Warum wir nicht merken, dass wir blinzeln

Verena Elson Medizinredakteurin

Alle vier bis sechs Sekunden schließen wir kurz die Augen – und dennoch wird das Bild, das wir sehen, nicht unterbrochen. Dahinter steckt ein Trick unseres Gehirns, wie Forscher aus Deutschland und den USA jetzt herausfanden.

Auge beim Blinzeln
Was passiert eigentlich im Gehirn, während wir blinzeln? Das haben Forscher nun herausgefunden Foto:  iStock/_Runis_

Unser Gehirn verfügt über Mechanismen, die ihm helfen uns eine „störungsfreie“ Realität vorzugaukeln – so lautete die Vermutung der Wissenschaftler um Erstautor Dr. Casper Schwiedrzik. Gemeinsam mit Kollegen aus den USA testeten die Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum und an der Universitätsmedizin Göttingen ihre Hypothese in einem Experiment mit Epilepsie-Patienten.

Diese hatten zur Behandlung ihrer Erkrankung vorübergehend Elektroden ins Gehirn implantiert bekommen – was es den Forschern ermöglichte, eine Gehirnregion namens mittlerer präfrontaler Kortex bei den Patienten genauer zu untersuchen. Denn dieses Areal hatten die Wissenschaftler im Verdacht, für den „Blinzel-Betrug“ verantwortlich zu sein.

 

Gehirn „spielt“ bereits gesehene Bilder ab

Für das Experiment bekamen die Probanden ein Punktegitter auf einem Bildschirm zu sehen und sollten angeben, ob die Punkte horizontal oder vertikal ausgerichtet waren. Anschließend wurde ihnen ein zweites Punktegitter gezeigt – mit der gleichen Aufgabenstellung. Bei beiden Punktegittern war die Ausrichtung nicht eindeutig zu bestimmen, es gab also kein Richtig oder Falsch. Die meisten Probanden entschieden sich in beiden Fällen für dieselbe Ausrichtung – die Forscher schließen daraus, dass das Gehirn die Informationen aus dem ersten Durchgang nutzte, um auf die Lösung im zweiten Durchgang zu schließen.

Während die Studienteilnehmer die Aufgabe lösten, untersuchten die Forscher ihre Gehirnaktivität mittels der implantierten Elektroden. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass der mittlere präfrontale Kortex aktuelle Sehinformationen mit zuvor gewonnen Informationen abgleicht und somit dazu beiträgt, dass wir die Welt stabil wahrnehmen, auch wenn wir die Augen beispielsweise beim Blinzeln kurz schließen“, erklärt Erstautor Schwiedrzik.

Konkret sortiert das Gehirn „überflüssige“ Informationen wie die kurze Dunkelheit beim Blinzeln aus und ersetzt sie mit Erinnerungen an gerade Gesehenes. Für uns ergibt sich so ein „störungsfreies“ Bild.

Ähnlich getäuscht werden wir auch in anderen Situationen, in denen das Gehirn eine visuelle Wahrnehmung verarbeitet, so Schwiedrzik: „Auch wenn wir einen Gesichtsausdruck sehen, beeinflusst diese Information die Wahrnehmung des nächsten Gesichtes, das wir anschauen.“

Quelle:
Schwiedrzik C M et al. (2018): Medial prefrontal cortex supports perceptual memory, in: Current Biology.

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