Warum sich 50 Freiwillige mit Würmern infizierten

Verena Elson
Hakenwurm
Der Hakenwurm ist ein in Entwicklungsländern verbreiteter Parasit – dass er hierzulande so selten vorkommt, könnte zu unserem Nachteil sein © iStock/Dr_Microbe

Einfach nur eklig - oder sogar nützlich? Es kann tatsächlich sinnvoll sein, sich absichtlich mit sogenannten Hakenwürmern zu infizieren, zeigt eine Studie.

Pizza, Burger und Spaghetti sind für Menschen mit Zöliakie absolut tabu - denn schon geringe Mengen von dem in den meisten Getreidesorten enthaltenen Klebeeiweiß Gluten können bei ihnen schwere Symptome wie Bauchkrämpfe, Durchfall und Erbrechen auslösen.

Der Grund ist eine Fehlreaktion des Immunsystems: Sobald die Betroffenen Gluten zu sich nehmen, bildet das Immunsystem Antikörper gegen die Zellen des Dünndarms. Die Folge sind Entzündungen der Darmschleimhaut.

 

Wurminfektionen wirken entzündungshemmend

Forscher beobachten seit Langem, dass die Zöliakie in Entwicklungsländern weit weniger verbreitet ist als in Industrienationen. Als Grund vermuten einige Mediziner, dass es in Entwicklungsländern häufiger zu Parasitenbefall, beispielsweise mit sogenannten Hakenwürmern kommt.

Der Hintergrund: An Autoimmunerkrankungen wie der Zöliakie sind bestimmte Immunzellen namens Typ1-T-Helferzellen beteiligt, die entzündungsfördernd wirken. Die Gegenspieler dieser Zellen heißen Typ2-T-Helferzellen und wirken entzündungshemmend. Mediziner haben beobachtet, dass sie bei einer Infektion mit Hakenwürmern besonders aktiv sind. Die Frage, die sich Forscher der James Cook University im australischen Townsville und des Prince Charles Hospitals in Brisbane stellten, lautete daher: Kann die gesteigerte Aktivität der Typ2-T-Helferzellen durch den Wurmbefall diejenige der Typ1-T-Helferzellen aufgrund der Zöliakie ausgleichen?

 

Erste Studie: Freiwillige lassen sich mit Würmern infizieren

In einer 2014 veröffentlichten kleinen Studie infizierte das Team um Dr. Johnn Croese und Dr. Paul Giacomin zwölf Zöliakie-Patienten mit Hakenwurmlarven - dazu wurden die Larven mit einem Pflaster auf die Haut der Probanden gesetzt und bahnten sich von dort ihren Weg in den Körper, bis zum Verdauungstrakt. Für die Probanden war das nicht schmerzhaft - sie verspürten lediglich eine Art Kribbeln, als hätten sie etwas Tabasco auf der Haut.

Im anschließenden Studienzeitraum von zwölf Monaten nahmen die Studienteilnehmer zunächst ganz kleine, dann immer größere Mengen Gluten zu sich. Sie steigerten sich so von zehn Milligramm Gluten täglich (wie in einem etwa zwei Zentimeter langen Stück Spaghetti) auf drei Gramm (etwa die Menge einer mittelgroßen Portion Spaghetti).

Von den zwölf Probanden beendeten acht die Studie - alle vertrugen die relativ hohe Glutendosis am Ende der Studie ohne Symptome. Auch Proben aus ihrer Darmschleimhaut zeigten keine Schädigungen durch das Gluten.

Die Patienten waren mit dem Ergebnis zufrieden: Alle gaben an, dass sich ihre Lebensqualität verbessert hatte - und wünschten nach Studienabschluss keine Behandlung, um die Würmer wieder loszuwerden.

 

Zweites Experiment mit 40 Freiwilligen

Nach den vielversprechenden Ergebnissen der ersten Studie bewilligte die australische Regierung den Wissenschaftlern neue Forschungsgelder für ein weiteres Experiment. An der Studie, die aktuell noch andauert, nehmen 40 Zöliakie-Patienten teil. Über mehrere Jahre sollen sie an weit höhere Glutenmengen gewöhnt werden als die Probanden in dem ersten Experiment. 

Einmal im Körper, können die Würmer zehn Jahre dort leben - da sie sich im menschlichen Körper nicht vermehren, besteht keine Gefahr durch zu viele Würmer im Körper. Sind sie abgestorben, werden sie über den Stuhl ausgeschieden.

 

Wurminfektion - Zöliakie-Therapie der Zukunft?

Dennoch schließen die Wissenschaftler eine standardmäßige Zöliakie-Therapie durch Hakenwurm-Infektionen aus. Denn unter Umständen kann der Wurmbefall sogar lebensgefährlich werden - etwa für Kinder, Schwangere und unterernährte Menschen.

Das Ziel der zweiten, umfangreicheren Untersuchung ist es darum herauszufinden, welcher Mechanismus genau hinter der entzündungshemmenden Wirkung der Hakenwürmer steckt. Die Vermutung der Forscher ist, dass die Würmer ein Protein ausscheiden, das die entzündungshemmende Reaktion des Immunsystems bei Wurminfektionen auslöst. Gelingt es den Wissenschaftlern, dieses Protein zu isolieren, könnten daraus künftig Medikamente in Pillenform entstehen, die Zöliakie-Patienten das Leben erleichtern.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.