Waschzwang – bloß reinlich oder schon krankhaft?

Michelle Kröger

Wohl jeder liebt das Gefühl, wenn man frisch geduscht aus dem Bad kommt. Wer jedoch unter einem Zwang steht, sich zu reinigen, für den ist es eine Qual. Aus der extremen Angst vor Keimen und Krankheiten reinigen sich Menschen mit Waschzwang in exzessivem Ausmaß Körper und vor allem die Hände. Es handelt sich um eine schwere psychische Störung. Was also tun? Und: Kann ein Waschzwang geheilt werden?

Frau wäscht sich die Hände
Ein Waschzwang fokussiert sich meist auf das Waschen der Hände Foto:  iStock/PeopleImages
Inhalt
  1. Waschzwang: Was ist das genau?
  2. Ab wann leide ich an einem Waschzwang?
  3. Welche Symptome gehen mit einem Waschzwang einher?
  4. Ursachen: Wodurch kann ein Waschzwang entstehen?
  5. Wie lässt sich ein Waschzwang therapieren?
  6. Was können Betroffene tun?
 

Waschzwang: Was ist das genau?

Der Waschzwang ist eine Art der Zwangsstörungen. Dabei wäscht sich der Betroffene häufiger und intensiver die Hände oder den Körper als normal üblich. “Ein bis zwei Millionen Deutsche leiden an einer Zwangsstörung, die Dunkelziffer ist nochmal höher, denn die Betroffenen schämen sich sehr und versuchen ihr Verhalten vor Anderen lange zu verheimlichen”, sagt Antonia Peters, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.. Die Betroffenen können ihr Verhalten selbst dann nicht ändern, wenn durch das häufige Waschen Hautirritationen und Ekzeme auftreten.

Wie viele Deutsche haben einen Waschzwang?

Die Anzahl der Betroffenen lässt sich nicht genau definieren. Es ist aber bekannt, dass zirka ein bis zwei Millionen Menschen einmal in ihrem Leben an einer Zwangsstörung erkranken. Die Zwangsstörung ist die vierthäufigste psychische Erkrankung überhaupt. “Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch viel höher, weil die Zwangsstörung eine sehr schambesetzte Erkrankung ist, die von vielen Betroffenen lange verheimlicht wird”, erklärt Peters. “Frauen leiden mehr an Wasch- und Putzzwängen, während Männer mehr an Kontroll- und Ordnungszwängen leiden. Eine Zwangsstörung kann aber auch schon bei Kindern auftreten.” In der Regel tritt die Störung zwischen dem 15.-18. Lebensjahr auf und ist bis zum 30. Lebensjahr voll ausgeprägt.

 

Ab wann leide ich an einem Waschzwang?

Die Grenzen zwischen Reinlichkeit und einem Waschzwang scheinen fast fließend zu sein. Welches Waschverhalten ist also normal, welches eher nicht? “Normales Händewaschen, zum Beispiel nach dem Toilettengang, dauert ein bis zwei Minuten. Der normale Duschvorgang richtet sich nach den eigenen Vorlieben und dauert zwischen 10-20 Minuten”, erwähnt die Zwangsexpertin. “Von einem Waschzwang spricht man dann, wenn jemand täglich mehr als eine Stunde intensiv seine Hände oder andere Körperteile wäscht und dieses Verhalten mindestens zwei Wochen lang auftritt.”

Typische Kennzeichen eines Waschzwangs sind etwa:

  • Zwangsgedanken: z.B. Angst vor Keimen und Krankheiten, Angst vor Nähe und Berührungen, Ekelgefühle
  • Ritualisierte Zwangshandlungen: häufiges Händewaschen und Duschen, Einhalten bestimmter Abläufe

Keim-Herd Brettchen
Übersicht So schützen Sie sich vor Keimen!

Ein Waschzwang entwickelt sich meistens schleichend: Zuerst beruhigt das Waschen den Patienten, hilft ihm dabei, emotionale Anspannung zu überstehen. Doch mit der Zeit nimmt dieses Waschen immer mehr zu, dauert nicht nur länger, sondern folgt auch schon genauen Abläufen. “Zum Beispiel erst den Daumen dreimal einseifen und abspülen, dann erst sind die anderen Finger dran. Man versucht sich gegen dieses Verhalten zu wehren, schafft es aber nicht”, so Peters. Betroffene wissen, dass dieses Verhalten unsinnig ist. Schließlich sind die Hände schon längst sauber –und trotzdem fordert der Zwang immer mehr Raum ein. “Je öfter man dem Zwang nachgibt, umso stärker und ausgeprägter wird das Verhalten.” Das Waschen kann solche Ausmaße annehmen, dass man sich drei Stunden oder länger waschen muss. Zu groß ist die Angst vor Bakterien, Viren und Krankheiten. Auch Ekelgefühle sind groß und nehmen Überhand.

Familie, Freunde, Kollegen und Bekannte: Auch das soziale Umfeld kann unter dieser Zwangsstörung leiden. “Wenn der Betroffene in einer Beziehung oder im Elternhaus lebt, bedeutet das erhebliche Einschränkung und Spannungen im häuslichen Ablauf, weil er stundenlang das Badezimmer blockiert. Das vermehrte Waschen kann auf Dauer auch Auswirkung auf die Schul- oder Arbeitswelt haben, weil der Betroffene immer öfter zu spät kommt”, erklärt Antonia Peters.

 

Welche Symptome gehen mit einem Waschzwang einher?

  • Panische Angst vor Krankheitserregern und Schmutz
  • Ständiges Waschen von Körper und Händen (z.B. mehrfaches und stundenlanges Duschen)
  • Wiederkehrende, ritualisierte Zwangshandlungen
  • Anhaltend große Anspannung
  • Angst- oder Ekelgefühle
  • Verwendung aggressiver Reinigungsmittel 
  • Nach jedem Waschgang kehrt die Furcht vor neuen Keimen zurück
  • Sozialer Rückzug aus Angst vor Körperkontakt und Keimen
 

Ursachen: Wodurch kann ein Waschzwang entstehen?

Zwangsstörungen können mehrere Ursachen haben. Zum einen ist die genetische Disposition möglich. “Das heißt, dass es eine Veranlagung in der Familie gibt. Eben, wenn mehrere Personen, wie Großmutter, Onkel oder Eltern ebenfalls an einer Zwangs- oder Angststörung leiden”, sagt die Zwangsexpertin. Aus neurobiologischer Sicht weiß man durch bildgebendes Verfahren, dass einige Hirnareale aktiver als andere sind. “Hier sei besonders der Botenstoff Serotonin erwähnt, der unter anderem unsere Emotionen regelt”, erklärt Peters. Mithilfe von Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (kurz: SSRIs) und Verhaltenstherapie könne dieses Ungleichgewicht wieder ausgeglichen werden.

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Laut der Expertin berichten viele Betroffene, dass es in ihrem Leben ein belastendes Ereignis gab, dass die Zwangsstörung ausgelöst hat. Zum Beispiel: Trennung der Eltern, Tod eines nahen Angehörigen, Mobbing, Schulwechsel, Missbrauchserfahrungen sowie strenge oder lässige Erziehungsmethoden der Eltern. “Die Zwangsstörungen helfen den Betroffenen zunächst, diese Situationen auszuhalten. Je länger der Zwang jedoch anhält, umso größere Ausmaße nimmt er an und verläuft auch häufig chronisch.”

 

Wie lässt sich ein Waschzwang therapieren?

Personen, die unter einem Waschzwang leiden, sollten sich jemanden anvertrauen und sich professionelle Hilfe holen. Es ist wichtig, das dies aus eigener Kraft geschieht und nicht durch Dritte. Ansonsten lässt sich die Zwangsstörung nur schlecht bewältigen. “Für den Waschzwang, wie für alle anderen Zwangsstörungen auch, ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen, die Therapie der ersten Wahl”, erklärt Vorsitzende Antonia Peters. Dabei wird der der Patient unter anderem mit seinen Ängsten konfrontiert.

Ein grober Einblick in den Ablauf: Zunächst erfolgt eine umfassende Aufklärung und Bearbeitung der Funktion des Zwanges. Wann ist er zum ersten Mal aufgetreten? Warum brauche ich ihn heute immer noch? Laut der Expertin wird der Betroffene dann an der Seite des Therapeuten üben, normal (ca. 1 Min.) seine Hände zu waschen. Es ist wichtig, dass bei den ersten ein bis zwei Expositionsbehandlungen der Therapeut dabei ist. “Dabei kann es sein, dass der Therapeut erst mal vormacht, wie man sich normal die Hände wäscht. Dann ist der Betroffene an der Reihe und versucht sich die Hände normal zu waschen”, so Peters. Dabei steigen innere Anspannung, Angst und Ekel meist extrem an. So stark, dass der Betroffene meint, es kaum aushalten zu können. “Der Therapeut unterstützt ihn dabei, spricht ihm Mut zu, fragt ihn nach aufkommenden Gefühlen, Befürchtungen und Gedanken – und hilft ihm, nicht erneut die Hände zu waschen.”

Im Laufe dieser Expositionsübung erlebt der Betroffene dann, dass die Anspannungen und Befürchtungen runtergehen. Bis sie schließlich ganz nachlassen. “Dieser Prozess kann zwischen ein bis zwei Stunden dauern”, führt Antonia Peters an. Der Therapeut sei während der gesamten Zeit anwesend, solange bis er das Gefühl hat, den Patienten alleine lassen zu können.

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Später wird der Betroffene angeleitet, diese Übungen eigenständig durchzuführen. Im günstigsten Fall jeden Tag eine Stunde. Warum? “Damit das Gehirn lernt, dass der Zwang keine Option mehr ist und das gesunde Verhalten gestärkt wird.”

Neben den Expositionsbehandlungen ist es in der Therapie wichtig, sich für jeden Erfolg zu loben. Das kann unterschiedlich und gemäß der Vorlieben des Patienten ausfallen – zum Beispiel das Lesen im Lieblingsbuch, ein gekochtes Abendessen oder ein Treffen mit Freunden. “Gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeitet der Betroffene neben Entspannungstechniken, Achtsamkeitsübungen und Strategien gegen Rückfälle”, erklärt Peters. Außerdem lernt er, wie er die neugewonnene Zeit, die vorher der Zwang eingenommen hat, mit beispielsweise Hobbys sinnvoll nutzen kann.

Bei gleichzeitig auftretenden Depressionen und/oder Angststörungen kommen auch Medikamente, SSRIs, Serotoninwideraufnahmehemmer zum Einsatz. “Diese können nur durch einen Psychiater verschrieben werden, der dann diese Behandlung engmaschig begleiten sollte.” Auch Familie und Freunde brauchen oftmals etwas Hilfe: Nach Absprachen mit dem Betroffenen können auch die Angehörigen zu einem Gespräch eingeladen werden und so Teil der Therapie werden. So erfahren sie, wie sie zukünftig mit der Situation umgehen sollen.

 

Was können Betroffene tun?

Betroffene und Angehörige können sich bei Verdacht erstmal an ihren Hausarzt wenden. Der kann dann weitere Schritte einleiten. Sie können sich auch direkt an die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. wenden. Die Anlaufstelle wurde 1995 gegründet. Das Besondere: Es setzen sich sowohl, Ärzte, Psychologen, als auch Betroffene und Angehörige gemeinsam für die Belange der Zwangserkrankten ein. “Wir informieren, beraten und unterstützen Menschen bei der Suche nach spezialisierten Psychotherapeuten, Kliniken und Selbsthilfegruppen”, sagt Antonia Peters. “Wichtig ist, es gibt Hilfe und keiner muss mit seiner Erkrankung alleine bleiben.” Weitere Informationen unter: www.zwaenge.de.  

Quellen: 

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