Warum kann ich kein Blut sehen?

Verena Elson Medizinredakteurin
Frau hat sich in den Finger geschnitten
Bei einigen Menschen reicht eine Schnittwunde im Finger aus, um Übelkeit oder sogar einen Ohnmachtsanfall auszulösen © Fotolia

Der Anblick von Blut genügt und schon werden die Beine schwach und der Blick verschwimmt: Wer dieses Gefühl kennt, gehört zu den zwei bis vier Prozent der Bevölkerung, die ohnmächtig werden, wenn sie Blut sehen. Doch warum ist das so? Dieses Rätsel beschäftigt Mediziner seit langem.

40 Prozent aller Menschen werden irgendwann in ihrem Leben ohnmächtig. Das kann körperliche Ursachen haben wie einen starken Blutverlust – es kann aber auch scheinbar sinnlos passieren, wie bei der „Blutphobie“. Betroffene Menschen können kein Blut sehen – schon eine kleine Schnittwunde im Finger kann bei ihnen einen Ohnmachtsanfall auslösen, bei einigen reicht es schon aus, das Wort „Blut“ in einem Roman zu lesen.

 

Was passiert bei dem Ohnmachtsanfall?

Wenn wir aufstehen, führt die Schwerkraft dazu, dass das Blut nach unten läuft – damit steigt die Gefahr, dass das Gehirn weniger effektiv versorgt wird. Normalerweise reagiert der Körper blitzschnell auf diese Veränderung der Situation: Das Gehirn bemerkt die verringerte Blutversorgung des Oberkörpers und schickt chemische Signale zu den Blutgefäßen in Beinen und Becken. Diese verengen sich und zwingen das Blut, nach oben zu fließen und Oberkörper und Kopf wieder besser zu versorgen.

Doch bei Menschen, die zu Ohnmachtsanfällen neigen, sind die chemischen Signale nicht stark genug und die Nachricht „Blutgefäße verengen“ kommt nicht an. Die Folge: Das Blut sammelt sich im Unterkörper und der Blutdruck sinkt langsam. Passiert dann etwas, dass einen schnellen Abfall des Blutdrucks bewirkt, wird die Person bewusstlos. Das Problem der schlechten Durchblutung des Oberkörpers ist damit gelöst – denn der Betroffene liegt flach und das Blut kann wieder ins Gehirn fließen.

Warum bei einigen Menschen der Anblick von Blut als Auslöser für diesen schnellen Blutdruckabfall ausreicht, ist bisher nicht eindeutig geklärt – es existieren allerdings unterschiedliche Theorien dazu.

 

Die Totstellen-Theorie

Einige Experten erinnert der Ohnmachtsanfall beim Anblick von Blut an das „Totstellen“ einiger Tierarten, die in Gefahrensituationen erstarren. Im Laufe der Evolution könnten Ohnmachtsanfälle demnach etwa in Schlachten nützlich gewesen sein – wenn sie dazu führten, dass Menschen für tot gehalten und nicht länger bekämpft wurden.

 

Die Blutstopp-Theorie

Andere Wissenschaftler gehen bei der „Blutphobie“ von einer Fehlreaktion des Gehirns aus, die von einem natürlichen Schutzmechanismus des Körpers rührt: Kommt es tatsächlich zu einem starken Blutverlust, bleibt der Blutdruck zunächst aufrechterhalten, um die Versorgung der lebenswichtigen Organe sicherzustellen. Bei einem Blutverlust von 30 Prozent jedoch reagiert der Körper und senkt den Blutdruck herab, sodass weniger Blut austritt.

Bei Menschen, die schon beim bloßen Anblick von Blut ohnmächtig werden, wird der Befehl zur Blutdrucksenkung fälschlicherweise viel zu früh oder unnötigerweise gegeben.

 

Die Trauma-Theorie

Eine weitere Theorie führt die Blutphobie auf traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend zurück – beispielsweise eigene schwere Verletzungen oder ein starker Blutverlust bei einer nahestehenden Person. Außerdem weisen einige Untersuchungen darauf hin, dass eine Blutphobie von Eltern auf ihre Kinder übertragen, also „erlernt“ werden kann.

 

Kann man dem Ohnmachtsanfall vorbeugen?

Wer anfällig für Ohnmachtsanfälle ist, kann vorbeugen, indem er den Körper „zwingt“, Blut in den Kopf zu pumpen. Dazu eignet sich beispielsweise das Kreuzen der Beine und Anspannen der Muskeln in Beinen und Po. Noch besser: in die Hocke gehen – dabei wird Blut aus Beinen und Bauch in den Kopf gepresst. Wer im Vorfeld schon weiß, dass eine kritische Situation bevorsteht, sollte 20 bis 30 Minuten vorher einen halben Liter Wasser trinken, denn das stimuliert die Blutgefäße dazu, sich zusammenzuziehen.

© by WhatsBroadcast

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.