Weinen Babys wirklich, um ihre Eltern am Sex zu hindern?

Weinen Babys, um ihre Eltern am Sex zu hindern?
Eine Harvard-Studie stellt fest: Babys weinen, um ihre Eltern am Sex zu hindern? Praxisvita.de hat sich diese Theorie genauer angeschaut und klärt für Sie im Experten-Interview alle wichtigen Fragen zum Thema. © Fotolia

Rauben Babys ihren Eltern durch nächtliches Geschrei nicht nur den Schlaf, sondern gezielt auch die Lust auf Beischlaf? Einer Studie, der zu Folge Säuglinge "extra" schreien, um länger Einzelkind zu bleiben, ist Praxisvita im Experteninterview mit Dr. Anna Ball auf den Grund gegangen.

 

Worum geht es?

Laut einer neuen Harvard-Studie, von der Daily Mail berichtete, steckt ein evolutionär bedingtes Programm dahinter, wenn Säuglinge nachts durch lautes Weinen ihre Eltern daran hindern, (miteinander) zu schlafen.

David Haig, Professor für evolutionäre Biologie, fand heraus, dass sich ein Baby durch diese Strategie größtmögliche Aufmerksamkeit und Nahrungszufuhr sichern möchte. Die Studie betont, dass ein Säugling durch langes und häufiges Schreien einerseits seine Mutter ablenkt und stresst, damit sie die Lust auf Sex verliert. Andererseits erreiche das Baby durch nächtliches Durchbrüllen, dass es von der Mutter länger und häufiger gestillt wird. Bei einer Mutter, die häufiger und länger stillt – schreibt Haig – sinkt in diesem Zeitraum auch die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Schwangerschaft. Nach Darstellung von BILD-Online gehen Babys dabei  noch einen Schritt weiter. Säuglinge seien in der Lage, in egoistischer und berechnender Weise das Weinen vorzutäuschen, wodurch sie Mütter manipulieren.

Praxisvita hat sich diese Theorie genauer angeschaut und klärt für Sie im Experten-Interview mit der Biopsychologin Dr. Anna Ball von der Ruhr-Universität Bochum alle wichtigen Fragen zum Thema.

 

Das sagt die Expertin

Wieso sollte ein Baby wollen, dass Mama keinen Sex hat?

Ich sehe schon die Wortwahl bei diesem Beispiel sehr kritisch. Zu behaupten, dass ein Säugling im ersten Lebensjahr etwas ‚wollen’ und das auch artikulieren würde, was über die basalen Grundbedürfnisse hinausgeht, ist eigentlich schon zu viel gesagt. Man muss das eher von der biologischen Seite betrachten, denn nur über Biologie kann sich irgendwas durchsetzen in der Evolution. Ein Beispiel: Durch das Saugen an der Brust wird bei der Mutter das sogenannte „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet, das bei allen Säugetieren dafür sorgt, dass Mütter sich um ihren Nachwuchs kümmern. Dies ist ein biologischer Prozess, der sich in der Evolution durchgesetzt hat. Trotzdem kann man nicht sagen, dass ein Säugling saugt, damit sich die Mutter mehr um ihn kümmert, sondern höchstens, weil es hungrig ist.

Aber gäbe es eine Nutzenseite für das Baby, die Eltern am Sex zu hindern?

Es kann schon sein, dass es aus evolutionärer Sicht einen Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Mutter und denen des Babys gibt. Eine „evolutions-stabile Strategie“ wird ein Verhalten aber erst dann genannt, wenn es dazu beiträgt, dass viele Individuen einer Spezies sich erfolgreich fortpflanzen und dadurch so viele Nachkommen wie möglich bis zur Geschlechtsreife überleben. Ich würde also nicht sagen, dass Babys nachts schreien, um die Eltern am Sex zu hindern, sondern ganz einfach, weil sie zum Überleben Energienachschub benötigen.

Also ist es kein evolutionärer Nachteil, wenn das Baby sich die mütterliche Brust mit einem Konkurrenten teilen muss?

Für das Baby ist es vorteilhaft, wenn es länger gestillt wird. Und da Frauen, die stillen aufgrund von hormonellen Prozessen häufig keinen Eisprung bekommen, werden sie in dieser Zeit tatsächlich seltener wieder schwanger. Die gleichen Hormonprozesse sorgen übrigens auch dafür, dass viele Frauen während der Stillzeit weniger Lust auf Sex haben. Das geht aber eher von der Mutter aus und man sollte dies nicht so drehen, als würde das Baby da irgendwas ‚wollen’.

Zumindest die Strategie des Babys, durch Geschrei die Mama vom Sex abzuhalten, dadurch zum Beispiel länger gestillt zu werden und somit das einzige Baby zu bleiben, geht also auf?

So gesehen, ja. Babygeschrei kann nachweislich den Milchfluss anregen, und je öfter ein Baby gestillt wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bald ein Geschwisterchen unterwegs ist.

Aber Babys können Mütter nicht manipulieren, selbst wenn sie es wollen würden?

Eine Manipulation durch einen Säugling wäre vor allem sehr schwer nachweisbar. Wie will man so etwas ermitteln? Ich wüsste nicht, wie es möglich sein sollte, die Intention eines Säuglings über eine spekulative Ebene hinaus zu bestimmen. Babys schreien aus verschiedenen Gründen. Aber Manipulieren beinhaltet ein bewusstes, interaktionsreflektiertes Handeln. Und erst mit dem Ende des ersten Lebensjahres sind im Gehirn des Säuglings die neuronalen Strukturen soweit ausgebildet, dass es einzelne Menschen als solche voneinander unterscheiden oder konkrete Interaktionen von Menschen verstehen kann, dass eine Manipulation durch das Baby möglich wäre.

Wenn das Baby aber schreit, ist dann eine Mutter in der Lage einen ‚falschen Alarm’ von einem ‚ernsten’ zu unterscheiden?

Mütter können definitiv ziemlich schnell die Schrei-Arten ihrer Babys unterscheiden. Sie erkennen ihr eigenes Baby am Schrei und hören es auch, während sie tief schlafen. Außerdem können sie differenzieren: Ist das ein Schmerzensschrei, ist das ein Hungerschrei, ist das ein Schreien, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Für ein Baby und in evolutionärer Sicht auch für die menschliche Spezies, ist es von Vorteil, wenn ein Säugling nicht irgendwo vergessen oder vernachlässigt werden kann. Dadurch ist gewährleistet, dass möglichst viel Nachwuchs gesund überlebt. Außerdem suchen Babys mit diesem Schrei die Interaktion mit anderen Menschen, damit die Ausbildung solcher Gehirnregionen gefördert wird, die sie schließlich zu komplexeren Interaktionen befähigen.

Was sollten Eltern tun, deren Säuglinge besonders viel schreien und dadurch nicht nur Sex, sondern vielleicht auch Schlaf verhindern? Kann man einem Kind das Schreien abgewöhnen oder es darauf trainieren, dass es nur Alarm gibt, wenn es wirklich wichtig ist? Zum Beispiel in dem man es im Zweifelsfall ignoriert?

Ganz eindeutig, nein. Säuglinge kann man zum einen nicht auf ein bestimmtes Verhalten konditionieren, da dafür die nötigen Gedächtnisstrukturen noch nicht vorhanden sind. Zum anderen kann ein solcher Mangel an Aufmerksamkeit und Zuwendung gegenüber dem Säugling ernsthafte emotionale Störungen hervorrufen. Die ersten Monate nach der Geburt sind eine Phase, in der das Baby ein Ur-Vertrauen zu seinen Eltern aufbaut. Insofern ist es sehr wichtig, dass die Mutter oder der Vater auf das Schreien des Säuglings reagiert. Es ist sehr davor zu warnen, ein schreiendes Baby zu ignorieren.

Hamburg, 11. April 2014

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