Warum sinken die Corona-Zahlen nicht? 6 Gründe!

Ines Fedder Medizinredakteurin

Warum gehen die Zahlen bei den Corona-Neuinfektionen trotz des harten Lockdowns, Ausgangssperren  und Schulschließungen einfach nicht runter? Das sind die Gründe!

Die aktuelle Corona-Lage stößt nicht nur bei der Politik auf zunehmendes Unverständnis. Auch führende Wissenschaftler haben sich nun zum aktuellen Corona-Geschehen in Deutschland geäußert und fordern weitere Maßnahmen. Noch mehr Maßnahmen? Das fragen sich nun viele. Dabei steht hinter all den Überlegungen doch viel mehr die Frage, warum überhaupt sich das derzeitige Infektionsgeschehen so dramatisch entwickelt.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler findet eine relativ einfache Erklärung für die hohen Infektionszahlen und auch für die steigenden Todeszahlen in Deutschland. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und auch Angela Merkel indes fordern Konsequenzen und bereiten schon einmal alles auf den "Totalen Lockdown" vor.

 

Trotz Lockdown: Warum sinken die Corona-Zahlen nicht? 

Es gibt mehrere Gründe, die eine hohe Fallzahl bei den Corona-Infektionen erklären können. Besonders folgende sechs Faktoren spielen eine große Rolle. 

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1. Nicht genügend Kontaktbeschränkungen

Warum die Corona-Zahlen trotz Lockdown einfach bisher nicht runter gegangen sind, sondern sogar noch gestiegen sind? Dafür findet RKI-Chef Lothar H. Wieler eine ziemlich simple Erklärung:

„Wir sehen, dass die Anzahl der Kontaktbeschränkungen einfach nicht ausreicht. Wir kommen bislang auf eine Kontaktreduktion auf etwa 40 Prozent. Wir sind aber der Meinung, dass wir eine Kontaktreduktion von etwa 60 Prozent brauchen“, erklärt RKI-Chef Lothar H. Wieler bereits vor Weihnachten. „Wir sehen, dass in Ländern wie Irland und Belgien, in denen die Zahlen erfolgreich runter gingen, eine Kontaktreduktion von 60 Prozent vorherrschte", führt Wieler weiter aus. „Es hängt im hohen Maße damit zusammen, wie wir uns alle verhalten."

Die Auswertung des Robert Koch-Instituts zeigen auch eine gewisse Ermüdung in der Bevölkerung mit einem anderen Risiko-Bewusstsein als im Frühjahr, bei dem die Kontakte noch erheblich weiter eingeschränkt wurden. In der ersten Pressekonferenz im neuen Jahr bekräftigt Lothar Wieler noch einmal diesen Eindruck: "Die Maßnahmen werden nicht in dem Maße umgesetzt. Ich weiß nicht, woran das liegt“, erklärt der RKI-Chef das derzeitige Zahlen-Hoch im erneuten Lockdown.

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2. Zu viel Mobilität trotz Lockdown

Die Mobilität in Deutschland ist trotz des harten Lockdowns immer noch zu hoch. Das bekräftigte u,a. Dr. Dirk Brockmann, Experte für Mobilität in Deutschland, der die aktuellen Entwicklungen ganz genau unter die Lupe genommen hat. Während noch im ersten Lockdown im März die Mobilität innerhalb einer Woche um bis zu 40 Prozent gesunken ist, in Städten sogar bis zu 70 Prozent, sei die Mobilität derzeit im Vergleich deutlich höher. Dies läge auch daran, dass immer noch zu viele Menschen täglich den Arbeitsweg auf sich nehmen müssten und zu wenig von zuhause aus arbeiten würden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte daher in einem emotionalen Appell die Bevölkerung und vor allem die Arbeitgeber auf, mehr Homeoffice zu ermöglichen. Wo es geht, sollen alle Bürger, die Wohnung nicht verlassen. EIne Möglichkeit, um dies besser zu kontrollieren, ist die in Hotspots verhängte sogenannte Corona-Leine, die das Verlassen des Wohnraums nur noch in einem Umkreis eines 15-Kilometer-Radius gestattet.

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3. Noch ansteckendere Corona-Mutationen in Umlauf

Ein nicht uninteressanter Gedanke, aber leider aktuell noch nicht mit Zahlen belegbar, ist die Gefahr von noch ansteckenderen Corona-Varianten aus dem Ausland, die z.B. in Großbritannien und Irland sowie in Südafrika und Japan bereits für ein stärkeres Infektionsgeschehen gesorgt haben. Die Bundeskanzlerin und Experten sind spürbar besorgt aufgrund der neuen Corona-Mutationen und wollen daher schon nächste Woche über weitere Maßnahmen sprechen.

Das Problem bei möglichen Corona-Mutationen in Deutschland: Wir haben keinen Überblick über sie, wie RKI-Chef Lothar Wieler unlängst bei einer Pressekonferenz zugeben musste. In Deutschland werde derzeit im Vergleich zum Ausland Corona-Viren nicht gründlich genug untersucht. Im Vergleich: Während in England rund 13.000 Genom-Sequenzierungen am Tag gemacht werden, sind es hier rund 200 bis 250 im Monat. 

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4. Das Coronavirus mag Kälte

Das Coronavirus gehört zu den typischen „Winterviren", die sich bei trockener Luft sehr wohl fühlen und eine höhere Überlebensfähigkeit haben - d.h. es verbreitet sich auch schneller. Zudem kann der Körper im Winter das Virus schlechter abwehren. Genauer gesagt das Nasen-Bronchialsystem. So können über die sogenannten Flimmerhärchen bei kälteren Temperaturen die Viren schlechter bzw. langsamer und zäher über den Nasen-Rachen-Raum und die Bronchien transportiert werden. Die Viren können so schwerer unschädlich gemacht werden.

 

5. Das Virus verbreitet sich in geschlossenen Räumen besser

Noch im Sommer haben sich viele einfach mit ihren Freunden, Verwandten und Bekannten draußen an der frischen Luft getroffen, wo das Einhalten der AHA-Regeln+R relativ einfach möglich war. Im Winter finden Treffen nun vermehrt drinnen innerhalb geschlossener Räume statt, wo durch die Weitergabe von Aerosolen das Coronavirus sich einfach schneller verbreiten kann. Regelmäßiges Lüften und Abstandhalten kann zwar eine Ausbreitung verhindern, ist bei kalten Temperaturen jedoch schwieriger umzusetzen.

 

6. Diffuses Infektionsgeschehen bremst Kontaktnachverfolgung

Das Coronavirus zirkuliert in der Bevölkerung anders als noch im Frühjahr und eine Kontaktnachverfolgung ist kaum noch möglich. Während noch im Frühjahr vereinzelnde Ausbrüche die Zahlen in die Höhe trieben, kann man nun nicht mehr nachverfolgen, wo sich die Betroffenen anstecken. Die Folge: Das Virus grassiert weiter in der Bevölkerung, ohne das sich die Betroffenen in Quarantäne begeben können. So führt das dazu, dass das exponentielle Wachstum nicht mehr gestoppt wird, sondern weiter ansteigt. Zudem ist das Virus nun nicht mehr nur in der jüngeren Bevölkerung angekommen. Es wird auch in weitere Altersgruppen getragen, wo es verheerende Folgen hat. Das bewirkt auch, dass aktuell die Todeszahlen bei den vulnerablen Gruppen steigen.

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Warum sind die Corona-Todeszahlen derzeit so hoch?

Besonders viele Todesfälle gibt es derzeit in Senioren-Heimen und Pflegeheime. Dies liegt daran, dass die vulnerablen Gruppen in einem hohen Alter (ab 80 Jahren) besonders anfällig für das Virus sind. Es ist nicht gelungen, diese Risiko-Gruppen zu schützen, beklagt auch der Präsident des Robert Koch-Instituts.

Die Zahl der hohen Todesfälle liegt demnach daran, dass eine hohe Infektionszahl in Kombination mit einem nicht nachzuvollziebaren Infektionsgeschehen auch viele Neuansteckungen bedeutet, die, sofern man die Risiko-Gruppen nicht entsprechend schützen kann, auch zu einer hohen Anzahl von Todeszfällen führt. Ein Hoffnungsschimmer gibt es jedoch: Die aktuell anlaufenden Corona-Impfungen für Personen über 80 Jahren. Aktuell sind in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) 961.682 Personen geimpft  (Stand: 15. Januar).

Nachdem Deutschland sich bereits seit mehreren Wochen wieder im harten Lockdown befindet und sich das Infektionsgeschehen trotzdem nicht beruhigt, ist die Frage, warum die Corona-Zahlen nicht sinken, nur allzu verständlich – die Gründe dafür sind jedoch vielfältig.

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