Wenn das Ich zerbricht: Was macht Persönlichkeit aus?

Wissenschaftler suchen Bausteine der Persönlichkeit
Wissenschaftler auf der Suche nach den Bausteinen der Persönlichkeit: Wie und wo entsteht sie? Was passiert bei Identitätsstörungen? Und wie viele Ichs hat ein Mensch? © iStock

Psychische Krankheiten - insbesondere schwere Störungen wie etwa Schizophrenie - werfen viele Fragen auf, die allein auf medizinischem Weg nicht zu beantworten sind.

Steckt in jedem Menschen ein zweites ICH? Kann sich über Nacht ein Charakter verändern? Ist unser Ich angeboren, oder können wir es bewusst verwandeln? Wie entstehen Ich-Störungen wie das Borderline-Syndrom und wo im Körper ist unsere Identität überhaupt festgeschrieben? Wissenschaftler machen sich auf die Suche nach dem Geheimnis der menschlichen Persönlichkeit.

 

Wie kann sich unser Charakter verändern?

Ein scheinbarer Widerspruch: Wie kann es sein, dass die Grundzüge unserer Persönlichkeit einerseits felsenfest in uns verankert sind, noch bevor wir ein Bewusstsein entwickeln, dass sie andererseits aber der ständigen "Gefahr" einer plötzlichen Veränderung ausgesetzt ist?

Verletzungen im Hirn können Persönlichkeiten verändern
Durch Verletzung bestimmter Hirnregionen können sich Persönlichkeiten verändern und plötzlich ganz andere Charaktereigenschaften hervorbringen© iStock

Normalerweise, das belegt die Persönlichkeitsforschung, ist unser Charakter wie ein ruhiger Fluss, der durch unser Leben fließt. Er ist ein in sich geschlossenes System. Mal verändert er seine Bahn leicht, er entwickelt sich, führt eine Menge Treibgut, die Zusammensetzung seines Wassers schwankt, er fließt weiter. Ein konstanter Strom, der trotz aller Abzweigungen in sich geschlossen bleibt – denn er tritt nicht über seine Ufer. In aller Regel nicht.

Aus zwei Gründen kann aber genau das passieren: Ein Mensch erleidet eine schwere Persönlichkeitskrise, ausgelöst durch traumatische Erlebnisse. Oder es gibt eine organische Ursache: eine Operation, einen Schlaganfall oder einen genetischen Defekt. Dann brechen Charaktermerkmale hervor, die bislang verborgen blieben.

Man kann sich das wie bei den Genen vorstellen: Einige sind "angeklickt", einige nicht, und sie werden es nie. Beispiel Haarfarbe: Ein Junge hat dunkles Haar wie sein Vater, aber das Haar seiner Mutter ist blond – der Junge trägt für beide Farben ein Gen in sich, aber das Gen für "blond" ist stummgeschaltet. Auf ein ähnliches Ergebnis kommen die Forscher, wenn sie sich ansehen, wie die Persönlichkeit im Gehirn neurologisch verankert ist. Ihr Sitz ist das Stirnhirn, und bei jedem Menschen ist das Aktivitätsmuster dort anders. Einige Regionen sind "angeklickt", andere bleiben stumm.

Das erklärt, weshalb Patienten, die dort operiert oder verletzt wurden, plötzlich neue Neigungen entwickeln. Mit einem Mal wird eine neue Region angeschaltet. Den meisten Menschen bleibt das erspart. Dennoch trügt das Gefühl, dass wir uns nie verändern. Auch wenn der Charakter wie ein Fluss dahinfließt, sind Schlenker nicht ausgeschlossen, sondern vorgesehen.

 

Wann und wie entsteht die Persönlichkeit?

Die britische Säuglingsforscherin Stella Acquarone beschreibt das erste Kennenlernen zwischen Mutter und Kind so: "Es ist wie die Begegnung auf einer Party. Man weiß, dass das ein Mensch ist. Aber man weiß nicht, wie er sich benimmt." Das würde bedeuten, dass schon ein Säugling eine wenn auch noch unbewusste Persönlichkeit mitbringt. Das durchmischte Erbe seiner Eltern und Vorfahren. Eigenschaften und Vorlieben, die sich mit den Erfahrungen in seiner Umwelt entwickeln und ausreifen. Die sich, je nachdem, verstärken oder abschwächen.

Bei einer Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung kam heraus: Fast alle Grundmerkmale des Charakters stehen schon bei Drei- bis Vierjährigen fest. Über 20 Jahre hinweg beobachteten die Wissenschaftler 200 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren. Dreimal im Jahr untersuchten sie ihre Probanden über mehrere Stunden. Systematisch durchleuchteten sie jeden Winkel ihrer Persönlichkeit – neben kognitiven Fähigkeiten auch die sogenannten Big Five – die fünf Säulen des menschlichen Charakters: Neurotizismus (der Hang zu schlechter Stimmung und Selbstzweifeln), Extravertiertheit, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Aber es war eine einzige Sache, die die Forscher besonders überraschte: Bereits zu Beginn der Studie beobachtete Eigenschaften zogen sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung der Kinder.

Klischees erfüllten sich wie von selbst: Wer im Kleinkindalter schnell dabei war, anderen Kindern ihre Spielsachen wegzunehmen, geriet auch mit 20 eher mit dem Gesetz in Konflikt. Wer bereits früh als aggressiv auffiel, zeigte auch als Erwachsener Auffälligkeiten. Und eine weitere Überraschung gab es: Die Pubertät ist der Höhepunkt in der Entwicklung eines Menschen. "Gerade im Denk- oder Gedächtnisvermögen gab es danach bei allen Probanden nur noch minimale Fortschritte", berichtet der Psychologe und Leiter der Studie, Wolfgang Schneider." Ähnliches gilt für die Moralentwicklung. Bei vielen Kindern entwickelt sie sich im Zeitraum zwischen 8 und 17 Jahren nicht weiter, sie macht sogar Rückschritte. Wir dachten, da verändert sich noch mehr."

Heißt das: Wer als Kleinkind Klötzchen stiehlt, klaut als Erwachsener Autos? Ein britisches Wissenschaftlerteam wollte es genauer wissen: Die Psychologen von der Universität Berkeley fragten sich, wie viele "echte" Kriminelle in einer Gruppe von Schwarzfahrern zu finden seien. Über acht Wochen begleiteten sie Bahnkontrolleure und überprüften stichprobenartig die blinden Passagiere auf ein mögliches Strafregister. Das verblüffende Ergebnis: Jeder Elfte, das sind immerhin rund neun Prozent der Passagiere ohne Fahrschein, war schon einmal auffällig geworden. Die Forscher sahen ihre Hypothese bestätigt: Es ist wahrscheinlicher, unter einer Menge von Schwarzfahrern Kriminelle zu finden als in einem Einkaufszentrum. Aber nur der Umkehrschluss ist zulässig: Wer kriminell ist, fährt auch tendenziell eher schwarz, aber nicht umgekehrt ...

 

Borderline – ein Leben am Abgrund

Borderline: Hassgefühle gegen sich selbst führen zu Schnittwunden
Borderline-Patienten haben häufig Hassgefühle gegen sich selbst und andere. Auch verletzen sich einige Betroffene selbst: Sie fügen sich etwa Schnittwunden an den Armen zu © iStock

Julia Meisner (26) leidet unter dem Borderline-Syndrom. Borderline heißt Grenzlinie – gemeint ist die Grenze zwischen extremen Gefühlen. Das Ich am Abgrund. Ein Leben auf dem Drahtseil – auf der einen Seite droht der Sturz ins Bodenlose, auf der anderen fällt man weicher. Allerdings führen Menschen wie Julia das Glück meist künstlich herbei: durch Drogen und Alkohol. Bereits in frühester Kindheit entwickelt sich diese Persönlichkeitsstörung. Die innere Zerrissenheit, der tiefe Hass gegen sich selbst und andere geht mit einer inneren Leere einher, die Borderline-Patienten mit einem quälenden Taubheitsgefühl beschreiben. Um ihren Körper zu fühlen, verletzen sie sich selbst, schneiden sich in die Haut. Denn Schmerz sei besser als gar kein Gefühl, sagen sie. Julia ist mithilfe einer Therapie auf dem Weg, die dunkle Seite ihres Ichs kontrollieren zu können.

 

Wie viele Ichs hat ein Mensch?

Als Jeff Kooning ein Hirntumor entfernt wird, erleben die Ärzte eine Überraschung. Er lässt sich feinste Kost aus den besten Restaurants der Stadt kommen, kann an nichts anderes mehr denken als an Safran und Hummer. Später wird der politische Journalist aus Washington das Fach wechseln – um Restaurant-Kolumnen zu schreiben. Die Neuropsychologin Marianne Regard nannte dieses Phänomen das Gourmand-Syndrom. Mediziner schließen daraus, dass Charaktereigenschaften in bestimmten Regionen des Gehirns liegen. Die Vorliebe für gutes Essen ist demnach in der rechten vorderen Hirnhälfte gespeichert – dort, wo der Tumor entfernt wurde. Das lässt vermuten: Es liegt noch eine ganze Auswahl an Persönlichkeitsmustern in unseren Hirnwindungen bereit. Manche sind sichtbar und prägen uns. Andere wiederum schlummern unser Leben lang still in unseren Köpfen und machen sich niemals bemerkbar – bis irgendetwas sie wachruft. Etwa eine Verletzung des Gehirns oder eine Operation wie im Falle des Journalisten.

 

Gibt es ein künstliches Ich?

Durch eine Hirnhautentzündung wurde Helen Keller (1880-1968) als Kleinkind taubblind - sie blieb dadurch in ihrer Entwicklung zurück. Bis die Lehrerin Anne Sullivan in ihr Leben trat. Sie schuf die Welt von Helen, wurde ihr untrennbarer Zwilling, gab ihr eine eigene Persönlichkeit – (erzählte) Erfahrungen, Geschichten, Gedanken – und vor allem: Sprache. Lautäußerungen von Menschen, die weder das Fingeralphabet noch die Blindenschrift beherrschten, konnte sie durch Abtasten der Lippen verstehen (Foto links). Die Schattenseite: In Helens Biografie verschwimmen echte Erinnerungen und Ausgedachtes miteinander, was ihr später als Schriftstellerin Plagiatsvorwürfe einbrachte. Und Zweifel an ihrer Persönlichkeit. Ein Leben aus zweiter Hand, ein Schein-Ich: "Manchmal weiß ich einfach nicht, ob meine Erinnerungen aus meinen Büchern stammen oder ob sie wirklich sind."

 

Genie und Wahnsinn in einem Ich

Der 1928 in West Virginia geborene John Forbes Nash gilt als Mathematikgenie – er ist einer der wenigen Nobelpreisträger in seinem Fach, und sein Leben taugte sogar als Hollywood-Stoff ("A Beautiful Mind"). Aber nicht nur wegen seiner bahnbrechenden Erkenntnisse, etwa auf dem Gebiet der Spieltheorie, sondern wegen seiner anderen Seite, seines zweiten Ichs. Nash erkrankte mit 30 Jahren an paranoider Schizophrenie. Er litt unter Wahnvorstellungen, akustischen wie visuellen – sogar seinen besten Freund und Kommilitonen soll er sich eingebildet haben. Andererseits erscheint Schizophrenen ihr Umfeld als bedrohlich, selbst vertrauten Menschen unterstellen sie feindliche Absichten. Nash fühlte sich sogar von der CIA verfolgt. Heute ist er von seiner Schizophrenie weitgehend geheilt. Er lehrt noch immer an der Universität Princeton in New Jersey.

 

Das Herz als Erinnerungsspeicher?

Wenn seine Hand mit dem Pinsel über die Leinwand gleitet, hat er manchmal das Gefühl, als sei sie ferngesteuert. Es fühlt sich dann an, als würde jemand anderer die üppigen Landschaften und Tierbilder malen. Das Verblüffende ist: Was William Sheridan noch vor Kurzem zu Papier brachte, glich den Kritzeleien eines Sechsjährigen. Doch seit seiner Herztransplantation ist alles anders. Der 64-Jährige ist sich sicher: Das Herz, das ihm ein New Yorker Börsenhändler spendete, ist für sein plötzliches künstlerisches Talent verantwortlich. Dieser hatte in seiner Freizeit vor allem eines getan: Er malte Bilder. Und William glaubt, nicht nur die Kunst von seinem Spender "geerbt" zu haben. "Er muss ein guter Mensch gewesen sein. Ich bin viel liebevoller geworden."

Gary Schwartz von der Universität Arizona untersuchte in einer Studie weltweit 70 Fälle, bei denen sich Eigenschaften von Organspendern auf die Empfänger übertragen haben. Medizinisch ist das Phänomen nicht erklärbar, aber Schwartz nennt es "das Zellgedächtnis". "Wir nehmen an, dass die in dem Organ gespeicherten Informationen und die Energie an den Empfänger weitergegeben werden. Dafür spricht: Wissenschaftler wie Schwartz haben im Herz Neurotransmitter, Botenstoffe, entdeckt, die auch im Gehirn vorkommen.

 

Wo steckt die Persönlichkeit im Körper?

"Das könnte bedeuten, dass es einen chemischen Informationsaustausch zwischen Gehirn und Herz gibt", so Schwartz. Ähnliches konnten Mediziner auch nach Schlaganfällen im Vorderhirn beobachten: Ein vormals schüchterner Mensch ist plötzlich impulsiv und übermütig – und umgekehrt. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn fremdes Gewebe einen völlig anderen Menschen aus uns machen kann? Wenn eine winzige Verletzung im Gehirn eine Persönlichkeit umstülpen kann? Und was, wenn ein paar Kubikzentimeter fehlgeleitetes Blut in den grauen Zellen in wenigen Sekunden mehr ausrichten als zehn Jahre Erziehung? Offenbar sind die Grundfesten der Persönlichkeit leichter zu erschüttern, als uns lieb ist. Aber das eigentlich Rätselhafte ist: Wo etwas gelöscht wird, entsteht oft keine Lücke – sondern etwas Neues. Es ist, als lägen Charaktereigenschaften schichtweise in unserem Gehirn vergraben. Fällt die oberste Schicht weg, rückt eine andere nach. Forscher wollen es jetzt lösen, das große Rätsel unserer Persönlichkeit. Oftmals sind es Störungen und klinische Fälle, die entscheidende Hinweise geben. Die Grund zu der Annahme geben: Das Ich hat viele Dimensionen. Und in jedem von uns steckt so etwas wie ein zweites Ich. In vielerlei Hinsicht.

 

Wie viele Persönlichkeiten kann ein Mensch maximal haben?

Traumatische Erlebnisse erschüttern Grunfesten der Persönlichkeit
Traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend, bei denen die Grundfesten der Persönlichkeit © Fotolia

Die Persönlichkeit von Truddi Chase wurde einfach ausgelöscht. Oder sagen wir, sie erstarrte, als Truddi ein kleines Mädchen war. Seit ihrer frühesten Kindheit wurde sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Um vor den unerträglichen Misshandlungen zu fliehen, geschah in ihrer Psyche etwas Unglaubliches. Etwas, das nicht nur den schweren Grad der Gewalt und der seelischen Verletzung aufzeigt, sondern auch enthüllt, wozu die menschliche Psyche in Extremsituationen fähig ist: Die ursprüngliche Persönlichkeit des kleinen Mädchens blieb in ihrer Entwicklung stehen – sie wurde in ihrem Ist-Zustand zu Beginn des Missbrauchs "eingefroren". Als Folge spaltete sich ihr Ich in mehrere innere Personen auf. Sie bekamen Namen, Stimmen, Charaktere, Alter und Rollen. Mit der Zeit wurden es immer mehr.

Am Ende waren es 92. Erst 40 Jahre nach den Übergriffen durch den Stiefvater begann Truddi eine Therapie – aber da wusste sie noch nichts von den vielen Egos, die sich ihre Persönlichkeit teilten. Die multiple oder dissoziative Persönlichkeit von Truddi Chase wurde erst entdeckt, als der Psychiater die großen Erinnerungslücken seiner Patientin bemerkte. Sie konnte sich nicht einmal an die Geburt ihrer Tochter erinnern. Schließlich wurde klar: Sie weiß weniger über ihr vergangenes Leben als jede einzelne ihrer anderen Persönlichkeiten. Und das hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Denn auf diese Weise konnte sie so weiterleben, als sei nicht (nur) ihr etwas Schlimmes, sondern als sei es anderen Menschen widerfahren.

Psychologen sind davon überzeugt, dass die Fähigkeit zur Herausbildung mehrerer Persönlichkeiten in jedem steckt – und in den ersten Jahren des Lebens auch gelebt wird. "Im Laufe der Kindheit vereinen sich die verschiedenen Identitäten zu einem Ich – mit fließenden Übergängen", sagt Simone Reinders von der Universität Groningen. "Auch im Erwachsenenalter sind sie noch vorhanden, nur äußerlich sind sie nicht sichtbar. Aber in unseren Träumen etwa, da tauchen sie wieder auf."

 

Das Ich im falschen Körper

Tim wusste schon mit zwei Jahren, dass er im falschen Körper steckt. Er spielte mit Barbies und sagte: "Ich bin ein Mädchen." Die Eltern dachten, das gehe vorüber. Bis der Vierjährige nach einem Friseurbesuch in sein Zimmer rannte und schrie: "Jetzt schneid' ich mir das Ding ab." Von diesem Tag an hieß Tim Kim. Kim ist heute 14, trägt Lidschatten, bauchfreie T-Shirts und erzählt von ihrem Traum, später als Modemacherin nach Paris gehen. Noch vor der Pubertät hat sie mit der Hormontherapie begonnen, und in ihren Akten ist der verflixte Anfangsbuchstabe schon ausgetauscht. Bis zum 18. Lebensjahr muss sie noch auf ihre OP warten.

Jahrzehntelang waren Psychiater überzeugt, Eltern seien schuld an der Transsexualität ihrer Kinder. Die Entwicklungspsychologen gaben ihnen Recht: Kinder würden als psychisches Neutrum geboren, behaupteten sie. Das Gefühl, im falschen Körper gelandet zu sein, könne nur durch Erfahrungen entstehen, die das Kind in den ersten Jahren mache, sagten sie. Sprich – durch schwere seelische Traumata. Der Fall Kim widerlegt das. Und er sagt noch mehr: Es gibt von Anfang an eine gefühlte Identität, die ihr körperliches Pendant akzeptiert – oder eben nicht. Die Weichen für das physische Ich werden vermutlich schon im Mutterleib gestellt. Säuglingsstudien zeigen: Wenige Wochen alte weibliche Babys schauen bereits länger auf Gesichter, Jungen auf abstrakte Formen. Und auch, wenn kein Forscher heute den Einfluss der Umwelt schmälern will, so zeigen diese Fälle doch: Die Grundzüge unserer Persönlichkeit stehen schon lange vor der Geburt fest.

 

Wer schreibt das Buch unseres Lebens?

Forscher zweifeln an dem einen Regisseur in unseren Köpfen, der den Film unseres Lebens dreht. Nach dem einen zusammenhängenden Drehbuch. Daher machen sie sich auf die Suche nach dem Ursprung und dem Wesen des menschlichen Ichs und fragen: Woher bekommen wir unsere Persönlichkeit überhaupt? Können wir sie lenken und verändern? Ihre Ergebnisse zeigen: Anscheinend gibt es durchaus mehrere Erzähler, die die Geschichte unseres Lebens schreiben. Manchmal springt der Wechsel zwischen den "Autoren" unseres Charakters geradezu ins Auge, manchmal fällt er kaum auf, am wenigsten uns selbst. Es fängt schon an mit dem schlechten Gewissen. "Nimm dir, was dir nicht gehört, solange du dich nicht erwischen lässt." "Tu es nicht", flüstert die zweite Stimme. Ein ebenso simples wie klares Dilemma. Es stellt sich die Frage: Welche Stimme ist das Ich? Die böse oder die gute?

Noch komplizierter wird es mit neuen Stimmen und Stimmungen, wenn die Chemie ins Spiel kommt: bei Drogen oder Medikamenten, die das Selbst des Menschen unmittelbar verändern. Längst sind Biologische Psychologen dabei, die Neurochemie der Persönlichkeit zu entschlüsseln. Einige von ihnen sind sogar überzeugt: Wenn man erst einmal weiß, wie die Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, im Zusammenspiel die Persönlichkeit formen, dann könnte man diese per Knopfdruck ändern – mit der maßgeschneiderten Psychopille. Die Anfänge sind jetzt schon spürbar. Das Antidepressivum Prozac gehört in manchen amerikanischen Vorstädten mittlerweile zu den Grundnahrungsmitteln. Millionen Menschen schlucken Paxil gegen Schüchternheit. Und solche, die besonders wach und dynamisch wirken wollen, helfen sich mit Modafinil auf die Sprünge. Tatsache ist, dass viele Psychopharmaka eingesetzt werden, damit Menschen psychologisch besser funktionieren, die gar nicht krank sind. Die vermeintliche Suche nach dem wahren Ich ist die Suche nach dem perfekten Ich.

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