Was ist eine Agoraphobie und wie wird sie behandelt?

Redaktion PraxisVITA

Menschen mit Agoraphobie haben starke Angst vor Orten oder Situation, denen sie im „Ernstfall“ nicht schnell entfliehen können, etwa vor dem Kinobesuch, dem Warten auf dem Bahnsteig oder dem Anstehen in der Supermarkt-Schlange. Sie fürchten Panikattacken und Kontrollverlust. Die gute Nachricht: Lassen sich Betroffene rechtzeitig behandeln, so haben sie gute Chancen, ihre Angst auf Dauer in den Griff zu bekommen.

Frau mit Agoraphobie
Menschen mit Agoraphobie ziehen sich zurück. Einige verlassen ihr Haus nur noch, wenn es sich nicht vermeiden lässt Foto:  istock/KatarzynaBialasiewicz
Inhalt
  1. Symptome
  2. Ursachen
  3. Diagnose
  4. Behandlung
  5. Vorbeugen
Was ist Agoraphobie?

Agoraphobie ist eine Angststörung. Betroffene haben Angst, sich an öffentlichen und abgeschlossenen Orten wie in großen Menschenmengen, in Geschäften, Bussen oder in Flugzeugen aufzuhalten – und sich dort im Falle eines Angstschubs nicht angemessen verhalten zu können und der Situation nicht entkommen zu können. Also eine Angst vor der Angst, die häufig in Verbindung mit Panikattacken vorkommt.

 

Agoraphobie: Welche Symptome treten auf?

Bei einer Agoraphobie treten vor allem Symptome auf, wenn Betroffene ihr gewohntes Umfeld verlassen und sich in potentiell angstauslösende Situationen begeben. Typische Beschwerden sind Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche oder Erstickungsgefühle, die sich bis hin zu Panikattacken mit Todesangst aufschaukeln können.

Wer eine Agoraphobie hat, der hat große Angst vor eigentlich harmlosen Situationen oder Orten, denen er im Ernstfall nicht schnell genug entfliehen kann und an denen ärztliche Hilfe nicht direkt verfügbar ist. Immer schwingt auch die Angst mit, sich zu blamieren, wenn Symptome auftreten oder es sogar zu einer Panikattacke kommt. Die Gefahr steigt immer dann, wenn Menschen mit Agoraphobie ihr sicheres Zuhause oder allgemein das gewohnte Umfeld verlassen.

Agoraphobie am Bahnhof
Menschen mit Agoraphobie haben Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln, wie z.B. Bahn oder Bus © istock/GCShutter

Betroffene haben zum Beispiel Angst, sich in großen, weiten Räumen oder an öffentlichen Plätzen aufzuhalten. Auch öffentliche Verkehrsmittel wie Bus, Bahn oder Flugzeug machen vielen Agoraphobikern Angst. Hinzu kommen Konstellationen, in denen sich Situation und Ort mischen. Beispiele sind das Anstehen in der Schlange im Supermarkt und die Angst vor Menschenmassen in großen Kaufhäusern, etwa in der Vorweihnachtszeit. Auch Reisen können Angst machen – oder ganz allgemein, von zu Hause weg zu sein.

Krankheiten & Symptome Angst und Angststörung (Phobie)

Angst vor Kontrollverlust

Hinter allen Befürchtungen steckt die Angst vor Kontrollverlust und die Furcht davor, bestimmten Orten und Situationen nicht entfliehen zu können.

In diesem Zusammenhang befürchten Menschen mit Agoraphobie zum Beispiel oft, dass sie:

  • einen Herzanfall bekommen,
  • ohnmächtig werden,
  • Panik bekommen
  • verrückt werden
  • oder ihre Blase oder den Stuhlgang nicht halten zu können.
Agoraphobie – welches Symptom ist typisch?

Charakteristisches Symptom einer Agoraphobie – ist wie bei den meisten anderen Angststörungen auch – ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Im Falle der Agoraphobie meiden Betroffen Orte und Situationen, die ihnen Angst machen oder die bedrohlich erscheinen.

Daraus entwickelt sich ein Teufelskreis: Die Angst steigert das Vermeidungsverhalten und das Vermeidungsverhalten verstärkt die Angst. Beide Faktoren schaukeln sich im schlechten Fall gegenseitig hoch. Menschen mit Agoraphobie entwickeln in diesem Zusammenhang eine ausgeprägte Erwartungsangst, die geradezu lähmend sein kann.

Angst vor der Angst verstärkt Phobie

Durch die Angst vor der Angst wird die Phobie immer stärker, so dass sie sich im Extremfall in alle Lebensbereiche ausbreitet und die Lebensqualität stark einschränkt. Typisch ist auch, dass sich Menschen mit Agoraphobie ihrer Angst schämen, denn eigentlich wissen sie ja, dass diese unbegründet ist. Es handelt sich schließlich um Orte und Situationen, die objektiv betrachtet harmlos sind. Gleiches gilt für die Agoraphobie-Symptome. Auch hierfür schämen sie sich.

Viele können sich potentiell angstauslösenden Situationen nur noch in Begleitung eines vertrauten Menschen stellen, der ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Andere stellen sich den Situationen alleine, müssen dabei jedoch starke Ängste ausstehen, die zehrend und kräfteraubend sind. Für beide Gruppen gilt: Sie versuchen in Frage kommende Situationen nach Möglichkeit zu umgehen.

Agoraphobie-Auslöser von Mensch zu Mensch verschieden

Die auslösenden Orte und Situationen variieren von Mensch zu Mensch. Manche haben panische Angst vor dem Einkauf im Supermarkt, andere vor Reisen an weit entfernte Urlaubsorte. Die Konsequenz ist in allen Fällen die gleiche: Der Aktionsradius schränkt sich ein, mitunter dramatisch. Die Ängste von Menschen mit Agoraphobie können so stark werden, dass sie befürchten, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu bekommen, das Bewusstsein zu verlieren oder wahnsinnig zu werden – obwohl sie körperlich gesund sind.

Krankheiten & Symptome Herzinfarkt

Agoraphobie tritt oft im jungen Erwachsenenalter auf

Eine Agoraphobie tritt meistens erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf und trifft vor allem Frauen. Laut Schätzungen bekommen in Deutschland rund fünf Prozent der Menschen irgendwann in ihrem Leben eine Agoraphobie. Die meisten von ihnen wissen, dass ihre Angst eigentlich unbegründet ist und sie schämen sich für ihre Phobie. Bis zur Diagnose verstreicht in der Regel viel Zeit.

Dabei ist eine frühe Diagnose wichtig, denn ohne Therapie verläuft eine Agoraphobie oft chronisch und verschlimmert sich. Die Zahl der angstmachenden Situationen nimmt kontinuierlich zu und mit ihr das Vermeidungsverhalten. Gleichzeitig sinkt die Lebensqualität, weil Betroffene immer weniger unternehmen und zudem die Freude an Unternehmungen aufgrund der Agoraphobie zunehmend sinkt.

Verhaltenstherapie hilft

Bei der Behandlung der Agoraphobie zeigt vor allem die Verhaltenstherapie gute Erfolge – häufig kombiniert mit Medikamenten. Im Rahmen der Therapie lernen Betroffene Stück für Stück, ihre Ängste zu erkennen und sie kontinuierlich abzubauen. Hierzu stellen sie sich gezielt den Situationen und Orten, die die Ängste auslösen. So erfahren und spüren sie immer mehr, dass diese unbegründet sind.

Medizinisch betrachtet, gehört die Agoraphobie zur Gruppe der Angststörungen. Wie für alle anderen Phobien gilt auch hier: Betroffene leiden an unangemessenen Ängsten – im Falle der Agoraphobie vor harmlosen Orten und Situationen. Weitere Beispiele für Phobien sind etwa die Angst vor Spinnen oder Flugangst.

Panikattacken im Flugzeug
Krankheiten & Symptome Wie entsteht Flugangst (Aviophobie) und was hilft?

Platzangst und Agoraphobie sind nicht dasselbe

Umgangssprachlich wird die Agoraphobie als Platzangst bezeichnet. Der Begriff „agora“ stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt „Marktplatz“, was in diesem Fall die Angst vor weiten Plätzen bedeutet. Die Platzangst macht jedoch nur einen Teil der Agoraphobie aus: Denn Menschen mit Agoraphobie fürchten sich nicht nur vor weiten Plätzen. Sie haben auch Angst vor anderen Situationen und Orten, die mit weiten Plätzen wenig zu tun haben (z.B. Kino oder Supermarkt).

Zudem wird der Begriff „Platzangst“ oft fälschlicherweise für die Angst in geschlossenen, engen Räumen benutzt, etwa im Fahrstuhl. Diese wird jedoch als Klaustrophobie bezeichnet und ist das genaue Gegenteil von der Angst vor weiten Plätzen.

Agoraphobie auf dem Flohmarkt
Der Begriff „agora“ stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt „Marktplatz“, was in diesem Fall die Angst vor weiten Plätzen bedeutet © istock/FilippoBacci

Wer eine Agoraphobie hat, der entwickelt oft zusätzlich eine Panikstörung. Betroffene leiden unter wiederkehrenden, plötzlichen Panikattacken mit Beschwerden wie Herzrasen, Ohnmachtsgefühlen, Schweißausbrüchen und Todesangst.

Panikattacken einer Frau
Krankheiten & Symptome Was sind Panikattacken?

 

Agoraphobie: Was sind die Ursachen?

Bei einer Agoraphobie spielen verschiedene Ursachen zusammen, um diese Form der Angststörung auszulösen. Eine gewisse Anfälligkeit zählt hier ebenso zu den Auslösern, wie erlerntes Verhalten oder bestimmte Botenstoffe im Gehirn.

Grundsätzlich gilt: Angst ist gut und (überlebens-)wichtig. Sie schützt uns zum Beispiel vor riskanten Verhaltensweisen oder leichtsinnigen Entscheidungen. Bei der Agoraphobie ist die Angst – wie bei allen anderen Phobien auch – derart ausgeprägt und überschießend, dass sie von außen betrachtet, nicht nachzuvollziehen ist. Schließlich handelt es sich um Orte und Situationen (z.B. Kino, Supermarkt oder Bahnsteig), die eigentlich ungefährlich sind.

Agoraphobie: Angst wird auch gelernt

Was also sind die Ursachen für die Ängste, die bei der Agoraphobie auftreten? Ein Faktor ist sicherlich, dass bestimmte Menschen aufgrund ihres Naturells anfälliger für eine Agoraphobie sind. Eine gesteigerte Ängstlichkeit ist hier teilweise genetisch bedingt. Auch die eigene Biographie kann hier reinspielen. Wer etwa mit einer ängstlichen Mutter groß geworden ist, der wird ängstliches Verhalten von der Mutter „lernen“, ohne sich dessen bewusst zu sein. Schicksalsschläge oder anstrengende Lebensphasen können ebenfalls eine Agoraphobie begünstigen, etwa eine Scheidung, finanzielle Not, der Tod eines nahen Angehörigen oder Arbeitslosigkeit.  

Agoraphobie durch Schicksalsschlag
Schicksalsschläge können die Entstehung einer Agoraphobie begünstigen © istock/grinvalds

Experten gehen heute davon aus, dass der Weg zur Phobie, also auch der zu Agoraphobie, über mehre Zwischenschritte erfolgt, die zum Teil aufeinander aufbauen. Ein Beispiel: Ein anfälliger Mensch gerät in eine harmlose Situation und macht dort eine schlechte Erfahrung. Diese Erfahrung verstärkt das Vermeidungsverhalten und das Vermeidungsverhalten seinerseits die Angst. Die eigentlich wichtige Erfahrung, nämlich, dass die Angst unbegründet ist, kann nicht mehr gemacht werden. Denn schließlich verhindert die Angst, sich der Situation erneut zu stellen.

Agoraphobie: Symptome verstärken Angst

Hinzu kommen körperliche Beschwerden, die die Angst stärken, zeigen sie doch, dass etwas nicht stimmt. Sie sind ein wichtiger Faktor für die Aufrechterhaltung der Agoraphobie. Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche, Erstickungsgefühle oder Zittern werden zu Recht als bedrohlich empfunden, was die Angst zusätzlich stärkt. Betroffene realisieren nicht, dass die Angst die Ursache ihrer Beschwerden ist. Die auftretenden Symptome können sich bis zur Panikattacke mit Todesangst auswachsen – und sind körperlich betrachtet trotzdem harmlos.

Krankheiten & Symptome Angststörung-Symptome können Panik auslösen

Neurobiologen gehen außerdem davon aus, dass bestimmte Botenstoffe im Gehirn aus dem Lot geraten. Zu ihnen gehören Gamma-Aminobuttersäure (GABA), Noradrenalin und Serotonin. Außerdem ist bei Menschen mit einer Angststörung das sogenannte limbische System und hier speziell der Mandelkern (Amygdala) besonders aktiv. Er verarbeitet vor allem Gefühle. Eine weitere Gehirnregion, der Hippocampus, ist ebenfalls außerordentlich aktiv. Er ist für die Gedächtnisbildung verantwortlich. Außerdem sind verschiedene Hormone an der Entstehung einer Angststörung wie der Agoraphobie beteiligt, zum Beispiel Kortisol.

Psychoanalytiker gehen dagegen oder ergänzend davon aus, dass sich starke Angst aus inneren Konflikten entwickelt, die nicht gelöst werden können. Hier herrscht die Ansicht, dass Menschen mit einer Phobie nie gelernt haben, mit Angst richtig umzugehen. Daher sind sie in Konflikten häufig überfordert und sie werden von Ängsten aus der Kindheit dominiert.

 

Wie wird bei Agoraphobie die Diagnose gestellt?

Wer von einer Agoraphobie betroffen ist, der hat nicht selten einen langen Leidensweg hinter sich. Dabei ist eine frühe Agoraphobie-Diagnose wichtig, um zu verhindern, dass die Krankheit chronisch wird.

Oft vergeht viel zu viel Zeit, bis bei einer Agoraphobie die Diagnose gestellt wird. Das gilt besonders dann, wenn sich die Phobie nur durch körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Ohnmachtsgefühle zeigt. Nicht selten stellt der Arzt eine Fehldiagnose, weil er die Ursache verständlicherweise im Körper und nicht in der Psyche der Betroffenen sucht.

Vermutet der Arzt (oder Therapeut) eine Phobie wie die Agoraphobie, so wird er in einem ausführlichen Gespräch verschiedene Dinge erfragen. Er wird zum Beispiel wissen wollen, welche Beschwerden seit wann vorliegen, wo diese auftreten und ob der Betroffene gezielt Orte oder Situationen meidet.

Körperliche Ursachen ausschließen

Für die richtige Agoraphobie-Diagnose ist vor allem eines wichtig: Steht die Angst als Gefühl im Vordergrund oder tritt sie „nur“ begleitend auf, etwa bei psychischen Krankheiten wie zum Beispiel einer Depression. Zudem muss der Arzt körperliche Ursachen ausschließen, die auch für die Beschwerden verantwortlich sein können.

Eine depressive Frau lehnt an der Wand
Natürlich gesund Die 6 Stufen einer Depression

Denn bestimmte Krankheiten wie Schilddrüsenüberfunktion oder Angina pectoris (Herzenge) können ähnliche Symptome auslösen. Gleiches gilt für bestimmte Medikamente. Für seine Untersuchungen wird er die Schilddrüsenwerte bestimmen, Blut abnehmen oder ein EKG durchführen.

Wichtig für Agoraphobie-Diagnose, aber auch die Therapie sind Angsttagebücher. Betroffene dokumentieren hier, wie oft, wann, wie stark und in welchen Situationen bzw. an welchen Orten sich die Angst gezeigt hat. Sie sind auch für den Therapeuten wichtig, der seine Behandlung so individueller und genauer planen kann.

Angsttagebuch gegen Agoraphobie
Angsttagebücher sind eine wertvolle Ergänzung für die Therapie der Agoraphobie © istock/Christian Horz
 

Agoraphobie: Wie sieht die Therapie aus?

Für die Agoraphobie-Therapie gilt: Je früher sie beginnt, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Besonders bewährt hat sich die Verhaltenstherapie oft kombiniert mit bestimmten Medikamenten. Durch die Behandlung haben die Betroffenen gute Chancen auf baldige Besserung.

Wer unter einer Agoraphobie leidet, der sollte sich so schnell wie mögliche in eine adäquate Therapie begeben. Das erhöht die Chance, die Angststörung rasch wieder in den Griff zu bekommen. Bei der Agoraphobie ist eine Verhaltenstherapie besonders wirksam. Sie ist eine Form der Psychotherapie. Auch Medikamente können Teil des Behandlungskonzepts sein. Wie genau die Agoraphobie-Therapie aussieht, hängt von Wartezeiten auf Therapieplätze, möglichen Zusatzkosten und natürlich den Wünschen der Betroffenen ab.

Agoraphobie-Therapie mittels Verhaltenstherapie

Bei Menschen mit Agoraphobie zielt die Verhaltenstherapie vor allem darauf ab, dass Betroffene die angstauslösenden Situationen und Orte künftig nicht mehr meiden. Zudem vermittelt der Therapeut Menschen mit einer Agoraphobie notwendiges Wissen für ein besseres Verständnis der eigenen Krankheit. Zum Beispiel verdeutlicht er, welche Denkprozesse die Angst erhalten und stärken. Er macht bewusst, wie Gedanken und Gefühle das Verhalten beeinflussen oder gar bestimmen.

Betroffene lernen im Rahmen der Agoraphobie-Therapie, negative Gedankengänge schon in den Anfängen zu erkennen und zu stoppen. Falsche, unproduktive Denkmuster werden durch Übungen Stück für Stück korrigiert. Teil der Agoraphobie-Therapie sind sogenannte Expositionsverfahren: Hierbei stellen sich Betroffene bewusst und unter therapeutischer Anleitung der Angstsituation. Mit der Zeit wird spürbar, dass die Angst nachlässt und dass es eigentlich keinen Grund für sie gibt. Denn Situation und Ort sind objektiv betrachtet harmlos. Die Patienten fühlen sich immer angstfreier. Falls die Angst sehr stark ist, bietet sich die Möglichkeit den angstmachenden Ort erstmal in Gedanken zu besuchen.

Psychodynamische Psychotherapie alternativ zur Verhaltenstherapie

Die Psychodynamische Psychotherapie ist eine tiefenpsychologische Therapieform. Hier finden Menschen mit Agoraphobie in der Therapie gemeinsam mit ihrem Therapeuten heraus, welche Konflikte hinter der Agoraphobie stecken. Psychische Spannungen können so bewusst gemacht und gelindert werden. So können die Angstattacken einer Agoraphobie beispielsweise Ausdruck unterdrückter Gefühle sein. Die Therapie öffnet den Betroffenen die Tür zu ihren unterbewussten Gefühlen. Sie realisieren, dass ungelöste Konflikte hinter ihren Angstanfällen stecken. Die Psychodynamische Psychotherapie ist eine Form der Psychotherapie, die stark der Psychoanalyse ähnelt.

Agoraphobie-Therapie mit Medikamenten

Bei der Agoraphobie-Therapie mit Medikamenten setzen Ärzte und Psychiater besonders Antidepressiva ein. Diese wirken aber nicht mit der ersten Einnahme. Vielmehr brauchen sie einige Wochen, bis die Konzentration im Körper so hoch ist, dass sie ihre Wirkung entfalten können. Antidepressiva wirken angstlösend und sie beruhigen.

Antidepressiva gegen Agroraphobie
Bei der Behandlung von Agoraphobie mit Medikamenten setzen Ärzte und Psychiater besonders Antidepressiva ein © istock/pjjones

Je nach verwendetem Wirkstoff greifen sie an unterschiedlichen Stellen in den Gehirnstoffwechsel ein und verändern die Konzentrationen der Botenstoffe zwischen Nervenzellen. Denn gerade für die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin gilt: Ihre Konzentration ist bei einer oder durch eine Angststörung oft aus der Balance geraten.

Antidepressiva gegen Angst und Unruhe

So bewirken Antidepressiva aus der Gruppe der sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – kurz SSRI – oder aus der Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), dass die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin langsamer in die Nervenzellen aufgenommen werden und so ihre positive Wirkung länger entfalten können. Jedoch können sie zu Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Unwohlsein oder Verdauungsproblemen führen. Für die Agoraphobie-Therapie sind aus der Gruppe der SSRI zum Beispiel die Wirkstoffe Citalopram, Escitalopram oder Paroxetin empfohlen, aus der Gruppe der SNRI der Wirkstoff Venlafaxin.

Eine andere Gruppe von Antidepressiva, die trizyklischen Antidepressiva verringern die Angst und sorgen für mehr innere Ruhe. Der Arzt verordnet sie vor allem, wenn SSR und SNRI nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Auch sie hemmen die Aufnahme in die Nervenzellen, so dass diese länger für die Weiterleitung zwischen den Nervenzellen zu Verfügung stehen.

Regelmäßige Bewegung hilft

Begleitend oder unterstützend zur Agoraphobie-Therapie gibt es weitere Faktoren, die sich positiv auf eine Agoraphobie auswirken. So empfiehlt es sich, sich viel und regelmäßig zu bewegen, zum Beispiel bei Ausdauersportarten wie Laufen oder Schwimmen. Zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche sind ausreichend. Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe kann positiv sein. Hier kann man sich mit anderen Menschen austauschen, denen es ähnlich geht.

Joggen gegen Agoraphobie
Ausdauersportarten wie z.B. Joggen wirken sich positiv auf eine Agoraphobie aus. Zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche sind ausreichend © istock/amriphoto

Zusätzlich gibt es für Betroffene die Möglichkeit, bestimmte Entspannungstechniken zu erlernen und diese regelmäßig anzuwenden. Zu diesen Techniken gehören die progressive Muskelentspannung oder autogenes Training.

 

Lässt sich einer Agoraphobie vorbeugen?

Grundsätzlich gilt: Einer Agoraphobie kann man nicht wirklich vorbeugen. Aber es gilt, frühzeitig zu reagieren, wenn die ersten Beschwerden und Symptome auftreten. Denn je früher eine Agoraphobie professionell therapiert wird, desto besser ist die Aussicht auf schnelle Besserung oder gar Heilung.

Begeben sich Menschen mit einer Agoraphobie nicht rechtzeitig in eine Behandlung, dann verläuft die Angststörung oft chronisch – und die Symptome verschlimmern sich. Angstauslösende Situationen und Orte werden in der Folge mehr und mehr vermieden. Der Aktionsradius schränkt sich sukzessive ein und mit ihm die Lebensqualität. Betroffene ziehen sich durch die Angst vor der Angst – die sogenannte Erwartungsangst – immer mehr zurück. So kann selbst die Fahrt zur Arbeit oder der Besuch der Familie zum nahezu unlösbaren Problem werden. Wenn es nicht mehr möglich ist, zur Arbeit zu gehen, droht sogar der finanzielle und soziale Abstieg.

Die gute Nachricht: Mit der passenden Therapie haben Menschen mit Agoraphobie gute Aussichten auf ein weitgehend unbeschwertes Leben ohne Angstzustände. Ohne Behandlung kann sich die Erkrankung jedoch über Jahre oder Jahrzehnte hinziehen und immer schlimmer werden. Irgendwann sind dann die eigenen vier Wände der einzige Ort, an dem sich Betroffene noch sicher fühlen.

Das führt zu sozialer Isolation, was die Agoraphobie weiter verstärken kann. Denn Austausch mit anderen Menschen würde für Entlastung sorgen. Nicht selten gesellen sich weitere Störungen hinzu. Häufig sind Panikstörungen mit wiederkehrenden Panikattacken aber auch Depressionen.

Beruhigungsmittel und Alkohol: Gefährliche Angstdämpfer

Viele Menschen mit Agoraphobie versuchen darüber hinaus, ihre Angst zu dämpfen, indem sie Beruhigungsmittel in Eigenregie und ohne ärztlichen Rat einnehmen. Auch häufiger Alkoholkonsum ist verbreitet, denn Alkohol lindert kurzfristig die Angst. Langfristig werden viele Betroffene abhängig von Alkohol und/oder Beruhigungsmitteln.

Alkohol gegen Agoraphobie
Langfristig werden viele Menschen mit Agoraphobie von Alkohol und/oder Beruhigungsmitteln abhängig © istock/LightFieldStudios

Wer feststellt, dass er Angst davor hat, seine Wohnung zu verlassen oder dass er sich vor bestimmten Orten oder Situationen fürchtet, der sollte diese Angstlöser gezielt und wiederholt besuchen. So ist spürbar, dass Ort oder Situation eigentlich harmlos sind und die Angst unbegründet ist. Zudem empfiehlt es sich, zeitnah einen Arzt aufzusuchen, wenn man spürt, dass die Angstzustände der Agoraphobie alleine nicht in den Griff zu bekommen sind.

Quellen

• S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, AMWF-Leitlinien-Register Nr. 051 / 028 Agoraphobie.

• https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/angsterkrankungen/was-sind-angsterkrankungen/

• www.pschyrembel.de

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2019 praxisvita.de. All rights reserved.