Was hilft bei erektiler Dysfunktion?

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Wirken sich Medikamente auf die Potenz aus? Ist die Erektionsstörung überhaupt behandelbar? Unser Experte für Männergesundheit, Prof. Dr. Frank Sommer beantwortet im Experteninterview die wichtigsten Fragen zur erektilen Dysfunktion, klärt gängige Missverständnisse auf und gibt nützliche Tipps, wie Mann Erektionsproblemen vorbeugen kann.

 

Welche sind die häufigsten psychischen Ursachen für eine erektile Dysfunktion?

Die häufigste psychische Ursache für eine erektile Dysfunktion ist Stress beziehungsweise Überforderung. Dies kann sowohl beruflich als auch familiär beziehungsweise partnerschaftlich bedingt sein. Auch hormonelle Dysbalancen, die vom Facharzt abgeklärt werden, können zu psychischen Effekten führen, die sich negativ auf die Erektionsfähigkeit auswirken. Langfristig führen sie auch zu organischen Veränderungen. Entgegen früherer Annahmen sind Erektionsstörungen allerdings in bis zu 90 Prozent aller Fälle organisch bedingt. Häufig kommt die psychische Komponente erst im Nachhinein dazu und verstärkt das Problem.

 

Wenn meine Erektionsprobleme psychisch bedingt sind, ich beispielsweise an einer Depression leide, die mit Antidepressiva behandelt wird, welche wiederum als Nebenwirkung erektile Dysfunktion haben: Wie durchbreche ich diesen Teufelskreis?

Leider können sich alle verschreibungspflichtigen Antidepressiva negativ auf die Sexualität auswirken und diese Nebenwirkung ist nicht selten. Antidepressiva können jedoch mit Medikamenten zur Verbesserung der Erektionsfähigkeit, wie PDE-5-Hemmern, kombiniert werden. Diese Medikamente wirken bei bis zu 90 Prozent aller Patienten, die eine rein psychische Ursache für ihre Erektionsstörungen haben. Bleibt die Wirkung aus, kann es daran liegen, dass die Nervenimpulse, die vom Kopf über das Rückenmark zum Penis führen, aufgrund beispielsweise einer depressiven Verstimmung nicht ausreichend weitergeleitet werden. Generell sollte der Betroffene vorab prüfen lassen, ob bei ihm eine hormonelle Dysbalance vorliegt.

 

Wenn Erektionsprobleme nur als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten: Verschwindet das Problem nach dem Absetzen von selbst?

Wenn die Medikation nur für kurze Zeit eingenommen wird, verschwinden die Erektionsprobleme in der Regel nach Absetzen des Medikaments. Bei längerem Gebrauch können die Medikamente allerdings zu organischen Umbauprozessen führen. Dies stellt der Facharzt durch spezielle Untersuchungen wie Biothesiometrien und Doppler-Duplex-Sonographien fest. Wenn bereits organische Umbauprozesse stattgefunden haben, entwickeln wir für unsere Patienten spezielle Therapiekonzepte, die zu einer Umkehrung dieses Prozesses führen, damit der Mann wieder eine erfüllte Sexualität erleben kann.

Wenn ein Mann jahrelang keine Erektion aufgebaut hat, kann sich dies negativ auf seine Erektionsfähigkeit auswirken
Wenn ein Mann jahrelang keine Erektion aufgebaut hat, kann sich dies negativ auf seine Erektionsfähigkeit auswirken© shutterstock
 

Lösen noch andere Medikamente, außer Antidepressiva, eine erektile Dysfunktion aus?

Ja, auch andere Medikamente wie z.B. blutdrucksenkende Mittel, Antidiabetika, Beruhigungsmittel, Zytostatika oder antihormonelle Therapien können zu Erektionsstörungen führen.

 

Helfen auch pflanzliche Mittel gegen Erektionsprobleme?

Es ist häufig die Rede von sogenannten „natürlichen Potenzmitteln“, wie bestimmten Kräutern und Tinkturen. Diese helfen allerdings nur bei rein psychisch bedingten Erektionsstörungen aufgrund des Placebo-Effektes – der bei Fragen der Sexualität nicht zu unterschätzen ist. Ist die Ursache für die erektile Dysfunktion organisch bedingt, helfen „natürliche“ Potenzmittel nicht.

 

Leidet die Potenz, wenn man jahrelang keinen Sex hatte?

Wenn ein Mann jahrelang keine Erektion aufgebaut hat, wirkt sich das negativ auf seine Erektionsfähigkeit aus. Im Englischen sagt man auch: „Use it, or loose it!“. Der Grund ist, dass es bei jahrelang reduzierter sexueller Aktivität beziehungsweise reduziertem Erektionsverhalten zu organischen Umbauprozessen kommt.

Es gibt verschiedene Körperregionen, die von diesen Umbauprozessen betroffen sein können. So führt ein zu schwacher Beckenboden zu einer weniger harten Erektion und schlechterer Standfestigkeit. Auch der Abbau von glatten Muskelzellen im Penis oder die Bildung von zu viel Bindegewebekollagen im Schwellkörper wirkt sich negativ auf die Erektionsfähigkeit aus. Weitere Ursachen für auftretende Erektionsprobleme sind eine schlechte Durchblutung des Penis oder eine Beeinträchtigung der Nervenbahnen. Es gibt also zahlreiche organische Ursachen für erektile Dysfunktion, die durch sexuelle Inaktivität entstehen können beziehungsweise durch sie begünstigt werden.

 

Kann man eine erektile Dysfunktion selbst verschulden, etwa durch übertriebenen Porno-Konsum?

Es ist ein bisschen in die Schlagzeilen gekommen, dass sich auch ein hoher Porno-Konsum negativ auf die Erektionsfähigkeit bzw. auf die Sexualität auswirkt. Wenn es zu „krankhaftem“ Porno-Konsum kommt, kann die erektile Dysfunktion eine Folge sein. Ansonsten schadet audio-visuelle Stimulation der Sexualität nicht und kann auch zum Schwellkörpertraining verwendet werden.

Experte Prof. Sommer
Experte Prof. Sommer: „Entgegen früherer Annahmen sind Erektionsstörungen in bis zu 90 Prozent aller Fälle organisch bedingt.“© privat
 

Wenn ein zu niedriger Testosteronspiegel die Ursache der erektilen Dysfunktion ist: Wie sieht dann die Therapie aus?

Wenn wir bei einem Mann einen Hormonmangel feststellen, finden wir zunächst die Ursache für diesen Mangel heraus. Liegt der Testosteronspiegel deutlich unter der Norm und sind bestimmte medizinische Kontraindikationen nicht gegeben, führen wir häufig eine Testosteron-Ersatztherapie durch. Das heißt, der Mann erhält von außen zusätzliches Testosteron.

Unser primäres Ziel ist, dass er diese Hormone nicht sein Leben lang einnehmen muss. Durch bestimmte Trainingsprogramme erreichen wir in vielen Fällen, dass die Hormone nur ein bis zwei Jahre substituiert werden und der Mann danach wieder in der Lage ist, gute eigene Testosteronwerte zu produzieren. Manche Männer benötigen allerdings ihr Leben lang eine Substitutions-Therapie, da sie beispielsweise unter irreparablen Funktionsstörungen leiden.

 

Wie wird das Testosteron verabreicht?

Zur Verabreichung des Testosterons gibt es im Wesentlichen zwei in Deutschland zugelassene Möglichkeiten: Entweder trägt der Mann jeden Tag ein Gel auf den Körper auf oder er bekommt lang wirksame Injektionen, die in Intervallen von 5 bis 14 Wochen gegeben werden. Der Zeitrahmen dieser Injektionen ist davon abhängig, wie schnell die Männer das zugeführte Testosteron verstoffwechseln.

 

Was muss bei der Behandlung mit Testosteron beachtet werden?

Wichtig ist, dass der Patient vorher eingehend untersucht wird und die für ihn optimale Hormondosis festgelegt wird. Eine Überdosierung kann ernsthafte Folgen haben, eine Unterdosierung führt hingegen zu keinem ausreichenden Therapieerfolg.

Wer sich einer Substitutionstherapie unterzieht, sollte unbedingt regelmäßige Prostata- und Brustuntersuchungen durchführen lassen. Sollten hier „schlafende“ Tumore vorliegen, könnten diese durch die Gabe von Testosteron zur verstärkten Proliferation angeregt werden. Auch die Blutparameter müssen regelmäßig kontrolliert werden, insbesondere die der roten Blutkörperchen sowie der Leber.

 

Gibt es Nebenwirkungen bei der Gabe von Testosteron?

Eine unerwünschte Nebenwirkung einer Testosteronersatztherapie kann die Beschleunigung eines beginnenden Haarausfalls sein.

Eine Nebenwirkung, die die meisten Männer gern in Kauf nehmen, ist, dass die Oberhemden enger werden können, da durch die Testosteron-Therapie etwas mehr Muskulatur aufgebaut wird.

 

Was passiert, wenn die Behandlung mit Testosteron abgebrochen wird?

Bei Männern, die ihr Leben lang Testosteron benötigen, sollte die Testosterongabe nicht unterbrochen werden, sonst entwickeln diese wieder die alten Symptome wie beispielsweise Abgeschlagenheit, Müdigkeit bis hin zu Erektionsstörungen.

 

Wenn ein zu niedriger Testosteronspiegel die Ursache meiner erektilen Dysfunktion ist: Kann das auch bedeuten, dass ich zu viele weibliche Hormone habe?

Es kann sein, dass sich das Verhältnis vom weiblichen zum männlichen Hormon beim Mann umkehrt. Das bedeutet, dass er zu viele weibliche Hormone hat, was zu einer Verringerung seiner Libido und zu abnehmender Erektionsfähigkeit führen kann.

 

Wodurch wird dieser Hormon-Umschwung begünstigt?

Hier spielt das Bauchfett eine sehr große Rolle. Im Fettgewebe sorgt ein Enzym für die Umwandlung des Hormons Testosteron in das weibliche Östrogen. Wer also aufgrund von zu wenig Bewegung und/oder eines ungesunden Lebensstils einen erhöhten Bauchumfang hat, beeinträchtigt damit nicht nur seine Gesundheit im Allgemeinen sondern auch seine Sexualität.

Bedingt durch die Einführung der weiblichen Pille als Verhütungsmethode gibt es teilweise Messungen im Grundwasser, die gezeigt haben, dass der Östrogenspiegel angestiegen sind. Auch dies kann zu Veränderungen im männlichen Körper führen. Diese Gefahr ist allerdings im Vergleich zum Bauchfett als vergleichsweise gering einzustufen.

 

Was sollten Betroffene tun oder lassen, um Erektionsproblemen vorzubeugen oder eine bestehende erektile Dysfunktion positiv zu beeinflussen?

Wichtig ist zunächst, dass die Ursachen einer bestehenden Erektionsstörung vom Facharzt abgeklärt werden, damit diese optimal behandelt und geheilt werden kann. Kein Mann muss heute mehr unter Erektionsproblemen leiden. Es gibt zahlreiche Therapieoptionen, die abhängig vom individuellen Befund gewählt werden.

 

Haben Sie spezielle Tipps, die Sie empfehlen können?

Es gibt natürlich auch Tipps, die jeder Mann beherzigen kann und sollte, um Erektionsproblemen vorzubeugen:

  • Sogenannte „Genuss“-Gifte wie Rauchen, Alkohol und Drogenkonsum aber auch beruflicher Stress wirken sich negativ auf die Erektionsfähigkeit aus. Beides sollte so weit wie möglich reduziert werden.
  • Bei Übergewicht empfehlen wir außerdem leichte körperliche Aktivitäten sowie eine Gewichtsreduktion.
  • Auch Krafttraining als Kurzprogramm (wie beispielsweise: 3x3x3) ist ein gutes Prinzip, um die Muskulatur wieder aufzubauen und den Grundumsatz zu erhöhen. Dies führt dazu, dass der Bauchumfang reduziert wird. Gleichzeitig regen diese kurzen Krafttrainingseinheiten die Testosteronproduktion an.
  • Fahrradfahren auf dem falschen Sattel mit der falschen Körperhaltung kann bei Männern, deren Erektionsstörungen auf der Gefäßbasis beruhen (das bedeutet, dass zu wenig Blut in den Schwellkörper hineinfließt) negativ sein. Sie sollten darauf achten, den richtigen Sattel beim Fahrradfahren zu verwenden und die richtige Körperhaltung einzunehmen.
Im Interview: Prof. Dr. med. Frank Sommer

Universitätsprofessor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V
Urologe, Androloge und Sportmediziner
www.maennergesundheit.info

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