Warum man süßen Babys in die Wange kneifen möchte

Verena Elson Medizinredakteurin

Sie sind gefürchtet und gehasst: Wangenkneifende Tanten, die flüchtende Kinder um den Weihnachtsbaum jagen. In Wahrheit geben diese Tanten nur einem Bedürfnis nach, das die Mehrheit der Menschen hat. Doch wo kommt dieses Bedürfnis her?

„Ich könnte dich auffressen“ – US-Forscher haben untersucht, was hinter der sogenannten Cute Aggression steckt
„Ich könnte dich auffressen“ – US-Forscher haben untersucht, was hinter der sogenannten Cute Aggression steckt Foto:  tatyana_tomsickova/iStock

Babys mit Pausbäckchen, tapsige Hundewelpen, knuffige Katzenbabys – wer bei einem solchen Anblick den Drang verspürt, zuzukneifen, ist nicht allein: 70 bis 75 Prozent der Bevölkerung geht es ähnlich, schätzt Katherine Stavropoulos von der University of California in Riverside.

 

Cute Aggression – Extreme Zuneigung fördert Aggression

Gemeinsam mit ihrem Team untersuchte sie ein Bedürfnis, das eigentlich recht widersinnig erscheint: ein Kind oder Tier zu kneifen oder quetschen, weil man es so niedlich findet. Dafür gibt es sogar einen Fachausdruck — „Cute Aggression“, also etwa „niedliche Aggression“. In einer 2013 veröffentlichten Studie beobachteten Wissenschaftler der Yale University, dass Probanden Luftpolsterfolie umso häufiger knallen ließen, je niedlicher die Babys und Tiere in den Videos waren, die sie zu sehen bekamen.

Stavropoulos und ihr Team befassten sich nun näher mit den Vorgängen, die dabei im Gehirn  ablaufen. Die Forscher ließen Probanden Fotos von niedlichen Babys und Tieren ansehen und befragten sie zu ihren Gefühlen bei dem Betrachten der Bilder. Zusätzlich wurde während dem Experiment die Aktivität ihres Gehirns per EEG (Elektroenzephalografie) verfolgt.

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Gehirn schützt sich vor Überreaktion

Die Forscher konnten beobachten, dass die Emotions- und Belohnungssysteme im Gehirn an der Entstehung der Cute Aggression beteiligt sind. Als Erklärung für das Phänomen haben sie folgende Theorie: Das Gehirn ist mit so viel Niedlichkeit schlicht überfordert. Um seinen „Normalzustand“ wieder zu erlangen, setzt es ihr zum Ausgleich eine aggressive Emotion entgegen. Es handelt sich gleichsam um einen Schutzmechanismus, um vor lauter Liebe und Zuneigung nicht die Fassung zu verlieren. Das Ziel dahinter ist, dass wir uns gut um unseren Nachwuchs kümmern, anstatt nur verzückt lächelnd und emotional überwältigt vor ihm zu stehen.

Tier- und Menschenbabys kneifen, drücken und quetschen zu wollen ist also völlig in Ordnung – so lange wir das Bedürfnis kontrollieren können und dem Objekt unserer Zuneigung nicht tatsächlich wehtun.

Quellen:
Stavropoulos, Katherine Kuhl-Meltzoff, and Laura Alba (2018): “It’s so cute I could crush it!”: Understanding neural mechanisms of Cute Aggression, in: Frontiers in Behavioral Neuroscience.

Arnold, Carrie (2013): Cuteness Inspires Aggression, in: Scientific American Mind.
 

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