Was die „Pille“ mit dem Gehirn macht

Weltweit verhüten rund 100 Millionen Frauen mit der Anti-Baby-Pille. Doch unterscheiden sich die einzelnen Präparate zum Teil stark in ihrer Zusammensetzung und damit auch in ihrer Wirkung – mit überraschenden Folgen für das Gehirn. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

Der Verhütungseffekt der „Pille“ entsteht dadurch, dass sie dem weiblichen Körper durch eine künstliche Hormonabgabe eine Schwangerschaft vortäuscht – was den Eisprung verhindert. Um das zu erreichen, kommen zwei Hormone zum Einsatz: Östrogene und Gestagene. Entweder enthalten Anti-Baby-Pillen also beide Hormone oder – wenn Frauen Östrogen nicht vertragen – nur Gestagen (die sogenannte Mini-Pille).

 

Androgene Gestagene in der Anti-Baby-Pille

Viele Gestagene – oder die synthetische Variante Progestin – haben aber in der Vergangenheit zu einer Erhöhung der sogenannten androgenen Aktivität im Körper der Frauen gesorgt. Dabei interagieren die Gestagene mit Androgen-Rezeptoren, die normalerweise von männlichen Geschlechtshormonen (z.B. Testosteron) besetzt werden. Das kann zu Nebenwirkungen wie z.B. Akne oder verstärkten Haarwuchs führen.Um diese Nebenwirkungen zu vermeiden, wurden Gestagene entwickelt, die nicht nur verhüten, sondern auch eine anti-androgene Wirkung besitzen – und so die Aktivierung der Androgen-Rezeptoren verhindern.

 

Der Zusammenhang von „Pille“ und Gehirn

Forscher der Universität Salzburg gingen nun in einer aktuellen Studie der Frage nach wie sich androgene oder anti-androgene Verhütungsmittel auf das weibliche Gehirn auswirken. Hintergrund sind Ergebnisse vorausgegangener Untersuchungen, die gezeigt hatten, dass es eine Verbindung zwischen der Einnahme der „Pille“ und der Größe der grauen Gehirnsubstanz – verantwortlich für Funktionen wie z.B. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Gesichtserkennung und Sprache – geben könnte. Die Fragen nach den Ursachen für einen solchen Zusammenhang blieben damals unbeantwortet.

Um dem auf den Grund zu gehen, untersuchten die Forscher mit einem Magnetresonanztomographen die Menge dergraue Gehirnsubstanz von 60 Probandinnen, die entweder gar nicht hormonell verhüteten, mit anti-androgenen oder mit androgenen „Pillen“ verhüteten.

 

Manche „Pillen“ machen das Gehirn kleiner

Tatsächlich zeigen die Studie-Ergebnisse, dass sich innerhalb der drei Gruppen das Volumen der grauen Gehirnmasse unterscheidet. So hatten die Frauen, die mit einer anti-androgenen „Pille“ verhüteten im Vergleich zu den Frauen, die nicht hormonell verhüteten einen deutlich größeren Anteil an grauer Gehirnsubstanz. Dabei fiel auf:

Je länger die anti-androgenen Wirkstoffe von den Frauen eingenommen worden waren, desto größer waren gewisse Gehirnbereiche. Besonders stark vergrößert hatten sich zudem die Hirnregionen des Hippocampus – verantwortlich z.B. für Lernen, Gedächtnis – und die sogenannte Spindelwindung – ein Bereich in der Großhirnrinde, der für die Erkennung von Gesichtern notwendig ist.

 

Gesichter besser erkennen

Beim weiteren Vergleich der Daten stellte sich heraus, dass bei Frauen, die mit androgenen „Pillen“ verhüteten – im Vergleich zu Frauen, die nicht verhüteten – die graue Gehirnmasse kleiner war. Entsprechend deutlicher fielen die Volumenunterschiede der grauen Gehirnsubstanz zwischen der anti-androgenen und androgenen Gruppe aus. 

In einem zweiten Versuch nahmen die Probandinnen an einem Gesichtserkennungstest teil, bei dem sich die Frauen 30 Gesichter einprägen und später wiedererkennen mussten. Es stellte sich heraus, dass sich die Frauen, dieVerhütungsmittel mit anti-androgenenGestagenen einnahmen, deutlich besser an Gesichter erinnern konnten, als die Probandinnen aus den beiden anderen Gruppen.

 

Welche „Pille“ ist androgen und welche anti-androgen?

Um selbst nachvollziehen zu können, zu welcher Gestagen-Gruppe die Ihnen verschriebene „Pille“ gehört, haben wir für Sie die häufigsten in hormonellen Verhütungsmitteln verwendeten Gestagene aufgelistet.

Zu der Gruppe der anti-androgenen „Pillen“ gehören alle Präparate mit den folgenden Gestagenen

Cyproteronacetat

Chlormadinonacetat

Dienogest

Drospirenon

Zu der Gruppe der androgenen „Pillen“ gehören alle Präparate mit den folgenden Gestagenen

Norethisteronacetat

Levonorgestre

Gestoden

Norgestimat

Etonogestrel                         

Für eine bessere Übersicht finden Sie hier die zehn beliebtesten Anti-Baby-Pillen in Deutschland. „Pillen“ mit anti-androgenen Gestagenen sind:

Valetta(Dienogest)

Belare (Chlormadionacetat)

Yasmin (Drospirenon)

Chariva (Chlormadionacetat)

Aida (Drospirenon)

Die folgenden Präparate verfügen dagegen über androgene Gestagene:

Leios (Levonorgestrel)

Femigoa (Levonorgestrel)

Leona (Levonorgestrel)

Cerazette (Desogestrel)

Triquilar (Levonorgestrel)

 

Kann ich einfach zwischen androgenen und anti-androgenen Pillen wechseln?

Grundsätzlich ist es möglich, das Präparat zu wechseln. Dafür sollten Sie sich aber im Vorfeld unbedingt mit Ihrem Frauenarzt beraten, denn es könnte jenseits von androgenen oder anti-androgenen Gestagenen triftige Gründegeben, wieso Sie genau die Pille von Ihrem Arzt verschrieben bekommen haben, die Sie zurzeit einnehmen.

Weitere Informationen zum Thema Verhütung finden Sie im großen „Verhütungs-Spezial“ von Praxisvita. Eine wissenschaftliche Abhandlung über anti-androgene Gestagene von Professor Christoph Keck (EndokrinologikumHamburg) finden Sie unter diesem Link.

Hamburg, 29. November 2014

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