Warum Zappelphilipp zappeln muss

Verena Elson
Ein Junge zappelt auf seinem Stuhl
Wenn Kinder mit ADHS in der Schule zappeln, heißt das nicht, dass der Unterricht sie langweilt © iStock

Wer vor dem Fernseher stillsitzen kann, kann es auch in der Schule? Eben nicht. In manchen Situationen können ADHS-Kinder nicht stillsitzen, und diese Studie zeigt, warum.

Eltern von Kindern mit ADHS kennen das: Der Nachwuchs zappelt, hampelt und wippt sich durch Schule und Hausaufgaben, um abends völlig reglos vor dem Fernseher zu sitzen. Doch das liegt nicht etwa daran, dass ihn Schule und Hausaufgaben langweilen, wie eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern aus Florida zeigt. Stattdessen bringen geistig anspruchsvolle Aufgaben seinen Körper in den „Zappelmodus“.

„Wenn ein Elternteil oder Lehrer ein Kind sieht, das in einer Situation komplett still sitzen kann und dann wieder pausenlos rumhampelt, ist das erste, was er sagt, ‚Naja, er könnte still sitzen, wenn er wollte’“, sagt Professor Mark Rapport, Direktor der Children’s Learning Clinic an der University of Central Florida. „Aber Kinder mit ADHS müssen sich nur bewegen, wenn sie auf die exekutiven Funktionen ihres Gehirns zugreifen. Die Bewegung hilft ihnen, aufmerksam zu bleiben.“

 

Ein Film stoppt das Gezappel

Lange Zeit wurde angenommen, ADHS-Symptome seien immer präsent. Doch Studien haben gezeigt, dass das Zappeln meist dann auftritt, wenn betroffene Kinder ihr sogenanntes Arbeitsgedächtnis gebrauchen – diesen Teil unseres Gehirns benötigen wir, um Informationen vorübergehend zu speichern, Zusammenhänge nachzuvollziehen und komplexe Denkaufgaben zu lösen.

In seiner jüngsten Studie führte Professor Rapports Team ein Experiment mit 62 Jungen im Alter von acht bis zwölf Jahren durch. Von diesen Kindern hatten 32 ADHS. In verschiedenen Sitzungen sahen die Jungen sich zwei kurze Videos an, jedes etwa zehn Minuten lang. Eins zeigte eine Szene aus „Star Wars Episode I – Die dunkle Bedrohung“. Das andere war ein Lernvideo, in dem Lösungswege zu verschiedenen mathematischen Aufgaben erklärt wurden.

Während dem Videoschauen wurden die Kinder gefilmt. Zusätzlich wurden ihre Bewegungen mit speziellen Tracking-Geräten aufgezeichnet. Die Forscher beobachteten: Kinder mit ADHS bewegten sich beim Schauen des Star Wars Videos kaum – doch beim Ansehen des Lernvideos drehten sie sich mit ihren Stühlen, wechselten häufig die Position und trippelten mit den Füßen.

Das Video zeigt denselben Jungen beim Anschauen des Lernvideos und der Star-Wars-Szene

 

Es liegt nicht an Langeweile

Jetzt könnte man sagen: Klar – der Science-Fiction-Film zog die Kinder in ihren Bann und das Mathevideo langweilte sie. Doch das stimmt nicht, so Professor Rapport: „Wir haben gezeigt, dass es in Wirklichkeit von den kognitiven Anforderungen der Aufgabe abhängt. Bei dem Actionfilm sind keine Denkprozesse notwendig – man schaut ihn nur an, benutzt seine Sinne. Man muss nichts behalten und analysieren. Bei dem Mathevideo verwenden die Kinder ihr Arbeitsgedächtnis und die Bewegung hilft ihnen, sich besser zu konzentrieren.

Das Fazit der Forscher: Eltern und Lehrer sollten sich von dem Gedanken verabschieden, ihre Kinder seien unmotiviert oder faul, wenn sie in der Schule und bei den Hausaufgaben unentwegt zappeln. Stattdessen brauchen sie das Gezappel, um die ihnen gestellten Aufgaben zu lösen.

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