Warum belügt mich mein Gehirn?

MRT-Bilder der Gehirne
MRT-Aufnahmen der Gehirne von Patienten – mit ihrer Hilfe suchen Neurologen nach Erklärungen für rätselhafte Wahrnehmungsphänomene wie Halluzinationen © Fotolia

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin: Unser Gehirn erschafft sich die Welt, wie es ihm gefällt. Deutlich wird das besonders, wenn uns seltsame Sinneseindrücke in die Irre führen. Warum das alles? Sie ist wichtig für unser Überleben – die Illusion, dass alles so ist, wie es scheint.

Es geschieht bei einem Spaziergang. Ein Mann tritt ihm in den Weg. Er erschrickt gleich zweimal, denn er erkennt dieses Augenpaar, das ihn jetzt herausfordernd fixiert. Das ganze Gesicht, der Körper – dieser Mensch ist er selbst! Noch bevor er diesen absurden Gedanken zu Ende denken kann, ergreift er die Flucht, doch sein Double setzt ihm nach, hetzt ihn bis in die Wohnung. Dort greift der Verfolgte zu einem Baseballschläger. Sein Doppelgänger ist schneller und schlägt ihm mit einem Sportgerät mehrmals fest auf den Kopf. Schwer verletzt geht das Opfer zu Boden.

Es klingt nach einem irren Gedankenexperiment: die unheimliche Begegnung mit dem eigenen Doppelgänger. Für manche Menschen ist das alles andere als ein Hirngespinst, nämlich eine real erlebte Erfahrung und manchmal sehr gefährlich, wie der amerikanische Psychiater Ronald Siegel weiß. Beispiele kennt er viele. Da ist etwa die junge Frau aus Seattle – sie wird von ihrer Doppelgängerin überfallen, in einen engen Schrank gedrängt, dort mit einem Gürtel gewürgt; schließlich versucht die andere sogar, ihr die Zunge abzuschneiden. ,,Wir haben es hierbei mit Fällen von Autoskopie zu tun, einem Phänomen des Sich-selbst-Sehens. Es sind besonders extreme Fälle einer Sinnestäuschung, wie sie in schwächerer Form allerdings häufig vorkommt", sagt Siegel.

Die Opfer dieser Täuschung erliegen einer Halluzination und verletzen schlimmstenfalls sich selbst, während sie davon überzeugt sind, gegen ihr fleischgewordenes zweites Ich zu kämpfen – ohne es zu ahnen. Harmloser ist es, wenn Migränepatienten für einige Sekunden sich selbst oder Teile von sich, etwa den eigenen Oberkörper, sehen.

Natürlich sind solche Erfahrungen in Wahrheit nichts als Hirngespinste. Manchmal ausgelöst durch neuropsychologische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Epilepsie. Auch Migräne, Depressionen oder Alkohol und andere Drogen können eine Autoskopie auslösen. In erster Linie handelt es sich dabei um ein Wahrnehmungsphänomen. Tatsächlich ist die menschliche Wahrnehmung einer der komplexesten und rätselhaftesten Untersuchungsgegenstände der Wissenschaft. Für das Zustandekommen des Doppelgängers, aber auch das Gefühl, man habe sich von seinem Körper gelöst, ist die Grenzregion zwischen Parietal- und Temporallappen besonders wichtig. An dieser Schnittstelle fließen sensorische Informationen über den Körper zusammen. Es wird berechnet, wo im Raum wir uns befinden und wie sich unser Körper als Einheit von der Außenwelt abgrenzt. Nur einer von verschiedenen Schalthebeln und einzelnen Rechenzentren, die im Großrechner Gehirn die innere Welt erschaffen. Kein Wunder, dass es dabei leicht zu Störungen im System kommen kann.

 

Unser Gehirn belügt uns gern in Extremsituationen

Halluzinationen entstehen in Todesangst
Extremsituationen, wie Todesgefahr, Hunger, Durst oder Schlafentzug, können Halluzinationen entstehen lassen© Fotolia

Die Forschung unterscheidet Pseudohalluzinationen – als Sinnestäuschungen und somit als unwirklich erkannte – von echten Halluzinationen, die der Betroffene nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheidet. ,,Sinnestäuschungen, die die Qualität von Halluzinationen haben, entstehen fast immer durch die Übererregung von Nervenzellen", so Ronald Siegel. Das geschieht zum einen im Umfeld von Verletzungen von Nervengewebe. Aber auch bei Entzündungen und Erkrankungen wie Epilepsie und starker Migräne, die mit plötzlich fehlgeleiteten Nervenimpulsen in Zusammenhang stehen, kommt es zur Entladung in Form von Bildern und Erscheinungen, die von der jeweils betroffenen Hirnregion beeinflusst werden. Ob Stimmen, Musik, Gesichter oder ganze Szenarien – es hängt davon ab, an welcher Stelle Nervennetze zu stark unter Strom stehen. Drogen oder Schizophrenie können diese fremden Welten entstehen lassen, aber eben nicht nur: Wahrnehmungen dieser Art können sich auch einstellen, wenn Menschen Extremsituationen ausgesetzt sind – starker Hunger, Durst, Schlafmangel, Todesgefahr, Fieberdelirium, sogar Einsamkeit können der Grund sein. Mönche in der Zurückgezogenheit ihrer Meditation erleben sie, Bergsteiger – aber auch Geiseln, Folteropfer, Kriegsgefangene berichten davon. ,,Gefährlich wird es, wenn diese Halluzinationen zum Leben erwachen, wenn sie zu Wachträumen werden", sagt Siegel.

 

Das Gehirn belügt uns, sobald wir etwas wahrnehmen

Nicht zufällig ist die Wahrnehmung des eigenen Selbst und der Außenwelt etwas, das im Gehirn nicht nur immens komplexe Arbeitsprozesse benötigt, sondern auch langer Vorbereitung bedarf. Ein Säugling verfügt über einen voll ausgeprägten Sehsinn, sieht aber trotzdem nur helle und dunkle Schatten. Erst nach zwei Monaten ist ein Mensch in der Lage, seine Augen auf verschiedene Entfernungen einzustellen, scharf umrissene Objekte zu erkennen. Mit zwei Jahren kann er dann räumlich sehen. Zeitlebens erliegen wir Sinnestäuschungen, etwa Bewegungstäuschungen (wenn der Zug neben uns anfährt, fühlt es sich so an, also würde sich der eigene in Bewegung setzen) und anderen optischen Trugbildern.

Jeden Sinneseindruck unterzieht das Gehirn einem Interpretationsprozess. Erst nach dem Abgleich mit bereits vorhandenen Daten, schon gespeicherten Eindrücken kommt eine bewusste Wahrnehmung zustande. Ein unbewusster Prozess, bei dem vor allem die Gedächtnisareale aktiv sind, was bedeutet, dass zuvor gelerntes Wissen und Erinnerungen in Wahrheit die Bilder erschaffen, die wir sehen. Das bedeutet aber auch, dass Wahrnehmung als bloße Abbildung, als Blaupause der äußeren Welt, die größte Illusion überhaupt ist.

Halluzinationen, Trugbilder und Fantasien, die sich zu Wahnvorstellungen auswachsen – diese Sinnestäuschungen geben Einblicke in den unglaublichen Aufwand, den unser Gehirn betreibt, um die Illusion eines konstanten Erscheinungsbildes der Welt aufrechtzuerhalten. Die Illusion, dass alles so ist, wie es scheint, ist wichtig für unser Überleben und Zurechtfinden in der Welt. Aber eine winzige Störung kann genügen, und das Gefüge unserer Wahrnehmung fällt auseinander.

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