Warum Frauen öfter Asthma haben

Verena Elson
T-Zelle
Bei Menschen mit Asthma löst eine Überreaktion des Immunsystems Entzündungen der Atemwege aus – eine aktuelle Studie zeigt, dass diese Vorgänge auch durch Hormone beeinflusst werden © iStock/cgtoolbox

Frauen erkranken deutlich häufiger an Asthma als Männer. Dass die Ursache dafür bei den Hormonen zu suchen ist, vermuten Mediziner schon lange. Welche Mechanismen genau dahinterstecken, haben US-Forscher jetzt herausgefunden – und waren von den Ergebnissen überrascht.

Wissenschaftler des Vanderbilt University Medical Center in Nashville haben ein Rätsel gelöst, das die Medizin seit Langem beschäftigt: Warum erkranken Frauen häufiger an Asthma als Männer? Da die Erkrankungszahlen unter den Frauen erst im Erwachsenenalter deutlich höher sind und mit der Menopause wieder sinken, hatten Forscher lange Zeit das weibliche Geschlechtsorgan Östrogen im Verdacht, an der Entstehung von Asthma beteiligt zu sein.

 

Immunzellen fördern Entzündungsreaktionen

Das Team um Dawn C. Newcomb, Assistenzprofessorin für Medizin und Pathologie an der Vanderbilt University, konzentrierte sich bei seiner Forschung auf spezielle weiße Blutkörperchen namens ILC2. Bereits seit einiger Zeit war bekannt, dass diese Immunzellen bei der Entstehung von allergischen Reaktionen und Asthma eine Rolle spielen. Der Grund: Sie produzieren ein spezielles Eiweiß, das Entzündungsreaktionen fördert. Asthma-Patienten haben eine größere Anzahl dieser Zellen im Blut als gesunde Menschen.

Per Blutanalyse bestimmten die Forscher die Anzahl der ILC2-Zellen im Blut von männlichen und weiblichen Asthmapatienten und einer gesunden Kontrollgruppe. Zwischen gesunden Frauen und Männern konnten sie dabei keinen Unterschied feststellen. Doch in der Asthma-Gruppe hatten Frauen mehr ILC2-Zellen im Blut als Männer.

 

Testosteron schützt vor Entzündungen

Als nächstes brachten die Forscher Lungenzellen von Mäusen im Labor in Kontakt mit verschiedenen Hormonen. Zunächst testeten sie die Reaktion der ILC2-Zellen auf die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron – bei beiden ließ sich kaum eine Reaktion beobachten.

Ganz anders sah das Ergebnis aus, wenn die Lungenzellen dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron ausgesetzt wurden: Die Vermehrung der ILC2-Zellen wurde gebremst und gleichzeitig schränkten die vorhandenen ILC2-Zellen die Produktion des entzündungsfördernden Eiweißes ein.

Testosteron
Das männliche Geschlechtshormon Testosteron hemmt Entzündungsprozesse, die an der Entstehung von Asthma beteiligt sind. Da Männer mehr Testosteron im Körper haben, sind sie besser vor Asthma geschützt als Frauen© iStock/theasis

Demzufolge fördert also nicht Östrogen die Entstehung von Asthma bei Frauen. Stattdessen hat Testosteron bei Männern einen schützenden Effekt, indem es Entzündungsreaktionen des Immunsystems verhindert.

 

Kastrierte Mäuse kriegen schneller Asthma

Das US-Team überprüfte die Ergebnisse in einem weiteren Experiment mit Mäusen. Dabei zeigte sich: Wurden männliche Mäuse mit einer Neigung zu Asthma kastriert (was ihren Testosteronspiegel sinken ließ), stieg die Zahl ihrer ILC2-Zellen an. Kamen sie anschließend in Kontakt mit Asthmaauslösern, zeigten sie deutlich stärkere Entzündungsreaktionen als Artgenossen, die ebenfalls eine Asthmaneigung, aber einen normalen Testosteronspiegel hatten.

Wie sich diese Erkenntnisse für die Asthma-Therapie nutzen lassen, steht noch nicht fest. Eine Testosteron-Therapie für Frauen etwa brächte unerwünschte Nebenwirkungen wie eine tiefere Stimme oder stärkere Behaarung mit sich. Außerdem sei das Verhältnis der Sexualhormone nicht der einzige auslösende Faktor bei Asthma, betonen die Forscher. Dennoch sollte er bei der Entwicklung weiterer Behandlungsansätze berücksichtigt werden.

 

Pille kann Asthma verstärken

Relevant sind diese Ergebnisse schon jetzt für Asthmatikerinnen, die die Anti-Baby-Pille einnehmen: Denn die Hormonpräparate senken den sowieso schon niedrigen Testosteronspiegel bei Frauen. Bei einigen Patientinnen verstärkt die Einnahme der Pille die Asthma-Symptome – das könnte demnach an ihrer testosteronhemmenden Wirkung liegen. Betroffene Frauen könnten gegebenenfalls zu einem anderen Präparat wechseln oder eine hormonfreie Verhütungsmethode wählen.

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