Trotz hoher Impfquote: 4 Gründe, warum die Corona-Zahlen jetzt wieder steigen

Ines Fedder Medizinredakteurin

Die Corona-Zahlen steigen in den vergangenen Wochen immer weiter – und dass, obwohl über 80 Prozent der Erwachsenen in Deutschland bereits geimpft sind. Diese 4 Gründe erklären, warum die Zahlen ausgerechnet jetzt in die Höhe schnellen.

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Viele fragen sich angesichts der Entwicklung der vergangenen Tage, warum die Zahl der Corona-Neuinfektionen konstant weiter steigt (16.077 neue Fälle, Stand: 21.10.), obwohl doch die meisten der Erwachsenen bereits durchgeimpft sind. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg in den vergangenen Tagen von 65,4 (Mittwoch, 13.10.) auf 85,6! Eine besorgniserregende Entwicklung. Und dennoch wollen viele die Corona-Maßnahmen der vergangenen Monate hinter sich lassen.

 

Warum steigen die Corona-Zahlen jetzt wieder? Die 4 wichtigsten Gründe

Andere Länder wie Großbritannien oder Dänemark haben längst ihren Freedom-Day verkündet – in Deutschland zögert man aufgrund der steigenden Zahlen noch. Aber: Warum überhaupt der massive Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen? Diese 4 Gründe spielen eine wichtige Rolle.

 

1. Im Herbst steigen die Zahlen generell

Es wird kalt in Deutschland. Und das Coronavirus, welches zu den typischen Winterviren gehört, kann sich besser verbreiten. Die Kälte spielt dem Virus dabei in die Karten. Sie bedingt, dass es eine höhere Überlebensfähigkeit hat, sodass es sich leichter ausbreiten kann.

Zudem steigt jetzt generell die Anfälligkeit für Erkältungskrankheiten. Der Körper kann bei kälteren Temperaturen auch das Coronavirus schlechter abwehren, da über die sogenannten Flimmerhärchen bei kälteren Temperaturen die Viren schlechter bzw. langsamer und zäher über den Nasen-Rachen-Raum und die Bronchien transportiert. Die Viren können so schwerer unschädlich gemacht werden.

Ein weiterer Faktor, der im Herbst eine Rolle spielt: Vieles verlagert sich aufgrund der kalten Temperaturen nach innen. Und in Innenräumen ist das Infektionsrisiko bekanntlich höher als draußen, wo die Aerosole sich besser verteilen können. 

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2. Herbstferien gleich höhere Corona-Zahlen?

Natürlich spielen auch die Herbstferien bei den Infektionszahlen eine Rolle. So sind zum Beispiel in Schleswig-Holstein in den Urlaubsregionen die Corona-Zahlen ungewöhnlich in die Höhe geschnellt. Zudem bergen Reiserückkehrer immer ein höheres Infektionsrisiko. RKI-Chef Lothar H. Wieler erklärte unlängst gegenüber der Funke Mediengruppe, dass es durch den Urlaubsverkehr „zu mehr Infektionseinträgen aus dem Ausland“ kommen könnte. Man beachte jedoch: In vielen Bundesländern wie Bayern, Sachsen oder Thüringen stehen die Herbstferien erst noch bevor.

 

3. Zu langsam bei den Auffrischungsimpfungen

Dass der Impfschutz vor allen bei älteren und immungeschwächten Personen schneller nachlässt, ist hinlänglich bekannt. Die europäische Arzneimittel Agentur (EMA) hat sich daher für eine dritte Impfung, auch Booster-Impfung genannt, ausgesprochen. Aber diese komme für viele möglicherweise zu spät. Während die Hochbetagten und Immungeschwächten zu Beginn der Pandemie als besondere Risiko-Gruppe eingestuft und somit als erstes geimpft worden, ist inzwischen mehr als ein halbes Jahr vergangen. Die Folge: Der Impfschutz nimmt ab und es werden wieder vermehrt Ausbrüche in Alten- und Pflege-Einrichtungen gemeldet.

Das Robert Koch-Institut schätzt im aktuellen Wochenbericht, dass die Impfeffektivität in den letzten vier Wochen für die Altersgruppe über 60 bei nur noch 76 Prozent liege.  

 

4. Geimpfte ähnlich ansteckend wie Ungeimpfte

Eine Corona-Impfung schützt sehr gut vor einem schweren Corona-Verlauf – allerdings zeigen neue Studien, dass sie eben nicht zu 100 Prozent vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützt.

Israelische Forscher:innen haben herausgefunden, dass der Impfstoff der Firma Biontech/Pfizer bei der hier dominierenden Delta-Variante nur noch zu 64 Prozent vor einer Ansteckung schützt. Ähnlich ist es bei Moderna – und noch geringer der Schutz vor einer Ansteckung mit Johnson & Johnson. 

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So sind in Deutschland zwar viele bereits geimpft und haben durch 2G-Konzepte und lockerere Maßnahmen, etwa beim Friseur, im Fußballstadion oder Club, wieder viele Freiheiten zurückerlangt, das Infektionsrisiko ist dennoch nicht gebannt.

Wissenschaftler:innen der Universität Oxford in Großbritannien fanden heraus: Die Delta-Variante birgt eine 1.000-mal höhere Viruslast als das Ursprungsvirus. und ist somit fast genauso ansteckend wie Windpocken. Kommt es also trotz Impfung zu einer Infektion (Impfdurchbruch) ist diese Person genauso infektiös wie eine ungeimpfte Person

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Extrem hohe Infektionszahlen bedingen daher natürlich auch bei Geimpften eine höhere Ansteckungsrate. Diese 4 Gründe erklären daher, warum trotz hoher Impfquote die Corona-Zahlen ausgerechnet jetzt wieder steigen – und warum es bis zum Freedom Day möglicherweise noch ein weiter Weg ist.

Quellen:

Zu langsam bei den Booster-Impfungen?, in: tagesschau.de
Drastischer Anstieg! 4 Faktoren lassen die Corona-Zahlen wieder stark wachsen, in: focus.de

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