Was steckt hinter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom?

Rasmus Cloes Medizinredakteur
Junge will keine Tabletten nehmen
Den eigenen Kindern Medikamente zu geben, die diese nicht brauchen, ist eine Ausprägung des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms © Fotolia

Eine Mutter sitzt monatelang am Krankenbett ihres dreijährigen Sohnes. Sie scheint ihn aufopferungsvoll zu pflegen. Lange rätseln die Ärzte, was den Jungen so schwer erkranken ließ. Eine Weile lang vermuten sie, es könnte eine besondere Form der Leukämie sein.

Bis sie im Krankenzimmer des Kindes Flaschen finden, die mit den gleichen Bakterien wie das Blut des Kindes verunreinigt sind. Dann kommt ihnen ein schrecklicher Verdacht: Vergiftet die Mutter ihren Sohn absichtlich?

Wie erkennt man das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom?

Es ist schwierig, diese Täuschungen zu beweisen. Verdacht schöpfen sollte man, wenn der Arzt unplausible, atypische Befunde feststellt. Oder wenn die Mutter eine Gelassenheit zeigt, die nicht zur Diagnose der Krankheit passt. Und auch wenn sich die Symptomatik des Kindes bessert, sobald es von der Mutter getrennt ist.

Ärzten ist ein solches Verhalten als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bekannt. Eine seltene Form von Kindesmisshandlung. Mütter benutzen ihre Kinder, um Aufmerksamkeit und Zuwendung von anderen Menschen und Ärzten zu bekommen – sie machen ihre Kinder krank. Auf unterschiedliche Weise: Es gibt Mütter, die ihren Kindern Medikamente geben, die sie gar nicht brauchen. Oder sie halten ihnen ein Kissen auf das Gesicht und berichten über einen Atemstillstand. Oder sie infizieren Wunden wieder und wieder mit Schmutz. In nur etwa 10 Prozent der Fälle ist der Vater der Täter.

Auch in dem aktuellen Fall wusste der Vater von nichts. Die Ärzte berichteten ihm im Beisein seiner Frau von ihrem schrecklichen Verdacht. Der wollte ihnen zunächst nicht glauben – bis er merkte, wie still seine Frau blieb. Laut NDR Info gab die Mutter daraufhin gegenüber ihrem Mann die Taten zu. Demnach soll sie ihrem Sohn über Monate Injektionen mit verdünntem Kot, Urin, Speichel und abgestandenem Wasser gespritzt haben.

Noch am selben Tag wird sie in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert. Jetzt muss sie sich vor Gericht verantworten. Laut Staatsanwaltschaft drohen ihr bis zu 15 Jahre Haft. Ihr Sohn ist heute zum Glück wieder gesund.

 

Diplom-Psychologe Michael Schellberg beantwortet die wichtigsten Fragen

Wie kommt es zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom?

Die Ursachen sind nicht bekannt. Es handelt sich um eine Sonderform des Münchhausen-Syndroms, bei dem man sich selbst Schaden zufügt, und es gehört zu den Persönlichkeitsstörungen. Dabei sind Zwänge und das Bedürfnis nach medizinischer Aufmerksamkeit extrem stark ausgeprägt.

Lieben daran erkrankte Mütter ihre Kinder überhaupt?

Die Schwere der Erkrankung mindert unter anderem Emotionen, Denken, Verantwortungsbewusstsein und den Realitätsbezug. Möchte ein Mensch mit schweren Depressionen das Leben genießen? Höchstwahrscheinlich ja, doch er kann es nicht.

Wissen die Erkrankten, dass sie ihren Kindern schaden?

Die Schädigung ist nicht ihre bewusste Intention.

Wie kann das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom therapiert werden?

Zuerst ist wichtig, dass der Schutz der geschädigten Personen absoluten Vorrang hat! Sehr häufig entziehen sich die Erkrankten einer Diagnostik und Therapie, wechseln oft den behandelnden Arzt. Kommt es tatsächlich zu einer psychologischen Diagnostik und konsequenten Therapie, so greifen Psychopharmaka und Psychotherapie.

Hamburg, 29. Juni 2015

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.