Was wir beim Lesen bisher falsch gemacht haben

Verena Elson Medizinredakteurin
Frau sitzt auf dem Boden und liest am Computer
Schwarze Schrift auf weißem Grund – das kann die Entstehung von Kurzsichtigkeit begünstigen, wie Forscher nun herausfanden © iStock/AleksandarNakic

Seit Jahrzehnten wird unsere Gesellschaft immer kurzsichtiger – und schuld daran könnte eine bestimmte Gewohnheit sein: Texte mit schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund zu lesen.

2014 fanden Mainzer Forscher heraus, dass das Risiko für Kurzsichtigkeit mit dem Bildungsgrad steigt. Der Grund ist laut Vermutung der Wissenschaftler, dass mangelnde Gelegenheiten, in die Ferne zu blicken, die Entstehung von Kurzsichtigkeit fördern. Weitere Studien bestätigen das: Wenn Kinder sich viel (mindestens 14 Stunden pro Woche) im Freien aufhalten, sinkt ihr Risiko, kurzsichtig zu werden.

Experten gehen davon aus, dass der ständige Blick auf kurze Distanz, also etwa in Bücher oder auf Bildschirme, das Wachstum des Augapfels anregt – und ein zu langer Augapfel führt zu Kurzsichtigkeit.

 

„Schwarz auf weiß“ verstärkt Wachstum des Augapfels

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Tübingen identifizierten in ihrer aktuellen Studie einen Faktor, der den Augapfel zusätzlich wachsen lässt: das Lesen von dunkler Schrift auf hellem Hintergrund. 

Die Forscher erklären das folgendermaßen: In der Netzhaut gibt es Zellen, die melden, wenn in einem bestimmten Wahrnehmungsbereich die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist (ON-Zellen). Andere wiederum registrieren, wenn die Mitte dunkler und die Umgebung heller ist (OFF-Zellen). Während unserer normalen Seherfahrung werden beide Zelltypen ähnlich stark gereizt – anders ist das beim Lesen von Texten.

Das Tübinger Team entwickelte eine Software, mit deren Hilfe sie ermitteln können, wie stark die ON und OFF-Zellen in bestimmten Situationen gereizt werden. Bei ihren Untersuchungen zeigte sich, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt, während heller Text auf dunklem Hintergrund vorrangig die ON-Zellen stimuliert.

Von früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmt, die Stimulation der OFF-Zellen es dagegen verstärkt.

 

Lesen im umgekehrten Kontrast schützt vor Kurzsichtigkeit

Bedeutet das, dass Lesen von schwarz auf weiß uns kurzsichtiger macht und das Lesen von weiß auf schwarz Kurzsichtigkeit verhindern kann? Um diese These zu überprüfen, ließen die Forscher Probanden an einem Bildschirm entweder dunklen Text auf hellem Hintergrund oder hellen Text auf dunklem Hintergrund lesen.

Anschließend maßen sie die Dicke der sogenannten Aderhaut der Testpersonen. Der Hintergrund: Eine Veränderung der Dicke dieser Schicht hinter der Netzhaut sagt vorher, wie das Wachstum des Augapfels in nächster Zeit fortschreiten wird. Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entstehung einer Kurzsichtigkeit hin, wird sie dicker, bleibt das Wachstum des Augapfels gehemmt und es entwickelt sich keine Kurzsichtigkeit.

Die Forscher konnten bereits nach 30 Minuten eine Verdünnung der Aderhaut feststellen, wenn die Probanden schwarz auf weiß lasen. Lasen sie Texte im umgekehrten Kontrast, wurde die Aderhaut dicker.

Als nächstes wollen die Tübinger Wissenschaftler ihre Ergebnisse in einer Studie mit Schulkindern überprüfen. Sie gehen jedoch davon aus, dass das Umkehren des Textkontrasts eine einfache Möglichkeit wäre, die Kurzsichtigkeitsepidemie in unserer Gesellschaft aufzuhalten. 

 

Google mit schwarzem Hintergrund – spart Strom und schont die Augen

Den Kontrast bei allen Texten umzukehren, gestaltet sich im Alltag zunächst schwierig. Doch der Anfang lässt sich mit Textverarbeitungsprogrammen wie Word machen (z.B. über Format – Rahmen und Schattierungen)  – und mit der „dunklen“ Version der Suchmaschine Google namens Blackle. Diese wurde 2007 eingeführt, um es Nutzern zu ermöglichen, den Stromverbrauch ihres Computermonitors zu senken.

Quelle:
Aleman, A. C., Wang, Min & Schaeffel, Frank (2018): Reading and Myopia: Contrast Polarity Matters, in: Scientific Reports.

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