Warum steigen die Corona-Zahlen im Lockdown wieder? 5 Gründe

Ines Fedder Medizinredakteurin

Deutschland befindet sich noch bis zum 10. März im Lockdown. Doch obwohl die Zahlen anfangs sanken, steigen sie aktuell wieder. Aber warum gehen die Zahlen eigentlich nicht weiter runter? Diese 5 Gründe gibt es.

Warum gehen die Corona-Zahlen aktuell nicht weiter runter? Das fragen sich aktuell wohl viele. Schließlich befindet sich Deutschland immer noch im Lockdown und muss harte Corona-Beschränkungen über sich ergehen lassen. Und obwohl es keine großen Lockerungen gibt, stagnieren die Zahlen vielerorts. In einigen Bundesländern – wie zum Beispiel in Hamburg – steigen sie sogar.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar H. Wieler, spricht aktuell sogar davon, dass sich Deutschland an einem Wendepunkt der Pandemie befindet. Aber warum ist das so? Das sind die 6 möglichen Gründe. 

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Trotz Lockdown: Warum steigen die Corona-Zahlen wieder?

Es gibt mehrere Gründe, die eine hohe Fallzahl bei den Corona-Infektionen erklären können. Besonders folgende sechs Faktoren spielen eine große Rolle. 

1. Deutschland ist pandemiemüde

Obwohl sich die Bevölkerung bereits vor dem letzten Gipfeltreffen der Ministerpräsidenten angeschlagen zeigte, haben viele sich noch einmal zusammengerissen und sich weiter eingeschränkt. Die Folge: Die Zahlen fielen zu Beginn des Lockdowns wieder. Im Schnitt sanken die Fallzahlen pro Woche um rund 25 Prozent. Nun nähert sich der Inzidenzwert deutlich der 50 an Wert – der lange Zeit als Richwert für Lockerungen gilt.

Der Bund setzte einen neuen Wert an, um mögliche Lockerungen in Erwägung zu ziehen, die 35er-Inzidenz. Viele Bürger wollen weitere Einschnitte bis einer solch niedrigen Inzidenz nun nicht mehr ohne Weiteres mitmachen. Die Bevölkerung ist mit lang anhaltender Lockdown-Dauer zunehmend „pandemie-müde“. „Wir sind einfach müde, Pandemie-müde. Das Virus ist es nicht“, erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn unlängst in einer Pressekonferenz.

Daraus resultiert natürlich, dass viele sich nicht mehr in dem Maße an die Corona-Maßnahmen halten wie zuvor. Bereits Ende Januar resümierte der Präsident des Robert Koch-Instituts: "Die Maßnahmen werden nicht in dem Maße umgesetzt. Ich weiß nicht, woran das liegt.“

„Wir sehen, dass die Anzahl der Kontaktbeschränkungen einfach nicht ausreicht. Wir kommen bislang auf eine Kontaktreduktion auf etwa 40 Prozent. Wir sind aber der Meinung, dass wir eine Kontaktreduktion von etwa 60 Prozent brauchen“, so RKI-Chef Lothar H. Und je länger der Lockdown andauert und es keine nennenswerte Alternative gibt, desto weniger werden die Maßnahmen von der breiten Bevölkerung mitgetragen. 

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2. Noch ansteckendere Corona-Mutationen in Umlauf

Deutschland befindet sich laut Experten in einer „dritten Welle.“ Dritte Welle deshalb, weil die gefährlicheren, noch ansteckenderen Corona-Mutationen nun auch in Deutschland angekommen sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht davon, dass die Corona-Mutation aus Großbritannien bereits dominant sei. Sie breite sich rasant aus.

Einige Experten sprechen sogar von einer „zweiten Pandemie in der Pandemie“. Während Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch vor Kurzem von einer „Seitwärts-Bewegung“ gesprochen hat, ist es gut möglich, dass die vorherrschenden Corona-Mutationen nun Grund dafür sind, dass die Zahlen trotz Lockdown wieder steigen – einfach, weil sie ansteckender sind.

Nachdem in Deutschland anfangs verhältnismäßig wenig untersucht wurde, um welche Corona-Varianten es sich bei positiv Getesteten handelt, wird nun so gut wie jede Testprobe sequenziert. Das Ergebnis: Der Anteil der Corona-Mutation B1.1.7 in Deutschland liegt aktuell schon bei 30 Prozent. Zudem besteht die Gefahr, dass noch weitere, noch ansteckendere Corona-Varianten wie die aus Südafrika, Japan oder Finnland sich ihren Weg nach Deutschland bahnen. 

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3. Höhere Infektionszahlen wegen weniger Testungen bei Minusgraden

Bis vor Kurzem war es in Deutschland noch eisig kalt. Das sind beste Voraussetzungen für das Coronavirus, das zu den typischen „Winterviren" gehört. Durch die Kälte hat es eine höhere Überlebensfähigkeit, sodass es sich leichter verbreiten kann. 

Zudem kann der Körper im Winter das Coronavirus schlechter abwehren. Genauer gesagt das Nasen-Bronchialsystem. So werden über die sogenannten Flimmerhärchen bei kälteren Temperaturen die Viren schlechter bzw. langsamer und zäher über den Nasen-Rachen-Raum und die Bronchien transportiert. Die Viren können so schwerer unschädlich gemacht werden. 

RKI-Chef Lothar H. Wieler
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Nun sind die Temperaturen zwar frühlingshaft warm, aber die kalten Wintertemperaturen könnten sich dennoch enorm ausgewirkt haben. Denn die Vermutung liegt nahe, dass sich bei Schneechaos und eisiger Glätte schlichtweg weniger Menschen sich haben testen lassen. Das Virus konnte sich so unbemerkt weiterverbreiten, zumal jetzt bei den warmen Temperaturen sich wieder viele Menschenmassen an öffentlichen Plätzen ballen. Wer sich zuvor unbemerkt angesteckt hat und nicht getestet wurde, kann das Virus nun in der breiten Bevölkerung weiterverbreiten.

4. Jetzt wird wieder mehr getestet

Nachdem im Winter zur Corona-Höchstzeit bei einem Inzidenz-Wert von über 150 verhältnismäßig wenig getestet wurde, sind die Testkapazitäten nun wieder breiter aufgestellt. Es werden nicht mehr nur Personen getestet, bei denen eindeutige Corona-Symptome diagnostiziert sind, sondern die breite Masse. Zudem werden Tests vermehrt in Alten- und Pflegeheimen sowie in Schulen und Kita-Einrichtungen eingesetzt. Das führt natürlich auch zu höheren Corona-Zahlen. 

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5. Das Virus verbreitet sich in geschlossenen Räumen besser

Ja, das wärmere Wetter lädt zu langen Spaziergängen draußen an der frischen Luft ein. Dennoch spielt sich das Leben aktuell zu einem großen Teil noch in geschlossenen Räumen ab.

Noch im Sommer haben sich viele einfach mit ihren Freunden, Verwandten und Bekannten draußen an der frischen Luft getroffen, wo das Einhalten der AHA-Regeln+R relativ einfach möglich war. Jetzt finden Treffen aktuell noch vermehrt drinnen innerhalb geschlossener Räume statt, wo durch die Weitergabe von Aerosolen das Coronavirus sich einfach schneller verbreiten kann

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Da sich Deutschland bereits seit mehreren Wochen im harten Lockdown befindet und sich das Infektionsgeschehen nach dem zunächst positiven Trend nun wieder verschlechtert, ist die Frage, warum die Corona-Zahlen nicht weiter sinken, nur allzu verständlich – die Gründe dafür sind jedoch vielfältig.

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