Wenn Babys die Augen tränen – woran kann das liegen?

Kinderärztin Dr. Nadine Hess gibt Tipps zu verklebten und tränenden Augen bei Kindern
Expertin Dr. Hess: "Meist ist es ausreichend, die Augen vorsichtig mit lauwarmem, abgekochtem Wasser und einem ganz weichen Waschlappen von den Krusten zu befreien. Dabei immer von außen Richtung Nase wischen, um keine zusätzlichen Keime in das Auge zu re © privat

Ein sehr häufiger Grund, warum Eltern mit ihrem Säugling meine Praxis aufsuchen, sind tränende, verklebte Augen. Oft kommt dann auch direkt die Frage nach einem Antibiotikum oder der Überweisung zu einem Augenarzt. Aber ist das wirklich notwendig?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Eine Studie aus dem Jahr 1991 untersuchte 4792 Säuglinge auf die Entwicklung eines tränenden Auges. Ungefähr 20 Prozent der teilnehmenden Neugeborenen zeigte kurz nach der Geburt dieses Symptom, 95 Prozent davon innerhalb des ersten Lebensmonats. In den allermeisten Fällen war keinerlei Therapie notwendig, bei 96 Prozent war die Problematik vor dem Erreichen des ersten Lebensjahres nicht mehr vorhanden.* 

Der Grund für das ständige Tränenträufeln und die häufig – insbesondere am Morgen – verklebten Augen ist in der Regel eine leichte Enge des Tränenkanals, manchmal besteht zusätzlich eine nicht zurückgebildete Membran zwischen Tränensack und dem Ausgang des Tränenkanals nach unten – Richtung Nase. Durch die Enge staut sich Tränenflüssigkeit zurück und es kommt infolge zu einem Überlaufen von Flüssigkeit ins Auge.

Durch den verzögerten Abfluss der Tränenflüssigkeit und das warm-feuchte Klima in den Tränenwegen können sich Keime, die natürlicher Weise dort vorkommen, gut vermehren – es entsteht eine Entzündung und die Augen sind noch verklebter, als ohnehin schon. Meist ist es ausreichend, die Augen vorsichtig mit lauwarmem, abgekochtem Wasser und einem ganz weichen Waschlappen von den Krusten zu befreien. Dabei immer von außen Richtung Nase wischen, um keine zusätzlichen Keime in das Auge zu reiben. Zur Pflege können Sie mehrmals am Tag Kochsalz-Augentropfen oder Augentropfen mit Augentrost verwenden.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess gibt Tipps zu verklebten und tränenden Augen beim Baby
Tränende und verklebte Augen sind bei Babys ganz normal, in der Regel verschwindet die Probelmatik von ganz allein. Nur in sehr seltenen Fällen ist eine operative Weitung des Tränenkanals notwendig© shutterstock

Damit die Enge des Tränenkanals langsam aufgeweitet wird, ist es manchmal hilfreich, den Tränenkanal und Tränensack vorsichtig auszumassieren. Legen Sie dazu Ihren Zeigefinger unterhalb des Augenwinkels auf und massieren sie mit sanften Bewegungen vorsichtig Richtung Auge. Wenn sich zäheres Sekret entleert – was oft passiert – wischen Sie es anschließend zur Nasenwurzel hin aus.

Nimmt die Verklebung des Auges zu, ist möglicherweise eine Rötung um oder im Auge sichtbar, ist es wahrscheinlich zu einer fortschreitenden Infektion von aufgestautem Sekret gekommen. Dann sollte ein lokales Antibiotikum eingesetzt werden. Mittlerweile gibt es ein Produkt mit dem Antibiotikum Azithromycin, das nur zwei Mal täglich für drei Tage verwendet werden muss. Da die Verabreichung von Augentropfen nicht so einfach ist und Babys das meistens als unangenehm empfinden, ist das ein großer Fortschritt gegenüber anderen antibiotischen Augentropfen, die über einen längeren Zeitraum und zwischen vier und sechs Mal täglich angewendet werden müssen.

Ihr Kinderarzt berät Sie gern und sagt Ihnen, welches Antibiotikum er für richtig hält. Ein Abstrich, um zu untersuchen, welche Bakterien für die Entzündung verantwortlich sind, ist übrigens nur bei wiederkehrenden Infektionen notwendig.

Wie bereits erwähnt, verschwindet die Problematik in der Regel von ganz alleine und ohne weitere Maßnahmen. Nur sehr selten ist eine Aufweitung des Tränenkanals durch einen Augenarzt notwendig. Wann immer möglich, wird man die Beendigung des ersten Lebensjahres abwarten und nur in absoluten Ausnahmefällen zu dieser Maßnahme greifen.

*MacEwen CJ, Young JD: Epiphora during the first year of life. Eye (Lond) 1991;5(Pt5):596-600

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