Corona-Escape-Varianten: Warum sind Fluchtmutationen so gefährlich?

Ines Fedder Medizinredakteurin

Was sind Corona-Escape Varianten? Und warum sind Fluchtmutationen wie Omikron eigentlich so gefährlich? Alle Infos zur Verbreitung, Impfungen und Prognosen hier.

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Immer häufiger fällt im Zusammenhang mit den aktuellen Corona-Entwicklungen der Begriff „Escape-Varianten“ oder auch „Escape Flucht-Mutationen“. Aber was genau bedeutet das überhaupt? Und worin liegt die Gefahr?

 

Was ist eine Escape-Variante des Coronavirus?

Unter der sogenannten „Escape-Variante“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie versteht man eine Veränderung, also eine Mutation des ursprünglichen SARS-CoV-2 Virus, die eine Bekämpfung des Virus durch das Immunsystem erschwert, beziehungsweise verhindert. Escape-Mutationen sind Flucht-Varianten, auf die das Immunsystem noch nicht vorbereitet ist. Das Virus hat sich dabei so verändert, dass sich trotz der Verbreitung von Antikörpern die Virus-Zellen weiter vermehren können.

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Wie entstehen Corona-Escape-Mutationen?

Bei der Übertragung der Viren auf einen neuen Wirt kann sich das Virus verändern, also mutieren. So geschehen bei der hierzulande dominanten Delta-Variante oder jetzt neu auftretenden Omikron-Variante. Neue Virus-Varianten entstehen immer dann, wenn es viele Neuinfektionen gibt, da das Virus sich immer möglichst schnell und breit vermehren will – auch bei schon bestehendem Immunschutz durch zum Beispiel eine bereits durchgemachte Corona-Infektion oder eine Impfung.

Es verändert sich also dahingehend, dass auch neutralisierende Antikörper ihre Wirkung verlieren oder sie zumindest verringert wird.

 

Worin besteht die Gefahr bei Flucht-Mutationen?

Die allergrößte Gefahr bei den neu aufkommenden Escape-Varianten der SARS-CoV-2 Viren besteht in einer sogenannten Reinfektion, das heißt, dass man sich mehrmals mit dem Virus anstecken kann. Eine Herden-Immunität ist so nicht mehr möglich, da die Escape-Mutationen die Immunantwort des Körpers trotz bereits entwickelter Antikörper umgehen können.

Eine der bekanntesten Fall-Beispiele ist Manaus in Brasilien. Hier verbreitet sich die sogenannte Escape-Mutation P.1 rasant schnell, obwohl viele in der Bevölkerung bereits einmal an dem Coronavirus erkrankt waren. Einen bestehenden Immunschutz gibt es hier kaum. Eine weitere Gefahr droht, wenn die hier zugelassenen Impfstoffe an Wirkung verlieren.

 

Welche SARS-CoV-2-Escape-Mutationen sind bereits bekannt?

Mutationen des Corona-Wild-Virus werden natürlich nur dann festgestellt, wenn Mediziner:innen die auftretenden Coronaviren auch sequenzieren. Man kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass die aktuell bekannten Escape-Varianten die einzigen sind, die es bisher gibt, geschweige denn, dass sich nicht noch mehr entwickeln.

Die bisher bekanntesten Escape-Varianten waren bis vor Kurzem noch die Südafrikanische Corona-Variante B.1.351, auch 501Y.V2 genannt, und die brasilianische Mutante P.1. Nun macht eine neue Corona-Variante aus Südafrika von sich reden - die Omikron-Variante. Die WHO stuft bei ihr das Risiko als besonders hoch ein.

 

Omikron-Fluchtmutation B.1.1.529 aus Südafrika 

Mitte November informierten Forscher:innen aus Afrika die Welt über eine neue Corona-Variante - die Omikron-Variante B.1.1.529. Nach Bekanntwerden der signifikanten Merkmale zeigte sich rasch, dass es die Mutation schon in mehrere Länder geschafft hat und sich auch dort derzeit rasant verbreitet. Unter anderem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Die südafrikanische Immun-Fluchtvariante B.1.1.529 soll knapp 50 Mutationen in sich tragen, darunter viele im sogenannten Spike-Protein, bei dem die Impfstoffe ansetzen, um eine Immunantwort zu provozieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei Omikron also eine Schwächung der Impfstoffe erfolgt, liegt Nahe. Nun müssen Labor-Tests beweisen, ob und wie sicher die hier zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Co. überhaupt noch sind. 

Neben Omikron gibt es noch weitere Corona-Varianten aus Südafrika, die bereits Merkmale einer Fluchtmutation aufwiesen - bei keiner jedoch wurden bisher so viele Mutationen festgestellt.

 

Südafrikanische Corona-Variante B.1.351

Die Südafrikanische Corona-Mutation B.1.351 wurde bereits erstmals im Dezember vergangenen Jahres in Südafrika festgestellt. Von dort verbreitete sie sich nach Australien, Europa und Südamerika. Laut Informationen der „Pharmazeutischen Zeitung“ trat die Mutation bisher in 40 Ländern auf. Im Januar schwappte sie erstmals nach Deutschland. 

Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Escape-Variante aus Südafrika zwar ansteckender, jedoch nicht tödlicher. Sie weist im Verlgeich zur neuen Omikron-Variante nur acht charakteristische Mutationen im sogenannten „Spike-Gen“ auf. Das ist das Gen, an dem auch die Impfstoffe ansetzen. Dadurch, dass es sich hier um eine Fluchtmutation (Escape-Variante) handelt, ist die Gefahr einer Reinfektion deutlich höher.

Auch die Wirkung der Impfstoffe ist nach ersten Erkenntnissen geringer, da diese darauf basieren, Antikörper herzustellen. Die Escape-Viren „entkommen“ jedoch den neutralisierenden Antikörpern. 

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Brasilianische Variante P.1

Die brasilianische Corona-Variante P.1 zählt ebenfalls zu den sogenannten Escape-Mutationen. Sie wurde im Januar erstmals bei vier Reisenden aus Japan entdeckt, die aus Brasilien einreisen wollten. Besonders häufig ist die Mutation derzeit im Amazonas zu finden. Die Mutation hat hier gravierende Auswirkungen auf das Pandemie-Geschehen. Bis jetzt soll sie sich bereits in 20 weitere Länder verbreitet haben.

Expert:innen sehen in der Mutation P.1 viele Gemeinsamkeiten mit der Mutation B.1.351 aus Südafrika. Insgesamt fand man bei P.1 17 Mutationen, davon zehn allein im Spike-Protein. Auch hier wurde eine höhere Infektiosität festgestellt. Und ähnlich wie bei der Südafrikanischen Variante besteht auch eine geringere Wirkung der Impfstoffe.

 

Wo breiten sich die Corona-Mutationen besonders stark aus?

In welchen Ländern sich die aktuellen Corona-Mutationen besonders stark ausbreiten, darüber gibt die Homepage covariants.org Auskunft. Zudem informiert das Robert Koch-Institut über den aktuellen Stand der Corona-Mutationen in Deutschland.

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Escape Varianten und Immunität: Was bedeutet das für die Corona-Impfung?

Die Frage, ob die bereits zugelassenen Impfstoffe noch genauso wirken, ist nicht eindeutig wissenschaftlich belegt – bzw. es gibt unterschiedliche Studien zu den Impfstoffen. Die Befürchtung, dass die Impfstoffe jedoch nicht so gut wirken, wird von vielen Expert:innen geteilt.

Es gibt allerdings auch Entwarnung bei einigen Varianten. So hat eine Studie der Universität Oxford evaluiert, dass die Impfstoffe von Biontech und auch von AstraZeneca gegen die brasilianische Virus-Variante P.1 und auch gegen die Mutation B.1.351 aus Südafrika dennoch wirken, wenn auch weniger als bei der Ursprungs-Variante. „Die Daten legen nahe, dass natürliche und impfstoffinduzierte Antikörper diese Varianten immer noch neutralisieren können, jedoch in geringeren Mengen“, so heißt es in der Studie.

Fest steht, bei den sogenannten Escape-Varianten ist eine Ansteckung, auch wenn man geimpft ist oder bereits durch eine zurückliegende Erkrankung Antikörper gebildet hat, wesentlich wahrscheinlicher als beim Wild-Typ des Virus oder der britischen Corona-Mutation B.1.1.7

 

Wegen Mutationen: Bringt eine Impfung denn überhaupt noch etwas?

Eine Impfung gegen das Coronavirus ist dennoch sinnvoll. Sie verhindert, dass sich das Virus weiter ausbreitet und mutiert. Je länger es jedoch dauert, bis ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Virus schneller mutiert und die Impfstoffe gegebenenfalls an Wirkung verlieren.

Expert:innen sind daher alarmiert. So erklärte Viola Priesemann, Physikerin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, dass „im schlimmsten Fall sich eine Variante entwickelt, die uns zwingt, mit dem Impfen wieder bei Null anzufangen.“ Auch Kanzleramtschef Helge Braun äußerste sich zuletzt ähnlich in den Medien: „Wenn jetzt parallel zum Impfen die Infektionszahlen wieder rasant steigen, wächst die Gefahr, dass die nächste Virus-Mutation immun wird gegen den Impfstoff.“ 

Mit der neuen Virus-Variante Omikron aus Südafrika scheint sich diese Befürchtung nun zumindest ansatzweise zu bestätigen. Impfstoff-Hersteller wie Biontech oder Moderna kündigten jedoch bereits an, ihre Impfstoffe möglichst schnell zu modifizieren, sodass die neuen Impfstoffe schnell zum Einsatz kommen könten.

 

Corona-Impfung jedes Jahr auffrischen?

Ein Forscher-Team rund um Christian Drosten, Leiter der Virologie der Charité in Berlin, ging bereits vor Monaten davon aus, dass man sich zukünftig – ähnlich wie bei der Grippe-Impfung – regelmäßig gegen das Coronavirus impfen lassen muss. Da die hier zugelassenen Impfstoffe gegen die dominierende Delta-Variante bereits an Wirkung nachgelassen haben und es aktuell flächendeckend zu Booster-Imfpungen kommt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auf die dritte Impfung noch weitere folgen. Vor allen Dingen jetzt, da man mit der Verbreitung der Omikron-Mutation in Europa damit rechnen muss, dass die Impfstoffe weiter an Wirkung verlieren. 

Die zugelassenen Impfstoffe müssen also regelmäßig angepasst und aktualisiert werden, damit diese Updates für die neuen Virus-Varianten erhalten. „Nach einigen Jahren ist jedoch eine längere Haltbarkeit der Impfstoffe zu erwarten“, heißt es in einer Mitteilung des Drosten-Teams zu einer Mitte März im Fachmagazin „Virus Evolution“ erschienenen Studie.

Ein Vorteil im Vergleich zu Grippeviren sei jedoch, dass die Coronaviren wesentlich langsamer mutieren. Die optimistische These der Forscher: Sars-CoV-2 wird sich zwar weiter verändern, sobald das Infektionsgeschehen jedoch zurückgehen, wesentlich langsamer.

Escape-Varianten, oder auch Escape-Flucht-Mutationen sind im Hinblick auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie also ein wichtiger Faktor, da sie mit fortschreitender Häufigkeit ein Abebben des Infektionsgeschehens immer unwahrscheinlicher machen.

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Quellen:

Escape-Mutationen machen Sorgen, in: pharmazeutische-Zeitung.de
Warum die Corona-Varianten so besorgniserregend sind, in: deutsche-apotheker-zeitung.de
Was wir über die Virusvariante P1 wissen, in: zdf.de
Virusvarianten im Überblick, in: pharmazeutische-zeitung.de
Was wir über die Virusvariante P.1 wissen, in: zdf.de
Drosten-Team ist Mutationen auf der Spur, in: rnd.de
Cele, S., Gazy, I., Jackson, L., Hwa, S. H., Tegally, H., Lustig, G., ... & Sigal, A. (2021). Escape of SARS-CoV-2 501Y. V2 variants from neutralization by convalescent plasma. MedRxiv.
Dejnirattisai, W., Zhou, D., Supasa, P., Liu, C., Mentzer, A. J., Ginn, H. M., ... & Screaton, G. R. (2021). Antibody evasion by the Brazilian P. 1 strain of SARS-CoV-2. bioRxiv.

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