Warum wir alle öfter mal seufzen sollten

Phyllis Kuhn
Junge seufzt beim Hausaufgaben machen
Wenn wir seufzen, tun wir unserer Gesundheit etwas Gutes. © Fotolia

US-Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, wie wichtig das Seufzen für unsere Gesundheit ist.

Es ist Montag und eine ganze Woche mit viel Arbeit liegt vor uns. Und dann auch noch dieser Wäscheberg, der zuhause wartet...erste Reaktion: Ein tiefer Seufzer. Am besten gleich noch einer. Durchschnittlich seufzen Menschen zwölfmal pro Stunde. Doch warum machen wir das eigentlich? Bisher sind Wissenschaftler davon ausgegangen, dass wir durch das Seufzen unbewusst anderen anzeigen wollen, dass wir Hilfe brauchen. Forscher aus den USA haben jetzt herausgefunden, dass hinter dem Seufzen noch viel mehr steckt: Instinktiv geben wir unserem Körper damit, was er gerade am nötigsten braucht: viel Sauerstoff!

 

Seufzen ist lebenswichtig

Die Wissenschaftler der University of California (UCLA) und der Stanford University fanden heraus, dass durch das tiefe Einatmen zusammengefallene Lungenbläschen (Alveolen) wieder aufgerichtet werden. Dadurch wird die Lungenfunktion erhalten und unser Körper optimal mit Sauerstoff versorgt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurden in dem naturwissenschaftlichen Fachmagazin Nature veröffentlicht.

Jack Feldmann, Professor für Neurobiologie an der University of California und Hauptautor der Studie, erklärt das Prinzip: „Wenn die Alveolen kollabieren, beeinträchtigen sie die Fähigkeit der Lunge Sauerstoff und Kohlendioxid auszutauschen. Der einzige Weg, um sie wieder aufzurichten, ist Seufzen. Wenn wir das nicht tun, würden unsere Lungen irgendwann versagen“.

 

Neuronen für jeden Atemtyp

Tatsächlich wird durch einen Seufzer die doppelte Sauerstoffmenge eines normalen Einatmens aufgenommen. Wann uns nach Seufzen zumute ist, wird übrigens nicht nur von unseren Emotionen gesteuert. Das Atemzentrum im Gehirn, das auch für Gähnen und Husten zuständig ist, gibt Anweisung, wann ein Seufzer besonders viel Luft in unsere Lungen pumpen soll. Die Ergebnisse aus der Studie, die Feldmann zusammen mit seinem Kollegen Mark Krasnow von der Stanford University gewonnen hat, geben Aufschluss, welche Neuronen im Gehirn unseren Atemrhythmus kontrollieren.

„Anders als ein Schrittmacher, der reguliert, wie schnell wir atmen, kontrolliert das Atemzentrum des Gehirns auch verschiedene Arten des Atmens“, erklärt Krasnow. „Es besteht aus einer kleinen Anzahl von verschiedenen Neuronen, die je auf einen bestimmten Atemtyp programmiert sind. Einer ist für normales Atmen zuständig, einer für das Seufzen, andere steuern Gähnen, Schnüffeln, Husten und vielleicht sogar Lachen und Weinen“.

Atem-Fakten:

Das durchschnittliche Lungenvolumen beim Menschen fasst drei bis vier Liter Sauerstoff. Leitungssportler erreichen Werte bis zu acht Litern. Aktueller Weltrekordhalter ist der Apnoetaucher Herbert Nitsch, mit zehn Liter Lungenvolumen.

Der Weltrekord im Luft anhalten liegt bei 21 Minuten, 33 Sekunden.

Man hat immer mindestens 1,5 Liter Luft in der Lunge, egal wie tief man ausatmet.

Normalerweise atmet man immer nur durch ein Nasenloch, alle paar Stunden wechselt die Atmung auf das andere Nasenloch. Ob gerade das linke oder rechte Nasenloch an der Reihe ist, lässt sich mit vorgehaltenem Finger beim Ausatmen erfühlen. 

 

Auch Mäuse können seufzen

In einem Versuch mit Mäusen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass im Hirnstamm bestimmte Neuronen zwei sogenannte Neuropeptide freisetzen, die die Mäuse zum Seufzen brachten. Das Blockieren eines der Neuropeptide halbierte die Seufzrate der Mäuse, nach Stilllegung beider Peptide konnten die Mäuse gar nicht mehr seufzen.

Die Forscher erhoffen sich durch ihre Erkenntnisse neue Perspektiven für Patienten mit Atemproblemen. „Diese molekularen Leitungsbahnen sind entscheidende Regler für das Seufzen und weisen uns den Weg in den Kern des Seufzer-kontrollierenden Schaltkreises“, erklärt Krasnow. „Jetzt haben wir die Möglichkeit, Medikamente zu entwickeln, die gezielt auf diese Leitungsbahnen einwirken“.

 

Stress lässt uns seufzen

Besonders Patienten, die künstlich beatmet werden, könnten von den neuen Erkenntnissen profitieren. Schon jetzt sind Beatmungsmaschinen so eingestellt, dass ab und zu besonders viel Luft abgegeben wird, um einen Seufzer zu simulieren. Frühere Geräte besaßen diese Funktion nicht, einige Patienten verstarben an den Folgen, da die Lungenbläschen sich nicht vollständig wieder aufrichten konnten.

Aber auch psychische Beschwerden wie Angststörungen und Stress können mit dem Seufzen zusammenhängen. „Es gibt mit Sicherheit eine Komponente des Seufzens, die sich auf emotionale Zustände bezieht,“ stellt Feldman fest. „Es ist möglich, dass die Neuronen in den Hirnregionen, wo Emotionen verarbeitet werden, auch die Neuropeptide triggern, welche das Seufzen auslösen.“

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Hamburg, 27. Juni 2016

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