Welt-AIDS-Tag 2020: Ist HIV heilbar?

Verena Elson Medizinredakteurin

Am 1. Dezember ist Welt-AIDS-Tag: Ein guter Zeitpunkt, um einen Blick darauf zu werfen, wie weit die HIV-Therapie inzwischen entwickelt ist. Ist HIV heilbar? Die Antwort ist komplex.

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In den letzten Jahren gab es immer wieder Berichte über Menschen, die von HIV geheilt wurden. Tatsächlich gibt es inzwischen eine Methode, mit der HIV heilbar ist. Doch das Verfahren ist nicht für jeden geeignet.

 

Berliner Patient: Timothy Ray Brown als erster von HIV geheilt

Als weltweit Erster wurde der US-Amerikaner Timothy Ray Brown von HIV geheilt – das war im Jahr 2007. Bekannt wurde er als „Berliner Patient“, da seine Behandlung am Charité Campus Benjamin Franklin (CBF) in Berlin-Lichterfelde erfolgte. Der Hämatologe Gero Hütter führte bei Brown eine Stammzelltransplantation durch, und zwar mit Knochenmark eines Spenders mit einer seltenen Genmutation, die den Körper resistent gegen HIV macht. Nach Abschluss der Therapie war das HI-Virus in Browns Körper nicht mehr nachweisbar. Im September 2020 ist Timothy Ray Brown im Alter von 54 Jahren an Leukämie gestorben.

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Stammzellentherapie macht HIV heilbar

Bei der Genmutation des Spenders handelte es sich um eine Veränderung des Gens CCR5 – diese bewirkt, dass die Immunzellen resistent gegen HIV werden. Der Hintergrund: Bei einer Infektion mit dem HI-Virus werden die Immunzellen gleichsam „entführt“: Das Virus dringt in die sogenannten T-Helferzellen (weiße Blutkörperchen) ein und zwingt sie, weitere Viruspartikel zu produzieren. Anstatt gegen das Virus zu arbeiten, helfen die Immunzellen so bei seiner Vermehrung. Bei Menschen mit einer speziellen CCR5-Mutation sind die T-Helferzellen gegen die „Entführungsversuche“ des Virus resistent – dringt es in den Körper ein, kommt es dennoch zu keiner Infektion.

Bei der Knochenmarktransplantation werden dem Patienten Blutstammzellen aus dem Blut oder Knochenmark eines Spenders übertragen. Die Zellen finden ihren Weg ins Knochenmark allein und beginnen dort, neue Blutzellen zu bilden. Im Falle des „Berliner Patienten“ enthielten diese die Genmutation des Spenders – und waren so immun gegen HIV.

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Adam Castillejo: Zweiter von HIV geheilter Patient

Als zweiter von HIV geheilter Mensch gilt der „Londoner Patient“, Adam Castillejo. Der gebürtige Venezolaner zog 2002 nach London, 2003 wurde bei ihm HIV diagnostiziert. 2011 erkrankte er an Blutkrebs und benötigte schließlich eine Stammzellentransplantation. Seinen Ärzten gelang es 2016, einen Spender mit der CCR5-Mutation zu finden, die auch bei Timothy Ray Brown zur HIV-Heilung geführt hatte. Die Therapie hatte Erfolg: Seit September 2017 benötigt Castillejo keine Medikamente mehr.

Im März 2020 wurden Meldungen über einen dritten geheilten HIV-Patienten publik: Bei dem „Düsseldorfer Patienten“ konnte demnach auch 15 Monate nach Absetzen seiner Medikamente kein HI-Virus mehr nachgewiesen werden. Auch er war per Stammzellentherapie behandelt worden.

 

HIV-Heilung wird kein Standardverfahren

Doch trotz aller Euphorie aufgrund einzelner Meldungen wie dieser: Die Knochenmarktransplantation eignet sich nicht als Standardtherapie bei HIV – dafür ist sie zu riskant. Bei diesem Verfahren besteht die Gefahr einer lebensgefährlichen Abstoßungsreaktion; dieses Risiko muss in der Regel nicht eingegangen werden, wenn das Virus früh genug erkannt wird. Dann werden hochwirksame Medikamente eingesetzt, die dem Patienten ein normales Leben ermöglichen.

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HIV-Therapie hemmt Vermehrung des Virus

In der Regel handelt es sich dabei um sogenannte HIV-Kombinationstherapien – eine Kombination verschiedener Wirkstoffe, die die Vermehrung des Virus im Körper auf unterschiedliche Weise hemmen. 

Diese Medikamente heilen zwar nicht von HIV, sie bewirken aber, dass sich die Viruslast im Körper so stark reduziert, dass sie nach einiger Zeit im Blut nicht mehr nachweisbar ist. Liegt die Viruslast seit einem halben Jahr unter der Nachweisgrenze und wird dies regelmäßig überwacht, können HIV-Patienten mit ihrem Partner sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, denn sie sind dann nicht mehr ansteckend.

Allerdings müssen Betroffene akribisch daran denken, jeden Tag ihre Tabletten einzunehmen, was für viele eine große Belastung ist – schon allein deshalb, weil es sie täglich an ihre HIV-Infektion erinnert. Unter den Betroffenen besteht darum trotz aller Fortschritte ein großer Wunsch nach einer Heilung von HIV – aber mit einer Methode, die verträglich und für jeden geeignet ist. 

Die Frage, ob HIV heilbar ist, lässt sich also mit ja beantworten – da die Heilung aber deutlich riskanter ist als ein Leben mit dem Virus und entsprechenden Medikamenten, stellt sie für die allermeisten Patienten nicht die beste Option dar.

Quellen:

H.I.V. Is Reported Cured in a Second Patient, a Milestone in the Global AIDS Epidemic, in: nytimes.com

Londoner Patient: Wahrscheinlich zweite HIV-Heilung, in: aidshilfe.de

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