Was bedeutet Gaslighting?

Mona Eichler Health-Redakteurin

Gaslighting ist eine Form von psychischer Gewalt, die auf der Ausübung von Macht und Kontrolle basiert: Der Täter manipuliert sein Opfer dabei so stark, bis dieses anfängt, an der eigenen Wahrnehmung – und damit an der eigenen Realität – zu zweifeln. Psychotherapeutin Pamina Russek informiert über die Missbrauchsform Gaslighting.  

Frau hält die Hand vor ihren Körper
Beim Gaslighting handelt es sich um eine besondere Form des emotionalen Missbrauchs Foto:  istock/tinnakorn_jorruang
Inhalt
  1. Was passiert beim Gaslighting?
  2. Die Manipulation beim Gaslighting kennt keine Grenzen
  3. Woher kommt der Begriff Gaslighting?
  4. Täterprofil: Was zeichnet einen Gaslighter aus?
  5. Familie, Beziehung, Arbeitsumfeld: Wo findet Gaslighting statt?
  6. Was können Opfer tun?
 

Was passiert beim Gaslighting?

„Gaslighting ist eine schwere Form von psychischer Gewalt, bei der Täter und Opfer miteinander vertraut sind“, erklärt die Diplom-Psychologin im Interview und unterstreicht dabei das erste wichtige Merkmal von Gaslighting: Zwischen Täter und Opfer besteht ein Vertrauensverhältnis, das ausgenutzt werden kann. Ohne dieses Vertrauensverhältnis würde die beim Gaslighting angewandte Manipulation ins Leere laufen.

„Das Opfer wird über einen längeren Zeitraum von einer oder mehreren Personen kontinuierlich manipuliert und dermaßen verunsichert, dass es beginnt, seine eigene Wahrnehmung anzuzweifeln und die gewohnte Realität infrage zu stellen“, führt Frau Russek weiter aus. Die Auswirkungen dieser Manipulation können gravierend sein. Die meisten Opfer ziehen sich aufgrund der systematischen Verunsicherung von ihrem sozialen Umfeld zurück und sind damit dem Gaslighter, also dem Täter, ausgeliefert. Durch die ständigen Erniedrigungen drohen Depressionen, Sozialphobien und andere emotionale Störungen. 

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Die Manipulation beim Gaslighting kennt keine Grenzen

Manipulation zeigt sich beim Gaslighting auf verschiedene Art und Weise, basiert aber immer darauf, dass der Täter dem Opfer vorspielt, die Realität verzerrt wahrzunehmen. Das geschieht beispielsweise dadurch, dass bestimmte Ereignisse im Nachhinein vollkommen anders dargestellt werden oder dem Opfer weisgemacht wird, es hätte bestimmte Aussagen/Versprechungen/Zusagen getroffen, an die es sich nicht erinnern kann. In manchen Fällen manipuliert der Gaslighter nicht nur die Wahrnehmungen und Erinnerungen seines Opfers, sondern auch deren Umgebung. Dann werden Gegenstände, die plötzlich an untypischen Orten auftauchen, zum Beweis dafür, wie zerstreut das Opfer sei. Auch das soziale Umfeld wird oftmals ins Netz der Manipulation verstrickt: Verwandte und Freunde werden zum Spielball des Täters, indem er sich beispielsweise über den vermeintlich schwierigen Charakter des Opfers beschwert und es so aussehen lässt, als verliere sein Gegenüber den Verstand.  

Die für das Gaslighting typische Manipulation findet nicht permanent, aber wiederholt über einen längeren Zeitraum statt. Große Dramen sind dabei nicht nötig, die Manipulation ist meist subtil. Der Vorwurf, der Partner würde fremdgehen, wird beispielsweise ein ums andere Mal mit einem „Du siehst doch Gespenster“ weggefegt. Der vermeintlich nach dem Kochen nicht abgedrehte Herd ist ein Zeichen dafür, dass man nicht alleine zurechtkomme. So wird das Opfer wieder und wieder verunsichert, bis es an sich selbst zweifelt. 

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Woher kommt der Begriff Gaslighting?

Zurückzuführen ist der Begriff Gaslighting auf das Theaterstück „Gaslight“ des britischen Dramatikers Patrick Hamilton (1904-1962) aus dem Jahr 1938, in dem diese Form des schweren psychischen Missbrauchs erstmals beschrieben wird. Die beiden Filme „Gaslight“ (1940) und „Das Haus der Lady Alquist“ (1944) basieren auf Hamiltons Theaterstück und sorgten dafür, dass das Phänomen Gaslighting ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat. Ingrid Bergmann (1915-1982) erhielt für ihre Rolle in „Das Haus der Lady Alquist“, der im englischen Original ebenfalls den Titel „Gaslight“ trägt, den Oscar als beste Hauptdarstellerin: Ihre Darstellung der Ehefrau Paula Alquist Anton, die von ihrem Mann Gregory gezielt in den Wahnsinn getrieben wird, sorgt heute noch für Gänsehaut. Gregory geht dabei perfide vor: Er hängt Bilder um, entwendet Schmuck und redet Paula immer wieder ein, sie würde sich das Flackern der Gaslampen ­– der namensgebenden Gaslights – nur einbilden.

 

Täterprofil: Was zeichnet einen Gaslighter aus?

Könnte man Gaslighter pauschal klassifizieren, wäre diese Form der psychischen Gewalt sicherlich leichter zu bekämpfen. Leider sieht die Realität anders aus, da nicht jeder Täter gleich ist – zumal sich viele ihrer Taten nicht objektiv bewusst sind. Kein Täter sagt zu sich selbst: „Ich möchte die Kontrolle über Person X erlangen, also wende ich Gaslighting an, um ihn zu manipulieren.“ Dennoch hat Autor Preston Ni für seinen Artikel „8 Ways Gaslighters Manipulate and Control Relationships“ Warnzeichen aufgelistet, die manipulative Gaslighter entlarven können:

  1. Chronisches Lügen: Gaslighter verbreiten Unwahrheiten über ihre Opfer – ganz egal, ob sie dabei ihrem Opfer selbst oder dessen Freunden gegenübersitzen.

  2. Ständiges Wiederholen von Anschuldigungen: Zu einer gezielten Manipulation gehört, die Unwahrheiten mehrfach zu wiederholen – solange, bis die anderen sie glauben.

  3. Zermürbung der Opfer: Opfer von Gaslighting beschreiben immer wieder, dass sie irgendwann einfach zu müde waren, um sich weiter zu wehren.
     
  4. Aggressive Reaktion auf Vorwürfe: Konsequentes Leugnen des eigenen Handelns wird oft bis auf die Spitze der Provokation betrieben. 
     
  5. Trennung der Opfer vom sozialen Umfeld: Um Macht und Kontrolle auszuüben, muss das Opfer sich isoliert fühlen. Dabei stört ein aktives, liebevolles Umfeld.
     
  6. Emotionale Abhängigkeit schaffen: Gaslighter erniedrigen ihre Opfer nicht nur, sondern spielen ihnen auch vor, ihnen Halt und Wärme zu geben. So entsteht eine emotionale Abhängigkeit.
     
  7. Falsche Hoffnungen schüren: Teil des Gaslighting ist das Versprechen, dass alles gut werden wird: Würde sich das Opfer nur bessern, stünde eine schönem Leben nichts im Weg. 
     
  8. Dominanz und Kontrolle: Gaslighter wollen Dominanz und Kontrolle erreichen, indem sie dafür sorgen, dass ihr Opfer sich verunsichert fühlt.

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Familie, Beziehung, Arbeitsumfeld: Wo findet Gaslighting statt?

„Gaslighting braucht als Grundlage eine vertrauensvolle Beziehung“, erläutert Pamina Russek. Überall dort, wo solch vertrauensvolle Beziehungen stattfinden, kann es also zu Gaslighting kommen. Im familiären Umfeld ist es häufig die Mutter, die ihr Kind bis zur völligen Verunsicherung manipuliert und glauben lässt, als „schwieriges Kind“ an allem, was in der Familie vor sich geht, die Schuld zu tragen. Solch eine Manipulation wirkt sich auf das gesamte Sozialverhalten des Kindes aus, es wird unsicher im Umgang mit seinen Mitmenschen, zieht sich bis in die Isolation zurück und wird von Schuldgefühlen gequält. Ähnlich verhält es sich in Beziehungen, sobald einer der Partner über gezielte Manipulation Macht und Kontrolle ausübt. Hier kommt es häufig dazu, dass das Umfeld miteinbezogen wird: Freunde werden ungewollt zu Komplizen, indem der Täter seinem Opfer einredet, er wäre nicht der Einzige, der sich über bestimmte Situationen und Verhaltensweisen wundert.  Am Arbeitsplatz ist Gaslighting vor allem dann ein Problem, wenn Hierarchien ausgenutzt werden. So kann ein Vorgesetzter seinen Mitarbeiter gezielt manipulieren, um beispielsweise dessen Loyalität auszunutzen. 

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Was können Opfer tun?

Das Perfide an Gaslighting: Durch das bestehende Vertrauensverhältnis zwischen Opfer und Täter ist sich das Opfer zunächst nicht bewusst, dass es manipuliert wird. „Als Betroffener schöpft man keinen Verdacht und sucht die Ursachen für die scheinbar unerklärlichen Ereignisse stets bei sich selbst“, beschreibt Pamina Russek das Problem. Erste Zweifel sollten aufkommen, wenn das Umfeld Alarm schlägt, sagt die Expertin: „Hinweise von vertrauten Personen (Familienangehörige, Freunde, nahestehende Kollegen) sollten ernstgenommen und als Warnhinweis gedeutet werden.“ 

So schwer das ist: Wer den Verdacht hegt, mit einem Gaslighter zu leben, sollte den Kontakt abbrechen. „Da die Grundlage von Gaslighting nicht Liebe, sondern Macht und Kontrolle im Sinne eines antisozialen Verhaltens, bösartiger Narzissmus oder psychopathischer Eigenschaften sind, besteht für solche Beziehungen keine Hoffnung“, macht die Psychotherapeutin deutlich. Wer erkennt, Opfer von Gaslighting geworden zu sein, sollte keine Zeit daran verschwenden, den Täter überführen oder gar bekehren zu wollen: Um den psychischen Missbrauch hinter sich zu lassen, sollten sich Opfer ganz auf sich konzentrieren und beispielsweise in einer Therapie versuchen, das Erlebte zu verarbeiten.

Foto: iStock
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Quellen:

  • Im Interview: Psychotherapeutin Pamina Russek
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