schlägt nicht an.

Tatsächliche Ursache:

Der Besuch bei einem weiteren Augenarzt bringt Klarheit: Dieser tropft der Patientin das Färbemittel Fluoreszein in die Augen und betrachtet die Hornhäute mit Hilfe einer Spaltlampe. In dem speziellen Licht leuchten unverletzte Epithelien (= die äußere Schicht der Hornhäute) blau, verletzte Stellen grün. Er stellt eine neue Diagnose: Viola Rahmann leidet unter einer Verletzung der Hornhaut (Erosio).

Richtige Therapie:

Die Patientin muss ihre Augen mit antibiotischen und desinfizierenden Augentropfen und Salben behandeln, bis die Verletzungen abgeheilt sind. Dadurch wird verhindert, dass Bakterien ins verletzte Auge eindringen und dort schwere Schäden anrichten können. Ursache für die Erosio waren vermutlich winzige Holzsplitterchen, die Viola Rahmann bei der Gartenarbeit ins Auge geraten sind.

 

"Diese fatale Fehldiagnose hätte mich fast das Leben gekostet."

Symptome: Unklare, starke Rückenschmerzen

Fehldiagnose: Erkältung

Mit starken Rückenschmerzen wendet sich Paul Brückmann an seinen Hausarzt. Dieser diagnostiziert eine bakterielle Infektion und verschreibt ihm Antibiotika.

Tatsächliche Ursache:

Als die Rückenschmerzen nicht abklingen wollen, erstellt Brückmanns Arzt zur Sicherheit ein EKG. Das Ergebnis lässt auf einen Herzinfarkt schließen.

Richtige Therapie:

Mittels einer Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiografie) stellen Mediziner die Leistungsstärke des Herzmuskels fest, sodass sie die bestmögliche Therapie anwenden können – in der Regel eine Kombination aus Herz-Kreislauf-Übungen und Medikamenten.

 

"Die Ärzte sagten, ich hätte psychische Probleme, dabei machte mich ein Zeckenbiss krank."

Symptome: Gelenk- und Muskelschmerzen, Desorientiertheit, Augenflimmern

Fehldiagnose: Psyche

Clara Ruthin schmerzen anfangs die Muskeln, wie bei einem heftigen Muskelkater. Kurz darauf schwellen die Gelenke an, sie fühlt sich über Wochen schwindelig und hat Augenflimmern. Die Ärzte stuften die Beschwerden als seelisch bedingt ein. Clara Ruthin geht deshalb zu einem Psychologen. Doch die Beschwerden bleiben.

Tatsächliche Ursache:

Ein Bluttest verrät, woher die Beschwerden stammen: Borreliose. Die Infektionskrankheit wird durch einen Zeckenbiss übertragen.

Richtige Therapie:

Nach einer zweiwöchigen Antibiotika-Kur klingen die meisten Symptome ab. Doch aufgrund der späten Diagnose leidet Clara Ruthin bis heute unter schmerzenden Gelenken.

 

"Ein toter Zahn hat mir das Leben jahrelang zur Hölle gemacht."

Karlheinz Lindemann

Symptome: Niesattacken, Schnupfen, brennende Augen

Fehldiagnose: Allergie

Die Symptome sind eigentlich so eindeutig, dass Karlheinz Lindemann nie an der Diagnose seines Arztes zweifelt: Eine Allergie sei die Ursache für seine Niesattacken, Schnupfen und brennende Augen. Verwunderlich bleibt nur, warum sowohl Allergietests auf Gräser als auch auf Tierhaare und Hausstaubmilben ohne Befund bleiben. Trotzdem meidet Karlheinz Lindemann vorsorglich allergene Stoffe und nimmt, wenn die Beschwerden wieder besonders schlimm sind, Medikamente gegen die Symptome (Antihistaminika). Sein Alltag ist durch den Verzicht stark eingeschränkt, die Lebensqualität vermindert. Der wahre Grund für seine Probleme wird erst Jahre später entdeckt.

Tatsächliche Ursache:

Ein toter Zahn löste die Beschwerden von Karlheinz Lindemann aus. Ein Zahn kann absterben, wenn er kariös ist und sich entzündet. Der Zahnnerv wird dann nach und nach von Bakterien befallen. Unser Körper reagiert auf diese chronische Belastung häufig mit Beschwerden an anderen Körperteilen, zum Beispiel mit Allergiesymptomen. Auch eine Zyste (ein Gewebehohlraum) an den Zähnen kann zahlreiche Beschwerden auslösen. In dem Fall eines jungen Mädchens sorgt eine Zyste am Weisheitszahn für Herzrasen, Kreislaufprobleme und Erschöpfungszustände. Der Zahn verursacht dabei in vielen Fällen keinerlei Schmerzen.

Richtige Therapie:

Karlheinz Lindemann wird der tote Zahn umgehend gezogen. Aufgrund der allergischen Reaktionen werden ihm zusätzlich immunstärkende Mittel verschrieben. Bei anderen Symptomen (zum Beispiel Magenproblemen oder Gelenkbeschwerden) wird die Behandlung individuell angepasst. Wer wie Karlheinz Lindemann allergische Beschwerden hat, aber bei Allergietests keine einschlägigen Reaktionen zeigt, sollte deshalb seinen Zahnarzt aufsuchen. Karlheinz Lindemann lebt nun wieder völlig beschwerdefrei. Auch im Fall des jungen Mädchens hat das Ziehen der Weisheitszähne für ein Ende der Schmerzen und der Unsicherheit über die Ursachen gesorgt.

 

"Ich wusste einfach nicht mehr weiter, die Schmerzen waren unerträglich."

Symptome: Schmerzen im Analbereich, Jucken

Fehldiagnose: Hämorrhoiden

Bernd Muhle hat starke Schmerzen, die laut seinem Hausarzt durch Hämorrhoiden hervorgerufen werden. Der Arzt verschreibt ihm Salben, die Bernd Muhle regelmäßig anwendet. Doch die Beschwerden lassen nicht nach. Anderthalb Jahre lang sucht Bernd Muhle immer wieder seinen Hausarzt auf und holt zudem noch eine zweite Meinung bei einem anderen Arzt ein. Dieser überweist ihn dann auf einen Verdacht hin an einen Krebsspezialisten.

Tatsächliche Ursache:

Der Tumor-Experte schaut sich die schmerzende Region zunächst unter dem Mikroskop an; eine Darmspiegelung und eine Gewebeentnahme bestätigen schließlich seine Anfangsvermutung: Schwarzer Hautkrebs.

Richtige Therapie:

Die Ärzte entfernen den Tumor operativ und entnehmen weiteres Gewebe, das möglicherweise befallen ist. Da der Krebs in anderen Organen gestreut hat, muss sich Bernd Muhle einer Chemotherapie unterziehen. Mittlerweile ist er vom Krebs geheilt und geht regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen. Die Kosten für die Untersuchung zur Krebsfrüherkennung – alle zwei Jahre für Patienten ab 35 – übernehmen die Krankenkassen.

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