Warum wurde diese Studie verheimlicht?

Verena Elson Medizinredakteurin
Butter
Eine aktuelle Studie entkräftigt die Warnung, die beispielsweise in Butter enthaltenen gesättigten Fettsäuren schadeten der Herzgesundheit. Die Untersuchung wurde jahrzehntelang nicht veröffentlicht © Fotolia

Butter schadet dem Herzen, Pflanzenöl schützt es – diese Weisheit wird von Medizinern rund um den Globus seit Jahren gepredigt. Doch eine lange Zeit unveröffentlichte Studie stellt sie jetzt in Frage.

Das Ergebnis einer Studie aus den 1960er und 1970er Jahren stellt unser seit langer Zeit etabliertes Bild von der Wirkung pflanzlicher und tierischer Fette auf die Gesundheit auf den Kopf. Demnach schützt eine Ernährung reich an pflanzlichen Fetten mit ungesättigten Fettsäuren nicht vor Herzleiden, im Gegenteil: Sie erhöht sogar das Risiko eines frühzeitigen Todes.

 

Wie unterscheiden sich gesättigte und ungesättigte Fettsäuren?

Alle Fette enthalten sowohl gesättigte als auch ungesättigte Fettsäuren (Bestandteile von Fetten) – allerdings zu verschiedenen Anteilen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten besteht in ihrem molekularen Aufbau: Die einzelnen Atome der Fettsäuren werden durch ein Elektronenpaar zusammengehalten. Wirken zwei Elektronenpaare als Bindeglied, spricht man von einer Doppelbindung. Ungesättigte Fettsäuren zeichnen sich durch mindestens eine solche Doppelbindung aus. Die sogenannten mehrfach ungesättigten Fettsäuren weisen zwei oder mehrere solcher Doppelbindungen auf. Ungesättigte Fettsäuren sind vor allem in Pflanzen- und Fischfetten enthalten, gesättigte Fettsäuren in tierischen Fetten, außer Hühner- und Fischfett.

 

Erste Zweifel bestanden bereits

Bis vor kurzem galt: Während ungesättigte Fettsäuren helfen, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen, lassen gesättigte Fettsäuren das gesundheitsgefährdende LDL-Cholesterin im Blut ansteigen und erhöhen so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mediziner sprechen dabei von der „Lipid-Hypothese“.

Doch eine kanadische Analyse von 73 Studien lieferte kürzlich die ersten Zweifel an dieser These: Sie ergab, dass gesättigte Fettsäuren weder das Risiko erhöhen, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, noch die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzleiden, einem Schlaganfall oder an Typ-II-Diabetes zu erkranken.

 

Jahrzehntelang nicht veröffentlicht: Das Minnesota Coronary Experiment

Die jetzt veröffentlichte Studie bringt die Lipid-Hypothese noch stärker ins Wanken. Das „Minnesota Coronary Experiment“ startete 1968. Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, ob der Austausch gesättigter Fettsäuren durch pflanzliche Öle hilft, Herzinfarkt, Schlaganfall und einem frühzeitigen Tod vorzubeugen.

Probanden waren Bewohner von Pflegeheimen und Psychiatrien, die sich mit der Teilnahme an der Untersuchung einverstanden erklärt hatten. Die Forscher teilten sie in zwei Gruppen ein: In einer Gruppe wurde die Aufnahme von gesättigten Fettsäuren im Vergleich zur vorherigen Ernährung um 50 Prozent verringert und der Verzehr von Pflanzenölen (hauptsächlich Getreideöl) um mehr als 280 Prozent erhöht. Die Kontrollgruppe bekam eine Ernährung mit deutlich höheren Anteilen an gesättigten und niedrigeren Anteilen an ungesättigten Fettsäuren.

Die Wissenschaftler begleiteten 2.355 Probanden, die mindestens ein Jahr lang die festgelegte Ernährung bekamen, im Schnitt für drei Jahre. In regelmäßigen Abständen ermittelten sie ihre Cholesterinwerte. Bei 149 Probanden, die im Studienzeitraum verstarben, führten die Mediziner Autopsien durch.

Nachdem die Ergebnisse der Studie jahrzehntelang unveröffentlicht geblieben waren, wertete ein Team der UNC School of Medicine in North Carolina und der National Institutes of Health in Maryland die Daten erneut aus.

Die Auswertung ergab: Tatsächlich ging der Cholesterinspiegel der Teilnehmer in der Pflanzenfettgruppe anders als in der Kontrollgruppe zurück – soweit fiel das Ergebnis wie erwartet aus. Doch entgegen der bisherigen Annahme führte der niedrigere Cholesterinspiegel nicht zu einem geringeren Risiko, eines frühzeitigen Todes zu sterben. Im Gegenteil: Unter den Probanden, die bei Studienbeginn über 65 waren, gab es in der Pflanzenfettgruppe mehr Todesfälle als in der Kontrollgruppe.

Die Autopsien zeichneten ebenfalls ein deutliches Bild: In der Pflanzenfettgruppe gab es bei 41 Prozent der Verstorbenen Hinweise auf mindestens einem Herzinfarkt, in der Kontrollgruppe waren es nur 22 Prozent. Ablagerungen in den Arterien (ein Risikofaktor für Herzerkrankungen) kamen in beiden Gruppen mit gleicher Häufigkeit und Intensität vor.

Nach der Auswertung des Minnesota Coronary Experiments verglichen die Forscher um Christopher E. Ramsden und Daisy Zamora die gewonnen Daten mit denen von vier weiteren Studien, bei denen ebenfalls gesättigte Fettsäuren durch Pflanzenöle ersetzt wurden. Auch bei dieser Metaanalyse fanden die Wissenschaftler keine Hinweise auf Vorteile einer solchen Ernährungsumstellung in Bezug auf Herzgesundheit und Sterberisiko. Warum die Studienleiter des Minnesota Coronary Experiments ihre Erkenntnisse niemals veröffentlichten, ist nicht geklärt. Experten vermuten jedoch einen Zusammenhang mit der Lipid-Hypothese, der die Ergebnisse widersprechen.

 

Offene Fragen bleiben

Unklar bleibt auch, wie sich die verschiedenen Fettsäuren genau auf das Herz und den gesamten Organismus auswirken. In der Studie wurden hauptsächlich Getreideöle verwendet, die viele Omega-6-Fettsäuren enthalten. Der Tagesbedarf an diesen mehrfach ungesättigten Fettsäuren von 10 Gramm ist schnell gedeckt – dass ein Zuviel davon die Bildung entzündungsfördernder Stoffe begünstigt, war bereits bekannt. Wie das Experiment ausgegangen wäre, hätten die Probanden beispielsweise eine an Omega-9-Fettsäuren reiche Ernährung bekommen, bleibt offen. Diese ungesättigten Fettsäuren stecken zum Beispiel in Olivenöl und sind für den täglichen Gebrauch besser geeignet als Omega-6-Fettsäuren. Ungesättigte Fettsäuren sollten aufgrund dieser Studie also nicht als ungesund betrachtet werden – sie liefert aber einen weiteren Hinweis darauf, dass gesättigte Fettsäuren weniger schädlich sind als ursprünglich angenommen.

Hamburg, 13. April 2016

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